Alpensinfonie mit der Staatskapelle : Gustavo und das Berg-Werk

Gustavo Dudamel dirigiert die Staatskapelle Berlin, der erste der drei Philharmonie-Abende mit der Alpensinfonie von Richard Strauss.

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Kecker Klettermaxe. Gustavo Dudamel.
Kecker Klettermaxe. Gustavo Dudamel.Foto: dpa

Wenn ein 100. Geburtstag ansteht, ist es schon okay, dass sich die Feierlichkeiten über drei Tage hinziehen. Ende Oktober 1915 erklang Richard Strauss’ „Alpensinfonie“ zum allerersten Mal, in der alten Berliner Philharmonie in der Bernburger Straße, der Komponist selber leitete die königlich-sächsische Hofkapelle. Weil Strauss aber damals Chef der Lindenoper war, fühlt sich neben den Dresdner und den Berliner Philharmonikern auch die Berliner Staatskapelle berufen, bei der Jubiläumsjubelfeier mitzuspielen.

Auf Dudamel am Montag folgen Thielemann und Nelsons

Unter der Leitung von Gustavo Dudamel eröffnet Barenboims Musikertruppe am Montag das „Alpensinfonie“-Tripel am Kulturforum, am Dienstag folgten Christian Thielemann und die Dresdner Staatskapelle, ab dem heutigen Mittwoch wird dann Andris Nelsons mit den Philharmonikern die Tondichtung nacherzählen.

Während die beiden Konkurrenten in der ersten Konzerthälfte jeweils namhafte Solisten aufbieten, bestreiten Dudamel und die Staatskapelle den Abend alleine. Zwischen dem Strauss’ schen Opus und Anton Webers „Passacaglia“, zwei enorm personalintensiven, vor Selbstbewusstsein strotzenden Stücken, wirkt Joseph Haydns Sinfonie Nr. 103 geradezu eingequetscht. Doch die filigran gearbeitete Wiener Klassik kann sich bestens gegen die spätromantischen Großformate behaupten, ja wird sogar zum Höhepunkt des Konzerts.

Denn Gustavo Dudamel vermag die 1795 in London uraufgeführte „Sinfonie mit dem Paukenwirbel“ als Meisterstück gewitzter Handwerkskunst zu zeigen. Haydns Werke leben von den Überraschungseffekten, mit denen der Tonsetzer die Zuhörer verblüfft. Diese Abweichungen von den Hörgewohnheiten des späten 18. Jahrhunderts für heutige Ohren akustisch erlebbar zu machen, ist allerdings eine knifflige Aufgabe.

In der langsamen Einleitung gelingt es dem Dirigenten, sofort deutlich zu machen, wie mutig Haydn mit Klängen experimentiert, wie er das Publikum bewusst harmonisch in die Irre führt, bevor sich endlich die erlösende Konsonanz einstellt. Großartig auch das chamäleonhafte Changieren des Orchesters im Andante, zwischen mysteriösem Marsch und höfischer Galanterie. Im nobelsten Sinne unterhaltend rauschen dann die letzten zwei Sätze vorbei, getragen vom goldenen Schimmer des Streicherklangs, mit bestens ausbalancierten Bläsern.

Natürlich bewältigt das Orchester auch die musikalische Trekkingtour nach der Pause mit bewundernswerter Fitness. Und doch lässt sich am Ende feststellen: Es ist noch Luft nach oben für die nachfolgenden Interpreten Thielemann und Nelsons bei diesem Alpensinfonie-Gipfeltreffen. Gustavo Dudamel nämlich sucht in dem tonmalerischen Werk gar nicht erst nach Spuren von Strauss’ Nietzsche-Rezeption, nach doppelten Böden oder parallelen Erzählebenen. Er geht die Aufgabe sportlich an, hat als kecker Klettermaxe stets die schönen Stellen im Blick – die mit der molto-espressivo-Aussicht. Wenn’s kontrapunktisch komplexer wird, breiten sich dagegen schon mal kleine Nebelfelder aus. Das Gewitter aber hat dann wieder richtig Wumm. Prasselnder Applaus.

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