Kultur : Als Greta Garbo sich Feuer geben ließ

Rudolf Arnheim und die Entdeckung der Filmkunst. Ein Gruß zum morgigen 100. Geburtstag des großen Medienhistorikers

Horst Bredekamp

Unbefangener ist wohl selten ein Buch eingeleitet worden. Die Widmung von Rudolf Arnheims 1932 publiziertem Opus „Film als Kunst“ vermeldet: „... damit Ruth Vorpahl manchmal ins Kino geht“. Und der Text setzt im selben Stil ein: „Der Gegenstand und der Verfasser des Buches sind etwa gleich alt. Rund fünfundzwanzig Jahre.“ Auch die folgenden Seiten zeugen von der lakonischen Kühnheit eines jungen Forschers, der alle früheren Theorien beiseite schob, um mit Blick auf die Apparate und Formen des Films einen Paradigmenwechsel der Erforschung dieses Mediums einzuleiten.

Rudolf Arnheim ging von den Materialeigenschaften des Zuschauerraums, des Gestühls und der Bühne ebenso aus wie vom Rahmen der Leinwand, um sich schließlich der formalen Gestalt der Bildsequenzen zu widmen. Diese hielt er allein deshalb des Nachdenkens für wert, weil sie keine Wiedergabe der Natur, sondern eine Kunstform war. Dass Medienforschung durchweg bewusst sein muss, dass ihr Gegenstand künstlich und im besten Fall auch kunstvoll gestaltet sei, hat Arnheim in all seinen Erörterungen der klassischen Bildgattungen sowie der Fotografie, des Films, des Radios und der digitalen Medien vorgeführt.

Da er selbst in der Dokumentarfotografie die Gestaltungskraft des Künstlers erblickte, war Arnheim für alle „indexikalischen“ Spur- und Zeichentheorien des Bildes immun. Dies galt umso mehr für den Film, der das Laokoon-Problem Lessings – die Verbindung der zeitlichen Abfolge mit der räumlichen Fixierung eines Ereignisse – auf der Leinwand gelöst hatte.

Arnheims Zugang zum Film als der zentralen Kunstform des 20. Jahrhunderts bedeutete den Auftakt zu drei weiteren, noch heute aktuellen Filmtheorien, deren Wurzeln in dieselbe Kultur der Weimarer Republik zurückreichen: Walter Benjamins technisch orientierter Reproduktionsaufsatz, Erwin Panofskys ikonologischer Essay „On Movies“ (1936) und Siegfried Kracauers soziologisches Opus „Von Caligari zu Hitler“ (1947). Von diesen Versuchen unterschied sich Arnheim darin, dass er im Wechselspiel von Formgestalt, Handlung und Psychologie die symbolische Präsenz der Kunst zu bestimmen suchte. Diese fand er etwa in der berühmten Zigarettenszene Greta Garbos in „Es war“: „... sie gehen in den Garten, das Mädchen nimmt eine Zigarette in den Mund, der Mann entzündet das Streichholz, aber statt Feuer zu nehmen, zieht sie mit einer ganz kleinen Bewegung die Zigarette zurück, die Flamme leuchtet, sie sehen sich an. Diese plötzliche, willkürliche Unterbrechung des gesellschaftlichen Rituals gibt besser als Mimik den Umschwung ihrer Haltung: Es ist genug!“

Arnheim, am 15.Juli 1904 in Berlin am Alexanderplatz geboren, hatte an der Berliner Universität Kunst- und Musikgeschichte sowie Philosophie und Psychologie bei Wolfgang Köhler und Max Wertheimer studiert, die sich auf die Wahrnehmung von Formen spezialisierten. Ihre Gestaltpsychologie, derzufolge die äußeren Formen durchweg als bedeutungsbeseelt erfahren werden, hat Arnheim 1928 in seiner Dissertation über die Ausdruckslehre von Gesichtern und Handschriften bekräftigt. In der Erkenntnis, dass die Gestalt nicht nur die Summe ihrer Teile sei, sondern über einen Überschuss verfüge, sah Arnheim die Annahme widerlegt, dass Sehen und begriffliches Denken einen Gegensatz darstellen.

Zum Zeitpunkt der Abfassung seines Filmwerks arbeitete Arnheim als Redakteur von Kurt Tucholskys „Weltbühne“ gemeinsam mit Carl von Ossietzky, den er später als den einzigen „Helden“ bezeichnete, der ihm in seinem Leben begegnet sei. In einer kleinen Wohnung in der Kantstraße betreute von Ossietzky in einem Zimmer den politischen Teil des Wochenjournals, während Arnheim sich im zweiten Raum dem kulturellen Part widmete.

Nachdem er 1933 aus „rassischen“ und politischen Gründen entlassen wurde, arbeitete Arnheim in Rom als Mitarbeiter des Völkerbundes an einer Enzyklopädie des Films, die aber eingestellt wurde, als das faschistische Italien im Jahre 1938 aus dem Völkerbund ausschied. Er emigrierte über England in die Vereinigten Staaten, wo er als Researcher an der Columbia University angestellt wurde. Ab 1943 lehrte er dort als Professor für Kunstpsychologie an der New School for Social Research. Von 1968 bis 1974 unterrichtete er in Harvard, um danach eine Professur an der Universität von Ann Arbor in Michigan anzunehmen, wo er bis heute lebt.

