Kultur : Also sprach Schehrezad

Seit 300 Jahren liest das Abendland die Märchen von „1001 Nacht“ – und entdeckt darin die Erotik der Freiheit. Die andere Geschichte der Aufklärung.

Marius Meller

Für Liebende ist Bagdad nicht weit.“ – Ein Liebespaar, das sich nach Bagdad fantasiert? Alles sträubt sich, wenn man diese Zeile aus Goethes „West-östlichem Divan“ heute liest. Wie kann man den Horror ausblenden, um sich jenes Bagdad vorzustellen? Den täglichen Terror. Das katastrophale Scheitern der Interventionspolitik. „Bist du von deiner Geliebten getrennt / Wie Orient vom Okzident, / Das Herz durch alle Wüsten rennt; / Es gibt sich überall selbst das Geleit, / Für Liebende ist Bagdad nicht weit.“

Jenes Bagdad, das für die Liebenden nicht weit ist und für uns heute so fern, das Bagdad der Basare, der Bäder, der Gewürzdüfte, der Flaschengeister, der poetischen Bildung durch alle Schichten und natürlich der freizügigen Liebe – dieses „Divan“-Bagdad ist eine Stadt aus „Tausendundeiner Nacht“. Das Orient-Projekt Goethes wäre ohne „Alf Laila wa-Laila“ – so heißt die Geschichtensammlung auf Arabisch – kaum denkbar. Seit 1704 erschien eine erste französische Übersetzung der mittelalterlichen Geschichtensammlung, und bald gab es deutsche, englische, niederländische, dänische und russische Ausgaben. „Tausendundeine Nacht“ hat eine gesamteuropäische Orientmode ausgelöst, von den frühen orientalisierenden Barockopern über Mozarts „Entführung aus dem Serail“ und der „Zauberflöte“ bis zu Pasolinis „Tausendundeine Nacht“-Verfilmung und der neuesten Walt-Disney-Zeichentrick-Version von „Sindbad dem Seefahrer“. Das Morgenland war für das Abendland zunächst ein Märchenbuch.

Heute nennt man so etwas Kultur-Klischee. Heute glaubt man, dass Kultur-Klischees zwischen den Menschen und Völkern stehen. Der Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse, die nächste Woche beginnt, ist dieses Jahr die „Arabische Welt“. Viele haben schon im Vorfeld Bedenken, ob das gut gehen kann, nicht nur wegen der angespannten weltpolitischen Lage. Lucien Leitess, Chef des Zürcher Unionsverlags, der sich besonders für die Vermittlung arabischer Literatur einsetzt, antwortet auf die Frage, inwieweit wir durch unser „Tausendundeine Nacht“-Klischee vorbelastet seien: „Dieses Bild vom märchenhaften Orient ist zwar sympathisch, aber letztlich ein verheerender Mythos, der allzu viel zudeckt. Mir graut vor einer europäischen Blamage beim Austausch mit der arabischen Kultur anlässlich des diesjährigen Buchmessenschwerpunktes.“

So ein Messeschwerpunkt muss dafür gut sein, Falsch- und Vorurteile zu korrigieren: dass „Arabien“ und „Islam“ nicht deckungsgleich sind, denn es gibt auch Christen, Juden und Nicht-Gläubige in der arabischen Welt. Dass Muslim-sein nicht schon Fundamentalist-sein heißt. Und dass Literatur aus dem Irak arabische Literatur ist und Literatur aus dem Iran persische. Aber andererseits übertreibt Leitess mit seiner Ablehnung des Orient-Klischees. Mit „Tausendundeine Nacht“ hat der Westen in der Tat ein Klischee, man sollte besser sagen, einen Mythos dazubekommen. Aber einen überaus wertvollen, positiven Mythos. Der Orient-Mythos diente wie der Klassizismus des 18. und 19. Jahrhunderts einer kulturellen Selbst-Überprüfung und Bewusstseinserweiterung. Die meisten Gelehrten sind der Meinung, dass der Klassizismus gegenüber dem Orientalismus die dominierende Strömung war. Aber kann man sich vorstellen, dass Mozart eine Achilles- oder Herkules-Oper anstatt eines Türken- und eines Ägypten-Singspiels komponiert hätte?

