Kultur : Als das Schöne noch über den Schrecken siegte

Das Drama des Bürgers als Menschheitsdämmerung. Zum Tod des Regisseurs Rudolf Noelte

Peter von Becker

Wäre er nicht Regisseur geworden, hat Rudolf Noelte einmal gesagt, dann: Arzt oder Strafverteidiger. Ein Seelendoktor, ein Ergründer unserer gebrechlichen Natur war er indes auch als Theatermann und Filmemacher – und die Szene ist ihm immer wieder zum Tribunal geraten. Zum Gericht über Menschen, denen er keine Heilung und auch keinen Freispruch versprach. Er gab ihnen dennoch Recht: als Kunstfiguren, die selbst einem chaotischen, verwirrenden, ausschweifend oder abstürzend ungeratenen Leben noch den Trost der Form gaben.

Rudolf Noelte, der nun mit 81 Jahren in einem Pflegeheim in Garmisch-Partenkirchen gestorben ist und bis vor zwei Jahrzehnten der bestbezahlte, gefürchtetste und verehrteste Regisseur zwischen Berlin und Wien, Salzburg und München war, er hat das Theater seiner jüngeren Zeitgenossen überwiegend verachtet. Ja: gehasst. Es stand für ihn, spätestens seit 1968, unterm Generalverdacht des linken Agitprop und kunstfleddernder Formlosigkeit.

Seine Theaterkarriere hatte er 1948, damals gerade 27 Jahre alt, im Berliner Hebbel-Theater als Regisseur von Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrer-Ballade „Draußen vor der Tür“ begonnen. Aus dem gespenstischen Stück wurde später auch sein erster Fernsehfilm, und sein Kinodebüt gab Noelte mit Kafka: 1968 verfilmte er „Das Schloss“ mit Maximilian Schell als Josef K. So waren Noeltes Welt- und Menschenbilder in sich durchaus gebrochen und eher tragisch als komisch. Doch blieben sie ästhetisch im Rahmen: formvollendet – keine Splitterwelten auf der Bühne, kein Kot und Blut; selbst im antiken Helden steckte der Bürger und nicht der Barbar. Umgekehrt hatte bei Noelte das bürgerliche Trauerspiel, von Strindberg bis Sternheim, von Hauptmann und Shaw bis O’Neill, den Unterton auch des mythischen (nie des sozialen, des gesellschaftlich bedingten) Verhängnisses. Damit erzeugte Noelte ein sonderbar ziviles, tragisches Pathos.

Zivil aber heißt: Noeltes Theater hatte nichts zu tun mit dem vom heimgekehrten Emigranten Fritz Kortner auf deutschen und österreichischen Nachkriegsbühnen als Schlamperei und pathetischen Kitsch gegeißelten „Reichskanzleistil“. Noelte, dem 1921 in Berlin geborenen Preußen, war jede Schnoddrigkeit ebenso zuwider wie das lautstark Auftrumpfende oder Unmusikalische. Er liebte den Kammerton, er suchte im Disharmonischen die theatrale Harmonie.

Das machte Noelte auch zum Opernregisseur, mit einer Vorliebe für Mozart und Tschaikowsky – machte ihn jedoch nie zum großen Shakespeare- oder Kleist-Interpreten: zu viel Wildheit, Wahnsinn, Unbürgerlichkeit in deren wüsten Wunderwelten. Peter Zadeks legendärer „Othello“ mit dem kingkonghaften Ulrich Wildgruber am Hamburger Schauspielhaus, wo Noelte in den Siebzigern zur gleichen Zeit Molières „Menschenfeind“ mit Will Quadflieg in Samt und Seide inszenierte, war für ihn nur schierer Graus. Den elementaren Gegenentwurf zur eigenen Theaterwelt konnte und wollte das auch von Starrsinn und Pedanterie bedrohte Genie Noeltes nicht mehr begreifen.

Seine Kunst zeigte sich in Tschechow-Inszenierungen wie den Stuttgarter „Drei Schwestern“ 1965 mit seiner Frau Cordula Trantow, mit Elisabeth Schwarz und Hans Mahnke, oder 1970 beim „Kirschgarten“ im Münchner Residenztheater, mit Maria Wimmer und Heidemarie Theobald; zeigte sich auch bei Strindbergs „Todestanz“ mit dem gespensterköpfigen Minetti im Berliner Schloßparktheater (1971) oder 1979 in Ibsens „Wildente“ an der Berliner Freien Volksbühne mit Kurt Hübner, Rudolf Platte, Werner Kreindl und Veronika Fitz sowie im gleichen Jahr beim Wiener „Tartüffe“ im Burgtheater mit Romuald Pekny, Senta Berger, Klaus Maria Brandauer und im späten Hauptmannschen „Michael Kramer“: mit Quadflieg in der Titelrolle und dem im Stück und bald darauf auch in der Realität zum Selbstmörder gewordenen jungen Marcel Werner (1983 im Thalia Theater Hamburg ).

Was da war? In seinen besten Inszenierungen übersetzte Noelte die subtilsten seelischen Regungen in Dialoge und Bewegungen im Raum, die mit ungemeiner Achtsamkeit für das gestische, sprachliche Detail eine Atmosphäre verdichteten Lebens und einer gleichsam zweiten, kunstvollen Natürlichkeit schufen. Es wurde auf der (meist von links und nur halbhell beleuchteten) Bühne kaum lauter als im so genannten wahren Leben gesprochen; statt rhetorischer Posen gab es eine dem Rhythmus der Texte, ihrer Melodie und Psychologie abgelauschte, so delikat wie streng ausgeformte Dezenz und zugleich Dringlichkeit des Spiels. Also weit weg von körperlichen Krämpfen, manischen Macken, Discomusiken und Dekonstruktionen. Dieser Schüler (ausgerechnet!) des expressionistischen Vulkans und Visionärs Jürgen Fehling war in seiner Hoch-Zeit, die nun alleine zählt, einer der letzten szenischen Feiningenieure. Nun bleibt aus dieser Generation allein noch Peter Zadek, der Antipode.

Traurig, dass Noeltes Methode am Ende zur Manier, seine Art der Komposition zum zitathaften Arrangement erstarrte. Und der von animierender persönlicher Leidenschaft ebenso wie von zunehmenden Weltuntergangsmanien besessene Meister der elegischen Bürgerdämmerung ist die letzten Jahre, an Alzheimer erkrankt, selber verdämmert. Ein Großer, der nun auf eigenen Wunsch auf dem Friedhof Stubenrauchstraße in Berlin begraben werden soll. In der Nähe von Marlene Dietrich.

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