Kultur : Als die Bilder hören lernten

Videoclips – ein aussterbendes Genre: Drei Regisseure zeigen ihre gesammelten Werke

Sebastian Handke

Sie tun etwas Schreckliches. Und je besser sie es tun, desto schrecklicher wird es. Nie wieder wird man die Musik, zu der Videoclip-Regisseure Bilder erfinden, unbeschwert hören können. Aus banalen Love- Songs werden dramatisch-surreale Kurzfilme, aus einem Lied über Nachtschwärmer wird eine Zombie-Show. Und was noch schlimmer ist: der ganze Aufwand dient einem niederen Zweck. Sind doch Videoclips nichts als Werbefilme, die den Kauf von Tonträgern anregen sollen.

So jedenfalls hatte man sich das anfangs gedacht. Doch lange schon sind Musikvideos ein Teil jener Pop-Konstruktionen, über die Musiker ihre suggestiven Botschaften vermitteln. Auch die Weigerung von Künstlern wie Pearl Jam oder Erykah Badu, Videoclips zu drehen, kann die Vormacht des Mediums nicht mehr brechen. Dessen Blüte wurde durch eine musikalische Zäsur begünstigt: Die elektronische Musik hat unsichtbare Interpreten hervorgebracht, deren Video-Inszenierungen sich von der Rolle als Star-Vehikel befreien. Im Ringen von Kunstwollen und Funktion gelingt mitunter etwas, das jenseits von Promotion eine eigene Magie entfaltet – ein Gesamtkunstwerk, das auch mittelmäßige Musik zum hybridmedialen Haiku adeln kann.

Die Schöpfer solcher Kunstwerke sind kaum bekannt, abgesehen von den großen Drei des Genres: Spike Jonze, Michel Gondry und Chris Cunningham. Diese Supergroup des Minimusikfilms hat nun ein eigenes „Directors Label“ ins Leben gerufen, das herausragende Videos nicht nach Interpreten, sondern nach Regisseuren sortiert und auf DVD zugänglich macht. Bereits die ersten drei Ausgaben mit den gesammlten Werken der Gründungsmitglieder selbst sind ein Glücksfall, nicht nur, weil es sich hier zweifellos um die besten Regisseure dieser Generation handelt. Sie verkörpern vielmehr drei vollkommen unterschiedliche Vorgehensweisen.

Da ist Spike Jonze, ein Amerikaner, der den konzeptuellen Witz liebt und Bild und Ton gegeneinander arbeiten lässt. Seine Filme entfalten ihren Reiz erst im Kontext des MTV-Mainstreams: Der Anti-Clip „Praise You“ (FatBoy Slim) hält eine hingebungsvoll bemühte, aber gänzlich untalentierte Hobby-Tanzgruppe mit der Handkamera bei einem Straßenauftritt fest. Als die Tanzgruppe später bei den MTV Music Video Awards auftritt, ist an Madonnas säuerlichem Entsetzen die Zweischneidigkeit dieser Komik gut ablesbar.

Der Humor des Briten Chris Cunningham, der kaum volljährig schon für Stanley Kubricks „A.I.“-Projekt Roboter konzipierte, ist dagegen eher von grimmiger Natur. Der bizarre Horror seines auch mit Videokunstpreisen bedachten „Come To Daddy“ (Aphex Twin) brennt sich unauslöschlich in die Netzhaut ein. Wer es nicht vorher weiß, kann hier kaum noch sagen, ob die Musik den Bildern vorausging oder umgekehrt. Cunningham ist Bildhauer und selbst auch Musiker, und wer seinen Clip zu Portisheads „Only You“ sieht, staunt, mit welch traumwandlerischer Präzision die Stimmung des hypnotischen Songs in nichts als verlangsamte Bewegungsstudien übersetzt wird.

Meister der Verschmelzung von Ton und Bild ist fraglos der Franzose Michel Gondry, der 1993 mit seinem Beitrag zu Björks „Human Behavior“ den Clip-Boom erst eigentlich auslöste. Der präzisonsverliebte Tüftler sucht nach synästhetischer Harmonie in poetischen Vexierbildern oder in surrealen Kleinwelten, die in sich geschlossene Kreisläufe ergeben – wie die Musikstücke, die sie bebildern. In einer liebevoll produzierten Dokumentation verrät Gondry seine Tricks.

Wenn ein Genre selbstreflexiv geworden ist und seine Kanonisierung in Angriff genommen wird, dann geht meist etwas zu Ende. Jonze, Gondry und Cunningham prägten die zweite Hälfte der Neunzigerjahre, das goldene Zeitalter des Musikfernsehens. Danach wechselte das Triumvirat zum Kinoformat. Jonze heimste mit „Adaptation“ eine Oscar-Nominierung und den silbernen Bären ein. Gondrys zweiter Film „Eternal Sunshine of the spotless Mind“ (mit Jim Carrey) kommt dieses Jahr in die Kinos. Chris Cunningham sitzt – allerdings recht lange schon – an einem Drehbuch zu William Gibsons „Neuromancer“-Roman.

Das Musikfernsehen bleibt verwaist zurück. Die Musikindustrie ist über das Eigenleben ihrer Erfindung nicht mehr begeistert: Die Budgets wurden in den letzten zwei Jahren halbiert, viele Clips müssen an nur einem Tag abgedreht sein, häufig nicht mehr auf Celluloid, sondern dem ungeliebten Mini-DV-Format. Die „Star Search“-Shows im Fernsehen haben die Kette von Musikproduktion und -vermarktung derart beschleunigt, dass keine Zeit bleibt für ambitionierte Gesamtentwürfe. So wird das „Directors Label“ ungewollt zum Abgesang.

Noch sind es Tonträger, die die Musikindustrie verkaufen will. Wenn sich die Verbreitung von Musik auf das Internet verlagert hat, wird der einzelne Song an Gewicht gewinnen. Dann wird es vielleicht wieder Clips geben wie jenen, den Gondry 1998 für einen House-Track erfand: „Music Sounds Better With You.“

The Works of Director Spike Jonze / Michel Gondry / Chris Cunningham, Directors Label / Labels, jeweils 24,99 Euro

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