In dem Maße, wie das dogmatische Christentum und dessen strikte Moralität weniger selbstverständlich wurden, nutzte man vergangene oder fremde Kulturen zur Hinterfragung, Ergänzung oder zum Weiterdenken der eigenen. Im 18. und frühen 19. Jahrhundert wurden religiöse und moralische Überzeugungen anhand der überlieferten orientalischen Kulturschemata überprüft. Auf der religiösen Ebene führte das zu einer Art metaphysischer Globalisierung: Der Fixierung aufs Christentum wurde ein überzeitlicher Monotheismus entgegengesetzt, dessen Ursprünge man in Ägypten lokalisierte, und der über das Judentum den Christen und Muslimen weitergegeben wurde. Geschichte wurde als allmähliches Offenbarwerden der einen Vernunftreligion verstanden, die Bibel als „orientalische Poesie“ neu gelesen. Mit der „Zauberflöte“ erreichte dieser Diskurs das, was man heute Popkultur nennt. Und Goethe erkannte durch seine Orientstudien seit 1814 seine private Metaphysik im Pantheismus der arabischen und persischen Dichter wieder.

Mindestens so wichtig wie die religiösen Überlegungen, die sich auf der Projektionsfläche Orient abzeichneten, waren die sexuellen Phantasieräume, die „Tausendundeine Nacht“ eröffnete. Nicht zuletzt die Freizügigkeit der Geschichten hat zur rasanten Ausbreitung und schließlich zur dichterischen Aneignung geführt. Gleich auf den ersten Seiten der berühmten Rahmengeschichte vom König Scheherijar, der an der Untreue der Frauen verzweifelt und zum Massenmörder wird, und Schehrezad, die ihre morgendliche Hinrichtung immer einen Tag hinauszögern kann, weil sie dem König spannende Geschichten erzählt, häufen sich Liebesakte und Harems-Orgien.

Allein in Deutschland reicht die Liste der begeisterten Leser und Anverwandler von Wieland, Goethe, Jean Paul, Lichtenberg, Schlegel über E.T.A. Hoffmann, Wilhelm Hauff, Stefan George, Hugo von Hofmannsthal, Rilke bis Hermann Hesse und Thomas Mann. Goethe schrieb lakonisch über die Poesie am Beispiel der „Luftgebilde“ von „Tausendundeiner Nacht“: „Ihr eigentlicher Charakter ist, dass sie keinen sittlichen Zweck haben und daher den Menschen nicht auf sich selbst zurück, sondern außer sich hinaus ins unbedingte Freie führen und tragen.“ Jedem gebildeten Leser war klar, dass Goethe auf die erotischen Möglichkeiten einer orientalisierenden Dichtung anspielte.

Das Frauenbild von „Tausendundeiner Nacht“ war damals für den Westen ebenso revolutionär, wie es heute für die Islamo-Faschisten anstößig ist. Meist ist es die Intelligenz der Frauen, die Jünglingen oder Königen auf die humanistischen Sprünge hilft. Und: Die Frauen sind hier nicht nur Objekt von Männerfantasien und Mittel zur Befriedigung sexueller Zwecke, sondern sie haben ein sexuelles Selbstbewusstsein, verfügen über erotische Weisheit.

Wollte man eine Geschichte der sexuellen Evolution schreiben, hätte die europäische Rezeption von „Tausendundeiner Nacht“ darin einen Ehrenplatz. Auch wenn die Freizügigkeit kaum der tatsächlichen Sexualmoral der arabischen Welt im 18. und 19. Jahrhundert entsprach (und das Buch dort schon Jahrhunderte lang gerade deswegen umstritten war), so war die Lektüre auch in der ersten, leicht geglätteten, französischen Übersetzung von Antoine Galland mit Sicherheit ein erotischer Thrill. Der exzentrische englische Übersetzer Richard Burton ergänzte die einschlägigen Stellen durch detaillierte Fußnoten, in denen er auf sexuelle Techniken oder die Penislänge von schwarzen Liebhabern einging.

