Kultur : Allianz der Außenseiter

„Unknown Pleasures“: Das Babylon Mitte zeigt US-Filme, die nicht ins Hollywood-Raster passen.

Frank Noack
Die Ausgemusterte. Lindsey Lohan in „The Canyons“. Foto: 2013 Canyon Thriller, LLC
Die Ausgemusterte. Lindsey Lohan in „The Canyons“. Foto: 2013 Canyon Thriller, LLC

Von Lindsay Lohan weiß man, dass sie ab und zu Geldbußen begleichen und in die Reha muss, weil sie Drogen nimmt und betrunken Auto fährt. Leider weiß kaum jemand noch, was für eine viel versprechende Schauspielerin sie gewesen ist, dass sie mit Jane Fonda und Meryl Streep vor der Kamera gestanden und mit Robert Altman gearbeitet hat. Sie wird nicht mehr als Filmstar wahrgenommen, sondern als durchgeknallte Celebrity.

Ein Festival des unabhängigen US-Kinos ist so ziemlich der letzte Ort, an dem man sie vermutet. Aber genau dort ist sie von ihrer besten Seite zu sehen. Zum sechsten Mal zeigt das Babylon Mitte bis 15. Januar „Unknown Pleasures“, und zu denen gehört der Neo-Noir-Thriller „The Canyons“ (3. und 12. Januar), bei dem schon die Entstehung aufhorchen lässt. Zwei Legenden, „Taxi Driver“-Drehbuchautor und „American Gigolo“-Regisseur Paul Schrader und „American Psycho“-Autor Bret Easton Ellis, haben beschlossen, für ganz wenig Geld einen teuer aussehenden Film zu produzieren. Das ist in Los Angeles nicht schwer, man braucht nur ein paar Freunde, die ihre Villa zur Verfügung stellen, und Prominente, die aus Idealismus mitmachen.

Durch Crowdfunding wurden 250 000 Dollar aufgetrieben, mehr hat der Film nicht gekostet. Die Darsteller sind über die Online-Castingagentur Let It Cast gefunden worden. Schrader redet ganz offen vom „Discard Casting“, „to discard“ bedeutet „Ausmustern“, man nimmt also Schauspieler, die niemand mehr haben will. Lindsay Lohan, schon mit 26 Jahren eine Ausgemusterte, verkörpert eine Frau zwischen zwei Männern, der eine arm, der andere reich. Den Armen spielt Pornodarsteller James Deen, der so arm nicht sein kann, denn er hat der Produktion seinen 90 000-Dollar-Wagen zur Verfügung gestellt. Ein ansehnliches Teil, dieser Wagen – doch „The Canyon“ ist vor allem hörenswert: wegen der warmherzig-rauchigen Stimme seiner Hauptdarstellerin.

Die Oscar-Preisträgerin Marion Cotillard ist das ganze Gegenteil von Lindsay Lohan: diszipliniert vor und hinter der Kamera, mit ihr geht man auf Nummer sicher. Aber auch sichere Projekte finden manchmal keinen Verleih. In dem Eröffnungs- und Abschlussfilm „The Immigrant“ (noch einmal am 15. Januar) stehen Cotillard zwei Oscar-Anwärter zur Seite, Joaquin Phoenix und Jeremy Renner, und die Aufnahme bei den Filmfestspielen in Cannes war immerhin freundlich. Aber der Regisseur James Gray nimmt seinen Nachnamen etwas zu wörtlich, um ein breites Publikum bedienen zu können. Er hat in zwanzig Jahren nur fünf Filme inszeniert: alles leise Dramen über osteuropäische Einwanderer, mit einer stark reduzierten Farbpalette. Angeregt von den Erzählungen seiner eigenen Vorfahren, behandelt er in „The Immigrant“ die Geschichte der jungen Polin Ewa Cybulski, die in New York an den falschen Mann gerät und sich für ihn prostituieren muss.

Im Gegensatz zu Ewa scheint Joanna Arnow Herrin ihrer Lage zu sein. Die Protagonistin von „i hate myself“ stellt ihr Privatleben ins Netz, auch ihr Sexleben (8. und 11. Januar, in Anwesenheit der Regisseurin). Sie hat gerade eine Affäre mit dem texanischen Dichter James Kepple, der durch Alkoholexzesse und rassistische Witze von sich reden macht. So ungehemmt wie er ist auch der Cutter des Films, der ab und zu nackt durchs Bild läuft. Ein Film zum Fremdschämen, vor allem für Joannas Arnows Eltern, die auf drastische Weise vorgeführt bekommen, dass ihre Tochter kein naives Mädchen mehr ist. Natürlich fragt man sich wie bei allen Filmen dieser Art, was gestellt ist und was nicht, und ob die Eltern nicht doch schon vorher eingeweiht wurden.

Wie jedes Jahr erinnert das Festival auch an die Frühzeit des unabhängigen Films, als es noch kein Internet gab und Kameraausrüstung teurer war. „Big Joy“ (4. und 10. Januar) ist ein Porträt des Dichters und Experimentalfilmers James Broughton, das Stephen Silha und Eric Slade zu dessen 100. Geburtstag produziert haben. Broughton war ein Weggefährte von Maya Deren und Kenneth Anger, hat jedoch im Gegensatz zu ihnen nur Kurzfilme gedreht und ist wohl deshalb in Vergessenheit geraten. Zu seinem Leben voller Widersprüche passt, dass er eine Affäre mit der (noch nicht) berühmten Kritikerin Pauline Kael hatte, aus der eine Tochter hervorging. Kael lehnte Experimentalfilme grundsätzlich ab, und Broughton fühlte sich sexuell mehr zu Männern hingezogen. Eine klassische Mesalliance, passend zu diesem Festival der Außenseiter. Frank Noack

www.unknownpleasures.de

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