Kultur : Als die Konturen in der Farbe zerflossen

Die erste deutsche Fragonard-Schau in Karlsruhe.

Carmela Thiele
Barbusig. „Minerva gegen Mars“. Foto: Promo
Barbusig. „Minerva gegen Mars“. Foto: Promo

Was wissen wir vom 18. Jahrhundert? Sofia Coppolas Film „Marie Antoinette“ zum Beispiel führt drastisch das absurde Hofzeremoniell von Versailles vor, die Langeweile inmitten von Bergen bunter Pralinen, aber auch die Sehnsucht nach echtem Gefühl. Oder die preisgekrönte Verfilmung der „Gefährlichen Liebschaften“ des historischen Briefromans von Choderlos de Laclos: Sie holt die Intrigen zweier Libertins in die Gegenwart.

Das Spiel mit der Liebe fand bereits bei den Malern des Rokoko auf Leinwänden Platz. Wenn man die Gemälde von Jean-Honoré Fragonard betrachtet, denkt man unwillkürlich an die bonbonfarbenen Filmszenen von Coppola. Doch der Franzose entwarf mehr als erotisch angehauchte Fantasien, er gehörte zu den Besten und Innovativsten seiner Zeit.

Die Kunsthalle Karlsruhe hat diesen Aspekt seines Schaffens zum Anlass für die erste Fragonard-Schau in Deutschland genommen. Die meisten der 80 Exponate, Leihgaben aus der Albertina in Wien, dem Louvre in Paris und der Sammlung Gulbenkian aus Lissabon, sind Arbeiten auf Papier. In ihnen äußert sich der moderne Fragonard.

Wir lernen einen jungen Mann kennen, der aus Grasse, wo er 1732 geboren ist, nach Paris kommt und dort Erfahrungen in den Ateliers von Jean-Simeon Chardin und François Boucher sammelt. Alles läuft bestens. 1752 erhält er den begehrten „Prix du Rome“. Fünf Jahre wird er in Italien die Alten Meister studieren, Land und Leute erkunden, Kollegen aus ganz Europa kennenlernen. Sein wichtigster Mäzen, der Abbé Saint-Non, ermöglicht ihm einen sechswöchigen Besuch der Villa d’Este in Tivoli. Eine atmosphärische Rötelzeichnung zeigt die dortigen Wasserfälle als urwüchsiges Naturschauspiel. Eine mit dem Pinsel überlavierte Kreidezeichnung der Zypressenallee im Garten der Villa bezeugt Fragonards subtilen Umgang mit Licht und Schatten.

Nach seiner Rückkehr nach Paris steht ihm die Karriere eines geachteten Historienmalers offen. Verführerischer ist ein Nebengleis, das Thema der galanten Abenteuer und Feste, nachgefragte Ware während des Ancien Régime. Fragonard experimentiert in der Zeichnung humorvoll mit der Darstellung des Liebesrauschs. Er knüpft an Genredarstellungen der Niederländer an, wenn er zwei Figuren verknotet im Heu zeichnet, spielt mit der Absenz des Geschehens, wenn er mit wenigen Federstrichen flauschige Kissentürme einer Bettstatt auf das Papier wirft. Mit Fragonard kam Tempo in die Kunst. Für ihn galt, was der Philosoph Denis Diderot über sich selbst sagte: „Je schneller ich schreibe, desto besser schreibe ich.“

Selbst sorgfältig getuschte Szenen wirken mit leichter Hand gemacht. Das können intime Momente sein, wie sie sich im Gespräch zwischen zwei Frauen ergeben oder durch das turbulente Durcheinander einer Kinderschar. Das von innerer Bewegung bebende Antlitz eines alten Mannes, den Fragonard wie einen Kirchenlehrer bei der Lektüre darstellt, macht deutlich, wie sehr er von der Tradition ausgeht. Auch in diesem Gemälde sind die ohne Zögern geführten Pinselstriche deutlich sichtbar, die Konturen sind aufgelöst, die Nervosität der Malweise korrespondiert mit der außergewöhnlichen Geistesverfassung des Greises. Die Bildidee geht auf das barocke Motiv der „Göttlichen Inspiration“ zurück, welches die Darstellung immaterieller Vorgänge verlangt. Das 18. Jahrhundert deutet dieses Thema um: Nun geht es um die Imaginationskraft des Künstlers. Aus der Gemütsbewegung des Dargestellten – so ist in einer zeitgenössischen Quelle zu lesen – könne man auf Kraft und Schöpfertum schließen.

Kein Fragonard ohne galante Szenen, so auch in Karlsruhe. Das Motiv des Mädchens, das kaum bekleidet im Bett mit einem Hündchen spielt, geht auf eine pornografische Druckgrafik zurück. Offiziell hatten solche Motive keinen Platz im Pantheon der Malerei. Nackt durften allein Göttinnen sein, allenfalls Nymphen.

Fragonard konnte solcher Doppelmoral nichts abgewinnen. Er entsprach der Nachfrage erotisch aufgeladener Bilder. „Monsieur Fragonard? Er verliert seine Zeit und sein Talent. Er verdient Geld,“ rümpfte eine Zeitgenossin die Nase. Eine andere zeitgenössische Stimme bezeugt, dass er ausschließlich für seine Kunst lebt und sich von der damaligen Kunstszene und gesellschaftlichen Kreisen fernhält. 1790 sucht Fragonard mit seiner Familie vor den Wirren der Französischen Revolution Zuflucht in Grasse. Zwei Jahre später kehrt er zurück und wird mit der Aufsicht über die Inventarisierung des staatlichen Kunstbesitzes betraut.

Überzeugend arbeitet die thematisch gegliederte Ausstellung in Karlsruhe den Sieg der Zeichnung über das Sujet heraus, eine Strategie, die Fragonard auch für die Malerei fruchtbar machte.

Ein letzter Beweis: Fragonards Ölstudie „Der Kampf Minervas gegen Mars“, die Jacques-Louis Davids feinmalerische Version desselben Themas altbacken aussehen lässt. Der 16 Jahre ältere Meister lässt Venus in den Konflikt einschreiten, ein barbusiges Rokoko-Girl, das sich – unschuldig in Weiß gekleidet – zwischen die gepanzerten Kontrahenten wirft. Feste Umrisse sucht man in diesem Bild vergebens, alles ist in Auflösung begriffen. Carmela Thiele

Kunsthalle Karlsruhe, bis 23. Februar; Katalog (Deutscher Kunstverlag) 29,90 €.

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