Die kaum auszulotende Wirkung der deutschen Emigranten in den Vereinigten Staaten schwankt je nach Fach und Methode; im Falle von Arnheims „Psychologie des schöpferischen Sehens“ aber wurde eine ganze Disziplin durch eine einzige Person begründet. Arnheims 1954 publiziertes Handbuch „Art and Visual Perception – A Psychology of the Creative Eye“ (deutsch hg. von Michael Diers: „Kunst und Sehen“, 2000) hat für die Kunst- und Medienpsychologie einen nicht weniger nachhaltigen Standard gesetzt wie „Film als Kunst“ von 1932.

Wie vermutlich kein Zweiter hat Arnheim den Film, die Fotografie und die klassische Bildende Kunst als Einheit begreifen können, weil er vor Einzelbildern geschult war. Im Film unterläuft die Abfolgegeschwindigkeit der Bilder die Möglichkeit des Auges, separierte Aufnahmen zu fixieren. Deshalb nannte Arnheim es den „Glücksfall“ seines Lebens, dass ihm sein Schwager, der Kunsthistoriker Kurt Badt, den Sinn für die Bildende Kunst vermittelte. Bei ihren Streifzügen durch die Berliner Museen erlernte er die Form- und Kompositionsanalyse für das Aufspüren der subjektiven Handschrift. Derart gerüstet, konnte seine Filmtheorie auch in den Einzelbildern und Bildsequenzen des Filmes die Kraft des „anschaulichen Denkens“, so ein späterer Buchtitel, erkennen.

In Heinrich Wölfflins „Kunstgeschichtlichen Grundbegriffen“ sah Arnheim sein Vorbild einer Geschichte des modernen Sehens. Sie gab ihm die Überzeugung, dass in Kunstwerken die Potenz einer über sie selbst hinausweisenden Bewegung läge. Damit aber löste sich für ihn der Widerspruch zwischen Statik und Bewegung schon vom Einzelbild her auf. Keine Filmanalyse könne ihren Gegenstand erreichen, wenn sie die motorischen Möglichkeiten des Standbilds als dem Urelement jeder noch so rasenden Kamerafahrt verfehlt. Arnheim zufolge widersprechen sich Einzelbilder und Bildsequenzen nicht, sondern ergänzen sich aus den Gegenbewegungen ihrer inneren Anlagen.

Dem Beispiel der alten Kunst, die über die Jahrhunderte aktuell bleibt, gewann Arnheim schießlich die Berechtigung ab, sich mit „toten“ Filmen der Stummfilmzeit zu beschäftigen, die nirgendwo mehr offiziell zu sehen waren. Die Serienproduktionen Hollywoods, die er als Teil der „Tyrannei der Vergnügungsindustrie“ verachtete, hat er im Gegensatz zu Panofsky jedoch als Schwächung der Möglichkeiten des Films gewertet. Aber Panofsky und Arnheim einte die Überzeugung, dass die Kunstgeschichte von der Filmanalyse profitieren würde.

Das Kunstgeschichtliche Seminar der Humboldt-Universität hat mit Hilfe des DAAD und der Stiftung Brandenburger Tor eine Rudolf-Arnheim-Gastprofessur für Forscher wie Barbara Stafford, Sarat Chandra Maharaj, Bojana Pejic oder zuletzt Almut Bruckstein einrichten können, die einen erweiterten Begriff der Kunstgeschichte im Sinne Arnheims vertreten. Als ich Ende der Neunzigerjahre vorsichtig bei Arnheim die Möglichkeit erkundete, die Gastprofessur mit seinem Namen zu verbinden, verfiel er nach wenigen Sätzen in den Berliner Ton seiner Jugend – um kategorisch zu fordern, dass sich die Professur eher mit Georg Simmel schmücken solle. Auf meine Antwort, eine solche sei bereits im Institut für Sozialwissenschaften eingerichtet, sprudelten die Erinnerungen des Mitt-Neunzigers an die Berliner Zwanzigerjahre in einer staunenswerten Präsenz.

Kürzlich ist die von Helmut H.Diederichs herausgegebene, 75 Jahre überspannende Aufsatzsammlung „Die Seele in der Silberschicht“ erschienen. Ihr letzter, einen luziden Rückblick bietender Text von 1999 lässt erkennen, wie stark die Medientheorien von Marshall McLuhan und Niklas Luhmann von Arnheim vorbereitet und zugleich überwunden wurden. Als einer der Letzten repräsentiert er eine Kultur, die einem 25-Jährigen erlaubte, ein Jahrhundertwerk zu schreiben. Dass den Autor die Glückwünsche noch nach 75 Jahren erreichen, kann auch Berlin mit Freude erfüllen.

Der Autor lehrt Kunstgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität und ist Permanent Fellow am Wissenschaftskolleg.

LEBEN & WERK RUDOLF ARNHEIM

wurde am 15.7.1904 in Berlin geboren und emigrierte 1938. Seit 1940 lebt er in den USA. Morgen feiert er in Ann Arbor /Michigan seinen 100. Geburtstag.

ZU SEINEN WERKEN

zählen „ Film als Kunst “ (1932, Suhrkamp) und „ Anschauliches Denken “ (1969, Dumont). Gerade erschien die Aufsatzsammlung „ Die Seele in der Silberschicht “ (Suhrkamp).

DIE TORGESPRÄCHE

im Berliner Max Liebermann Haus laden anlässlich des Geburstags zum Vortrag. Der Kunsthistoriker Michael Diers spricht über „Bild- und Medienreflexion in Hitchcocks ,Rear Window’“. Donnerstag, 21 Uhr, tel. Anmeldung: 22633027

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