Kultur : Als Wissenschaft und Poesie noch zusammengehörten

BERNHARD SCHULZ

Eine ihrer Stärken haben die Staatlichen Museen Berlins im Bereich der altdeutschen Kunst, und hier besonders im Bereich der Graphik.So darf als absoluter Höhepunkt bezeichnet werden, was das Kupferstichkabinett von heute an in der Sonderausstellungshalle am Kulturforum präsentiert: "Dürer - Holbein - Grunewald.Meisterzeichnungen der deutschen Renaissance aus Berlin und Basel".185 Arbeiten auf Papier, von den genannten Künstlern sowie von Schongauer, Baldung, Altdorfer, Cranach und Wolf Huber, um nur die wichtigsten zu nennen, bieten einen Überblick über die Renaissancekunst nördlich der Alpen, wie er umfassender und zugleich authentischer kaum gedacht werden kann.Denn die Zeichnung begann um die Wende zum 16.Jahrhundert zur eigenständigen Gattung zu reifen, in der sich nach Auffassung der Künstler ebenso wie in der Wertschätzung der bürgerlich-vermögenden Sammlerschaft die prima idea unverstellt spiegelt und die darum neben der aufwendigen Malerei eigenen Wert besitzt.

So finden sich denn unter den gezeigten Arbeiten - Stück für Stück von unvergleichlicher Qualität - ausgeführte Arbeiten, Entwürfe, Studienblätter, ja selbst ein so einzigartiges Blatt wie jenes aus Dürers "Gedenkbuch", wo er von Textzeilen gerahmt, in wenigen Pinselstrichen eine Kreuzigung andeutet.Die ungeheure Vielseitigkeit Dürers belegen sodann die beiden Landschaftsaquarelle, das "Tal bei Kalchreuth" und die sehr viel feiner ausgearbeitete "Drahtziehmühle", die - 1494 entstanden - zu den frühesten selbstständigen Landschaftsdarstellungen der europäischen Kunst zählt.Besonderes Interesse verdienen die aus einem Basler Bestand von 132 Holzstöcken ausgewählten Beispiele von Dürers Beschäftigung mit den Komödien von Terenz.Der wohl auch wegen der Möglichkeit, als Buchillustrator in diesem aufblühenden Gewerbe arbeiten zu können, nach Basel gekommene Dürer hat um 1492 Holzstöcke mit Zeichnungen versehen.Die Ausgabe erschien allerdings nie.So erschließt sich aus den Holzstöcken zugleich ein bezeichnender Ausschnitt aus der Antikenrezeption der damaligen Zeit, wie auch aus den umfassenden Handels- und Geistesbeziehungen, denen gerade Dürer auf seinen Reisen folgte.Erhalten blieben die Stöcke - wie aberhunderte von graphischen Arbeiten deutscher Künstler - im Kunstkabinett des wohlhabenden Baslers Basilius Amorbach, dessen Sammlung bereits 1661 öffentlich zugänglich gemacht und damit vor der sonst üblichen Zerstreuung bewahrt wurde.Sie bildet den Kern des Basler Kupferstichkabinetts.

Die in der Renaissance für einen kurzen Augenblick der Geschichte vorhandene Einheit von wissenschaftlicher und künstlerischer Erkenntnis, der Wunsch, die sichtbaren Phänomene zu erfassen und zugleich das Schöne zu spiegeln, zeigt sich in Dürers Proportionszeichnungen ebenso wie in Albrecht Altdorfers Innenansicht einer Kirche von 1520.Dieses Innere scheint perspektivisch exakt zu sein und ist doch eine poetische Vermischung zweier Fluchtpunkte.

Die Sammlungen aus Berlin und Basel ergänzen sich in geradezu idealer Weise.Dies gab denn auch für das Basler Kunstmuseums den Anstoß, sich Berliner Werke zur 500-Jahr-Feier Holbeins d.J.im vergangenen Jahr zu erbitten.Daraus erwuchs das Gemeinschaftsprojekt, das die Stärken beider Häuser - Dürer hie, Holbein da, um es salopp zusagen - aufs Schönste vereint.Für Berliner Besucher bietet sich die Gelegenheit, Basel als einen Kreuzungspunkt des Humanismus und der in ihrem Umkreis siedelnden Künste zu entdecken, etwa anhand der Entwürfe zu den Wandgemälden im Großratssaal des Basler Rathauses (nach 1521).Schon aus Holbeins erstem England-Aufenthalt stammt die Kompositionszeichnung zum "Familienbildnis des Thomas More", das in diesem Blatt überdauert, während das Gemälde 1752 verbrannt ist.

Mit der Ausstellung tritt zugleich die "Graphische Gesellschaft Berlin" erstmals an die Öffentlichkeit, die sich als Freundeskreis des Kupferstichkabinetts unlängst gegründet hat.Die Gesellschaft versteht sich als ein internationaler Kreis von Sammlern und Liebhabern graphischer Kunst, aber - als Besonderheit - auch von Künstlern.Den Vorsitz führt Eckehard Storck, derzeit Chef der Deutschen Bank in Luxemburg; dem Vorstand gehören Erika Hoffmann, Claus Bacher, Anatol Gotfryd, Michael Fernholz sowie ex officio Kupferstichkabinetts-Leiter Alexander Dückers an.Die Ausstellung zur Graphik der Dürerzeit führt jedenfalls ein Kerngebiet des Berliner Museumsbesitzes vor, das sich glanzvoll neben der in Kürze zu eröffnenden Gemäldegalerie behauptet - und zur stärkeren Nutzung des Kabinetts einlädt.Seine unvergleichlichen Bestände stehen jedem Interessierten offen.

Kupferstichkabinett, Sonderausstellungshalle am Kulturforum, bis 23.August.Di, Mi, Fr 10 - 18 Uhr, Do 10 - 20 Uhr, Sa, So 11 - 18 Uhr.Katalog im Verlag Hatje, 432 S., farbig ill., 68 DM.

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