Altinum : Halbkreise im Maisfeld

Venedig war anfangs ein Flüchtlingscamp. Seine Bewohner kamen aus Altinum, das jetzt virtuell ausgegraben wird.

Paul Kreiner
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Virtuell. Blick auf Altinum in einer Rekonstruktion der Universität Padua. -Foto: dpa

Schon mal was von Altinum gehört? Nein? Kein Wunder. In den handelsüblichen Venedig-Führern taucht der Name kaum auf; es gibt sogar vielhundertseitige Stadtgeschichten, die ihn nicht kennen. Dabei ist Altinum die direkte Mutter Venedigs; ohne sie hätte es die Lagunenstadt vielleicht gar nicht gegeben. Jetzt endlich haben Forscher der Universität Padua das altrömische Altinum ausgegraben – virtuell zumindest. Mehr kann man in Zeiten knapper öffentlicher Kassen wohl nicht erwarten. Aber schon die Besichtigung am Computer macht Eindruck.

Die Bewohner von Altinum waren die ersten Helden der „sieben Meere“. So nannte der antike Naturforscher Plinius die riesige, von hunderten Inselchen durchsetzte Lagune an der Oberen Adria. Altinum lag – seit etwa 1000 vor Christus – an deren nördlichem Festlandsrand, ungefähr dort, wo sich heute der Flughafen Venedigs befindet.

Als die Römer im zweiten Jahrhundert vor Christus Venetien eroberten, stieg der verkehrsgünstig gelegene Fischerhafen rasch zu einem bedeutenden Handelszentrum auf. Die Römer banden Altinum mit der „Via Annia“ sowie mit der bis nach Konstanz führenden „Via Claudia Augusta“ direkt in ihr Fernstraßennetz ein.

Im ersten nachchristlichen Jahrhundert zählte Altinum rund 20 000 Einwohner, um die Stadt herum, an lauschigen Buchten, bauten sich reiche Senatoren ähnlich prächtige Villen wie in Pompeij. Der Untergang kam mit den „Barbaren“: Anfang des fünften Jahrhunderts zerstörte Alarich mit seinen Goten-Haufen die Idylle; dann kamen Attilas Hunnen, gefolgt von Theoderichs Ostgoten, und als die Langobarden 568 die Stadt verwüsteten, wurde es den Bewohnern des Lagunenrands endgültig zu dumm: Sie flüchteten mitten ins schützende, unbewohnte Zentrum der Lagune, nahmen ihren Bischof mit, zuerst nach Torcello, dann auf ein Inselhäufchen namens „Rivus Altus“. Aus diesem wurde später „Rialto“ – das Zentrum Venedigs.

Die Flüchtlinge indes vergaßen ihre Heimat nicht: Wann immer die Luft rein war, kehrten sie nach Altinum zurück, um die prächtigen Gebäude der alten Römer zu zerlegen und sich aus dem Marmor und den Ziegeln neue, modischere Paläste sowie Kirchen im aufstrebenden „Venetia“ zu bauen. Als von Altinum nichts mehr übrig war außer den Grundmauern, überließ man die Stadt dem Sumpf und dem Vergessen. So ist Altinum eine der ganz wenigen römischen Großstädte, die im Mittelalter nicht überbaut und verändert wurden.

Die Stadt bietet sich sozusagen im Original dar – man wusste von ihrer Existenz, aber gesehen hat sie bis jetzt keiner. Dem haben nun die Forscher um Andrea Ninfo und Paolo Mozzi abgeholfen. Ninfo und die anderen Forscher aus Padua haben Satellitenfotos sowie normale und Infrarot-Luftaufnahmen übereinandergelegt und damit – unter den Mais- und Sojafeldern von heute – die antike Stadt sichtbar gemacht.

Altinum hatte alles, was eine römische Großstadt brauchte: Säulenumstandene Halbkreise bezeichnen das Theater und eine „Liederhalle“; der offene, rechteckige Platz des Forums ist zu erkennen, dazu ein Tempel, Basilika-Hallen, Geschäfte; das kolosseum-artige Amphitheater von einst hat im Maisfeld ein klares, doppeltes Oval hinterlassen.

Altinum war nicht nur von Mauern und Toren, von Flüsschen und Kanälen umgeben – die zu regeln, war eine um die Zeitenwende viel bestaunte Wissenschaft für sich –, ein Kanal durchzog auch die Stadt selbst. An der Lagune entdeckten die Forscher ferner die antiken Hafenanlagen.

Und jetzt? Schon vor einem Jahr hatten sich die Lokalpolitiker gefragt, wie sie von den venezianischen Touristenmassen wenigstens einen Teil auch für Altinum begeistern könnten. Die Wartezeit auf dem Flughafen beispielsweise, so überlegte man, könnte für organisierte Shuttle-Tours genutzt werden. Geworden ist daraus bisher nichts, weil man den Gästen außer ein paar winzigen, stichprobenartigen Grabungen und einem Heimatmuseum nichts zeigen kann und weil sich die Attraktivität von Maisfeldern in Grenzen hält.

Wer aber Google Earth (oder Google Maps) auf seinem Computer hat, wer über ein gutes Auge und etwas Spürsinn verfügt, der entdeckt von Altinum zumindest ein paar Grundmauern, ganz bequem, zu Hause und unabhängig von allen touristisch-astronomischen Preisen in Venedig. Einfach „Quarto d’Altino“ eingeben (so heißt das moderne Dorf) und dann in Richtung Südosten suchen, rund um ein unübersehbares rundes Stallgebäude aus den sechziger Jahren (des 20. Jahrhunderts!) herum.

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