Im Jahr 1906 brachte der gerade gegründete Insel Verlag eine deutsche Version der Burton’schen Übersetzung heraus. Hugo von Hofmannsthal steuerte ein würziges Vorwort bei. Er schrieb, man müsse durch die vortreffliche Übersetzung die Nacktheit der Originalsprache fühlen wie den Leib einer Tänzerin durch ihr Gewand. Die pikanten Fußnoten Burtons ließ der deutsche Übersetzer Felix Paul Greve allerdings weg. Diese Ausgabe von „Tausendundeiner Nacht“ wurde trotzdem der erste Verkaufserfolg des Leipziger Verlags.

Bei den arabischen Intellektuellen galt das Buch lange als mindere Literatur. Es sollte nach Meinung eines arabischen Autors des 10. Jahrhunderts namens as-Suli keinesfalls in die Hände von Prinzen gelangen. „Tausendundeine Nacht“ galt als jugendgefährdend – wegen seiner erotischen Eindeutigkeit, und weil es nicht in der hohen Schriftsprache geschrieben ist, für die der Koran das unumstößliche Muster lieferte, sondern in Umgangssprache. Nicht nur für die begeisterten westlichen Leser hatte „Alf Laila wa-Laila“ einen Hauch von Jahrmarktsunterhaltung.

Dieser Eindruck ist nicht falsch, denn wahrscheinlich entstanden die ersten Handschriften, als professionelle Straßenerzähler zur Gedächtnisstütze einzelne Geschichten aufschrieben, die in die offene Rahmenhandlung von „Tausendundeiner Nacht“ eingegliedert werden konnten. Diese Rahmenhandlung vom König Scheherijar und der schönen Tochter des Großwesirs, Schehrezad, geht auf Motive der buddhistischen Erzählliteratur aus dem indischen Raum seit etwa 200 nach Christus zurück. Aus verschiedenen „orientalischen“ Kulturkreisen und Kulturepochen kristallisierten sich im Laufe der Zeit die Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“. Vor-Islamisches wurde mit einem „islamischen Firnis“ versehen, Texte aus der Blütezeit des Islam in Damaskus und Bagdad, später in Kairo, wurden integriert. Im 8. Jahrhundert gab es im Zweistromland bereits eine persische Sammlung mit dem Titel „Hezar Afsane“, „Tausend Geschichten“. Gleichzeitig kursierte in Bagdad eine arabisierte, islamisierte Fassung mit dem Titel „Alf Laila“, „Tausend Nächte“. Im Kairo des 12. Jahrhundert muss es dann bereits ein Buch mit dem heutigen klangvollen Titel „Alf Laila wa-Laila“, „Tausendundeine Nacht“ gegeben haben. Das weiß man, weil sich in einem erhaltenen Notizbuch eines jüdischen Arztes und Handschriftenhändlers der Vermerk findet, er habe eine Alf-Laila-wa-Laila-Handschrift an einen Bekannten verliehen.

Die früheste erhaltene Handschrift stammt aus der Mitte des 15. Jahrhunderts und ist auch diejenige, die Antoine Galland um 1700 zur Grundlage seiner Übersetzung machte. Sie ist nicht vollständig und bricht in der 282. Nacht ab. Die Zahlenangabe im Titel „Tausendundeine Nacht“ bedeutete zuerst schlicht eine ungeheuer große Zahl. Mit der Zeit wurde „tausendundeins“ dann immer wörtlicher genommen. In einer Version wird die Rahmengeschichte um ein Detail ergänzt, das diese Zeitspanne plausibel nutzt: Schehrezad bringt drei Kinder zur Welt, die sie dem geläuterten König in der 1001. Nacht präsentiert.

Auch Galland ergänzte seinen Text bereits durch viele andere Quellen. Die Geschichte von Sindbad dem Seefahrer, die von Alibaba und den 40 Räubern und „Alahadin und die Wunderlampe“ fügte er in seine „Les Mille et Une Nuit“ ein – teils aus anderen Handschriften, teils aus den mündlichen Erzählungen eines maronitischen Christen aus Aleppo. Die Galland-Handschrift, die älteste erhaltene Fassung, ist nun in einer Prachtausgabe im C. H. Beck Verlag auf Deutsch erschienen. Der Orientalistin Claudia Ott ist eine sprachlich schöne, ungekürzte Übersetzung gelungen. Auch die vielen eingewobenen Gedichte mit ihren komplizierten Reim- und Rhythmusschemata sind ins Deutsche übertragen. Galland hatte viele dieser Gedichte einfach weggelassen.

