Kultur : Als die Zukunft kuschelig wurde

Ein Berliner besitzt die größte Sammlung mit Objekten des Designers Verner Panton. Jetzt wird sie ausgestellt

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Schöner liegen. Verner Panton (Mitte, mit Bart) posiert 1964 für ein Frankfurter Möbelhaus in seinen Entwürfen. Foto:dpa/Roland Witschel
Schöner liegen. Verner Panton (Mitte, mit Bart) posiert 1964 für ein Frankfurter Möbelhaus in seinen Entwürfen. Foto:dpa/Roland...Foto: picture-alliance / dpa

„Alles begann mit einem Sessel.“ Die ersten Worte aus dem Film „Juno“ treffen auch auf die Geschichte des Sammlers André Barß zu. Sie beginnt im Jahr 2005, im Berliner Kunstgewerbemuseum, mit einem Sessel von Verner Panton. Es liegt in der Natur der ungewöhnlichen Gestaltungen des dänischen Möbeldesigners, dass sie im Betrachter Neugier erzeugen und den Wunsch wecken, sie auszuprobieren. Im Fall von Barß ist es ein „Cone Chair“, ein nach unten spitz zulaufender Sessel von 1958, eine relativ frühe Kreation des Designers. Auffallend, dekorativ, ungewöhnlich ja – aber auch bequem? Barß darf es nicht herausfinden, das Museum verbietet das Berühren der Exponate. Also geht er nach Hause und ersteigert einen „Cone Chair“ bei eBay. In Rot, seiner Lieblingsfarbe. Für 380 Euro. Die „Eistüte“, wie er den Sessel nennt, ist sein erster Panton.

Mittlerweile sind einige Dutzend dazugekommen. So viele, dass seine 56-Quadratmeter-Wohnung in Friedrichshain nicht mehr ausreicht, um sie angemessen zur Schau zu stellen. Dabei beschränkt er sich eisern auf Verner Panton, „aus Selbstdisziplin, damit es nicht ausartet“, so Barß. „Aber das tut es dann trotzdem, dafür war Panton einfach zu kreativ.“ Barß hat schon darüber nachgedacht, Möbel an die Decke zu montieren, damit man sie, wenn schon nicht benutzen, dann doch wenigsten sehen kann. Er hat erwogen, Teile seiner Sammlung in Galerien auszustellen, doch dafür müsste er manche Stücke zum Verkauf anbieten. Das kommt für ihn nicht infrage. Design ist sein Hobby, seine Leidenschaft, nicht sein Beruf.

Jetzt hat er eine vorläufige Lösung gefunden, die Welt an seinen Schätzen teilhaben zu lassen. Eine Ausstellung mit seinen Stücken in den nordischen Botschaften wurde in Anwesenheit von Marianne Panton eröffnet, der Witwe des Designers. Über ihr Kommen hat sich Barß besonders gefreut. Er ist gebürtiger Mecklenburger, Jahrgang 1983, gelernter Buchhalter. Zu Möbeldesign kam er über sein Interesse an Bauhaus-Architektur, zu Panton über die Begegnung im Kunstgewerbemuseum.

Verner Panton gehört zu den innovativsten Möbeldesignern des 20. Jahrhunderts. In den sechziger und siebziger Jahren experimentierte er mit Materialien, Farben und Formen und prägte maßgeblich die Epoche der Pop Art und psychedelischen Barbarella-Ästhetik. Seine Entwürfe sind Möbel für eine utopische Welt, deren Menschen keine Schuhe tragen, keinen Kaffee verschütten und von ihrem Sessel aus nicht unbedingt fernsehen müssen. Für diesen visionären Ansatz findet sich ein Exponat in der Ausstellung, der „Living Tower“, ein aus vier Elementen zusammengesetztes Sitz- und Liegemöbel, das dem Benutzer keinerlei Vorgaben hinsichtlich des Gebrauchs macht. Kaum ein Erwachsener wagt sich bei der Eröffnung hinein, aber die mitgebrachten Kinder sind kaum von diesem Wohnspielzeug loszukriegen. Als Panton den Living Tower 1968 entwarf, war seine erste Tochter zwei Jahre alt.

Erfolgreicher war Panton mit Entwürfen, in denen er ausgefallenes Design mit hoher Praktikabilität in Herstellung und Benutzung verband, etwa dem zerlegbaren „Bachelor“-Sessel und dem stapelbaren „Panton Chair“, der als erster aus einem einzigen Kunststoffstück gefertigter Stuhl zu den Designikonen des 20. Jahrhunderts gehört. Der Markt für Designermöbel gleicht dem für antiquarische Bücher: Es geht darum, möglichst alte und gut erhaltene Exemplare zu finden. Wem es ernst ist mit dem Sammeln, der hat höchste Ansprüche an die Authentizität seiner Schätze. Da ist es schon wertmindernd, wenn ein Stück behutsam restauriert und mit dem Originalstoff neu bezogen wird. Noch viel schlimmer ist es natürlich, wenn Banausen es stattdessen mit einer „fetzigen Gardine“ beziehen, was laut Barß durchaus vorkommt.

Gelegentlich haben Sammler es sogar mit „dreisten Fälschungen“ zu tun, wenn Händler oder Auktionshäuser falsche Angaben machen. Das Online-Auktionshaus Lauritz, das dänische Pendant von eBay, gilt in der Prüfung von Artikelbeschreibungen als lax und damit anfällig für Betrüger. Panton-Experten wissen ohnehin, dass in Dänemark, dem Heimatland des Designers, wenig zu holen ist. Designermöbel werden dort kaum gesammelt, was Barß auf die „guten Gehaltsstrukturen“ zurückführt und auf die Mentalität, Dinge, die kaputtgehen, durch neue zu ersetzen. Anders in England, wo der Wertanlagecharakter von Designermöbeln eine große Rolle spielt.

Die Zahl der ambitionierten deutschen Panton-Sammler schätzt Barß auf zehn, wobei seine Sammlung wohl die umfangreichste ist. Aus der Phase von Online-Auktionen ist er längst heraus. Nachdem er den Markt abgegrast hatte, zog er es vor, seine Neuzugänge über Auktionshäuser zu beziehen. Inzwischen ist er auch aus der Phase der Auktionen heraus, seine Händlerkontakte sind so gut, dass er nur noch von ihnen kauft. Was ihn jetzt interessiert, sind die Kleinstserien, in Stückzahlen von 10 oder 20 aufgelegte Raritäten, „das sind die heißen Schätze, die man jagt“. Solche Stücke werden auf Auktionen erst gar nicht angeboten. Die Gruppe der Interessenten ist zu klein, als dass ein Auktionshaus nicht riskiert, dass bei einer Auktion keiner zugegen ist.

Für die Zukunft plant Barß den Kauf einer Immobilie, in der er eine ständige Panton-Ausstellung einrichten kann. Die weniger empfindlichen Exponate sollen dann zum Probesitzen freigegeben werden. Schmerzlich wird die räumliche Trennung trotzdem – weniger für Barß, als für seine beiden Katzen, die die obere Plattform seines „Amoebe“-Sessels als Sprungbrett benutzen.

Felleshus der Nordischen Botschaften (Rauchstr. 1), bis 28. Februar. Mo–Fr 10–19 Uhr, Sa/So 11–16 Uhr.

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