Kultur : Als Jesus Ja sagte

Mit dem Gottessohn gegen die Kirche: Heinrich Detering liest den späten Nietzsche neu

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Der späte Nietzsche zwischen Genie und Wahn: das ist einer der größten Mythen der Philosophiegeschichte. Eine Menge Bücher wurden darüber geschrieben, wieso jetzt noch eins? Vielleicht weil man immer schon zuviel vom späten Nietzsche zu wissen meinte. Er wurde stilisiert zum Heiligen. Viele haben mit ihm ihr eigenes theoretisches Süppchen gekocht – von der frühen Verklärungsarbeit Stefan Georges und Ernst Bertrams bis hin zu postmodernen Sinn-Dekonstrukteuren. Nietzsches Gesamtwerk wurde meist vom „Ende“ her verstanden und in eine Perspektive der Zwangsläufigkeit gerückt.

Das gilt noch mehr für die, die sein Denken mit medizinischen und psychiatrischen Kategorien dingfest machen wollten: der ewige Rekonvaleszent, der vom starken Leben träumt; der Vereinsamte, der immer schrillere Töne probiert, um mit seiner Kulturkritik Gehör in der selbstzufriedenen wilhelminischen Gesellschaft zu finden; das Genie, das nach euphorischen Zuckungen im paralytischen Wahn erlischt.

Der Göttinger Germanist Heinrich Detering schiebt das alles erst mal beiseite. Er betreibt Philologie statt Psychologie und verpflichtet seine Untersuchung auf ein strenges close reading vor allem der polemischen Spätschriften „Der Antichrist“ und „Ecce Homo“. Es geht um Jesus Christus, wie Nietzsche ihn sah. Dass der „Erlöser“ zur Zentralfigur dieser Texte wurde, ist keineswegs selbstverständlich. Immerhin hatte Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“ und „Jenseits von Gut und Böse“ den „Tod Gottes“ festgestellt, um mit Hammer-Härte eine neue Moral des starken Lebens zu verkünden: „Die Schwachen und Missrathnen sollen zugrunde gehen. Erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen noch dabei helfen.“

Die jesuanische Mitleidsethik, die sich den Schwachen zuwendet, war für den Nietzsche dieser Phase nur noch ein Stein des Anstoßes, der schwer aus dem Weg zu hebeln war. Nietzsche versucht es mit verschiedenen Techniken: Das Nicht-Widerstehen erklärt er als Symptom reiner Dekadenz, als Schmerzvermeidungsmoral eines pathologisch Übersensiblen, als pures Ressentiments gegen die „Starken“. Jesus war für Nietzsche zu dieser Zeit nichts als ein Hassprediger der Liebe.

Und dann geschieht mitten im „Antichrist“ etwas Merkwürdiges. Plötzlich fällt sich der Philosoph selbst ins Wort und versucht sich an einer Psychologie des „Erlösers“, die ihm unter der Hand immer detailfeiner gerät. Dabei entsteht ein emphatisches Jesus-Porträt: Jesus nun als reiner Tor, als „Idiot“ im Sinn Dostojewskis. Nicht Schwäche im Aushalten der wirklichen Welt und ihrer Grausamkeiten kennzeichne ihn demnach, sondern ein verklärter Zustand zu Lebzeiten: eine zeitlose, in sich ruhende Glückseligkeit. Dieser vitale, Ja sagende Jesus nähert sich einem philosophischen Begriff von Leben, das Nietzsche zuvor auf den Namen „Dionysos“ getauft hatte.

Aber auch wenn er frühere Positionen revidiert, bleibt Nietzsche ein Feind der christlichen Kirchen. Diese Durchsäuerung des Lebens mit Verzichts-Moral, diese Vertröstungen aufs Jenseits, diese Begriffe von Schuld und Strafe, Gut und Böse: all das bleibt ihm ein Gräuel. Das ist das Weltbild, das er endlich zerschlagen will. Nur wird ihm Jesus jetzt selbst dabei zum Gewährsmann. Die Vorwürfe des Ressentiments und der Sklavenmoral, von denen Jesus in allen Ehren freigesprochen wird, fallen mit Wucht auf die Jünger, Evangelisten und vor allem auf Paulus als Erfinder der Kreuzestheologie.

Detering zeigt die Konsequenz auf, mit der Nietzsche die zentralen Figurationen seines Denkens einander annähert. Dionysos und Jesus und Antichrist und schließlich auch das Nietzsche-Ich, wie es im autobiografischen Resümee „Ecce Homo“ entworfen wird – alles verschmilzt. Züge überlegener Sanftheit wandern ins Bild des „Übermenschen“ ein. Vor allem übernimmt Nietzsche mit „Ecce Homo“ selbst die Rolle des „Erlösers“. Er modelliert sein eigenes Bild nach Maßgabe des revidierten Jesus aus dem „Antichrist“ und knüpft dabei ein Netz von Anspielungen.

„Denn ich trage das Schicksal der Menschen auf der Schulter“ – man denkt bei diesem selbstherrlichen Bild zunächst an Atlas, der die Weltkugel trägt. Aber Detering fragt: Wieso ist nur von einer Schulter die Rede? Weil es wohl eher auf Darstellungen des kreuztragenden Jesus anspielt. Und dann erwähnt Nietzsche scheinbar zusammenhanglos, dass kürzlich die Freundin Malwyda von Meysenbug über ihn gelacht habe. Auch das versteht man mit Detering besser: Es bezieht sich auf Wagners Kundry, deren Lachen über Jesus auf dem Kreuzweg zu den Schlüsselmomenten des „Parsifal“ gehört. Am Ende hat es eine beklemmende Folgerichtigkeit, wenn Nietzsche die Wahnsinns-Briefe aus dem Januar 1889 als „Der Gekreuzigte“ unterschreibt. Man hat das zumeist als letzte Enthemmungsstufe der Blasphemie verstanden und die Methode in diesem Wahnsinn verkannt.

Weil die späten Schriften Nietzsches in erheblichem Maß erzählend sind, kommt der Literaturwissenschaftler hier oft weiter als philosophische Interpreten mit ihrem begrifflichen Besteck. Es sind Texte mit einer narrativen Eigendynamik, voller Doppelbödigkeiten und parodistisch-polemischen Qualitäten. Mit Recht spricht Detering von „Seiltänzen zwischen argumentativer und poetischer Rede“.

Das Buch ist in klarer Sprache geschrieben. Trotzdem ist es eine fordernde Lektüre, schon durch die Beharrlichkeit, mit der hier dem Wortlaut gefolgt wird. Nietzsche-Grundkenntnisse sind erforderlich. Wer aber der Spur Deterings durch die Denk-Wege des Philosophen folgt, erreicht einen Punkt, von dem aus Nietzsches Spätwerk in bestechender Schlüssigkeit erscheint. Diese Interpretation läuft auf nicht weniger als die Rücknahme jener Philosophie der Härte hinaus, die missverstanden oder nicht – Philosophen werden immer „missverstanden“, wenn sich Politiker und andere Tatmenschen sich auf ihre Ideen berufen – zu Himmler und Heydrich führte.

Heinrich Detering: Der Antichrist und

der Gekreuzigte.

Friedrich Nietzsches letzte Texte. Wallstein

Verlag, Göttingen 2010. 231 S., 19,90 €.

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