„Alf Laila wa-Laila“ ist ein Buch ohne Autor, eine Art kollektive Literatur, eine Vorform des Hypertextes. Geschichten aus unterschiedlichsten Epochen und Schauplätzen sind im Laufe der Zeit in die Rahmenhandlung von Schehrezad und ihrem grausamen König, den ihre Erzählkunst schließlich zum guten Menschen macht, integriert worden. Es kommen ziemlich alle morgenländischen Kulturzentren vor, die der Westen unter „Orient“ subsumierte: Samarkand an der Seidenstraße im heutigen Usbekistan, das „Inselreich von Indien und China“, wie es auf der ersten Seite des Buches heißt, Persien, die Beduinenreiche, Bagdad, Kairo und Konstantinopel. So ist das heute vielfältig problematisierte Orient-Bild des Westens literaturhistorisch im Grunde korrekt.

Die Orientmode war auch Folge eines kulturellen Entlastungsphänomens: Erst Ende des 15. Jahrhunderts wurden die Araber endgültig aus Spanien vertrieben. Und 1683 begann mit dem Sieg über die Türken vor Wien das letzte Kapitel des Niedergangs des Osmanischen Reiches. Der Orient verlor mit einem Schlag seine politische Bedrohlichkeit, mit dem charmanten Siegeszug von „Tausendundeine Nacht“ öffnete sich das Abendland der Kultur des ehemaligen Antagonisten.

Auf der anderen Seite war für die arabische Welt der Ägypten-Feldzug Napoleons 1798 bis 1801 ein negatives Schlüsseldatum. Es vertiefte den Minderwertigkeitskomplex gegenüber dem Westen. Unter den Konsequenzen leiden Orient und Okzident bis heute. Die geistige Offenheit von „Tausendundeine Nacht“ – und die der klassischen arabischen Hochliteratur – wurde von fundamentalistischen Strömungen unterdrückt. Die Schere zwischen liberalem Islam und buchstabenfixierter Orthodoxie hatte sich bereits im islamischen Mittelalter aufgetan. Jetzt entwickelte sich aus dem Dogmatismus der theologische Faschismus, die „Krankheit des Islam“, wie der tunesische Gelehrte Abdelwahab Meddeb sein Buch über die Wurzeln des Fundamentalismus nennt (erschienen 2002 im Wunderhorn Verlag). Überall dort, wo dieser orientalische Puritanismus an Einfluss gewann, wurden die Ausgaben von „Alf Laila wa-Laila“ von den Büchertischen genommen. „Wenn man zum Buchstaben des Islam zurückkehren möchte, muss man die Sufis und Theosophen verbrennen, die gewagt haben, frei zu denken wie Ibn Arabi, sie auf den Index setzen oder verbieten. Man muss die ,Märchen aus Tausendundeiner Nacht‘ verbrennen,“ sagt Abdelwahab Meddeb.

Auch wenn man heute allenthalben hört, der europäische Orientalismus sei ein Produkt von Projektionen – es wäre daran zu erinnern, dass er Ausdruck einer tiefen kulturellen Faszination, ein Ausdruck von Respekt und von Liebe war; dass der westliche Humanismus einmal an seinem Bild vom Orient über sich hinauswuchs; und dass weibliches Erzählen aus männlichen Ungeheuern mitunter bessere Menschen macht.

Nach einem produktiven Arbeitstag des Jahres 1825 ordnete Johann Wolfgang von Goethe seine Manuskripte. Inspiriert von „Tausendundeine Nacht“ waren ihm einige schwierige Szenen aus dem dritten Akt von Faust II gut gelungen. Er war zufrieden. Auf ein Blatt mit Faust-Entwürfen notierte er vor dem Zubettgehen noch schnell einige Verse. „Wer sich selbst und andre kennt / Wird auch hier erkennen: / Orient und Okzident / Sind nicht mehr zu trennen. // Sinnig zwischen beiden Welten / Sich zu wiegen lass’ ich gelten; / Also zwischen Ost- und Westen / Sich bewegen, sei’s zum Besten!“

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