Kultur : Am Gängelband

Michael Haneke über seinen Film „Caché“

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Haben Sie schon mal nachgezählt, wie viele bürgerliche Familien Sie in Ihren Filmen gequält haben?

Wahrscheinlich so viele, wie ich Filme gemacht habe. Ich spreche immer von bürgerlichen Leuten; das sind die einzigen, die ich wirklich kenne. Zudem stammen die meisten meiner Zuschauer aus dem bürgerlichen Milieu. Das schafft größtmöglichen Identifikationswert.

Kann es sein, dass Sie einer österreichischen Tradition folgen? Denken Sie an Thomas Bernhards oder Elfriede Jelineks Sadismus gegenüber dem Bürgertum.

In der Nachkriegszeit haben die Österreicher gerne unangenehme Wahrheiten unter den Teppich gekehrt. Als Intellektuelle und Künstler fühlten sich Bernhard und Jelinek verpflichtet, im Dienste der Wahrhaftigkeit zu arbeiten – und das mit relativ lauter Stimme. Aber auch die Literatur der Gruppe 47 in Deutschland war eine Reaktion auf das, was vorher passiert ist. In Ländern, in denen es keinen Faschismus gab, ist die Auseinandersetzungsform sicherlich eine andere.

Etwa in Frankreich. In „Caché“ dringen Sie mit österreichischer Quällust auf Chabrol-Gelände vor.

Gegen solche Interpretationen habe ich nie etwas. Sie sind richtig und auch nicht. Aber Chabrol macht für mich seit 40 Jahren den gleichen Film. Ich habe seine Filme in den fünfziger und sechziger Jahren sehr genossen – Chabrol hat ja einen bösen Humor. Aber das ist mittlerweile zu einer Masche geworden.

Eines der Argumente Ihres Films lautet, dass die Zivilisiertheit des Bürgertums auf Verdrängung basiert.

Ja, es geht um alles, was unter den Teppich gekehrt wird, individuell und kollektiv. Wir tun ständig jemand anderem etwas an, ob bewusst oder unbewusst. Manchmal tun wir das sogar in bester Absicht. Wenn man das alles im Kopf behielte, würde man wahnsinnig. Aber es gibt eben aber auch eine ungesunde, perverse, sehr gefährliche Seite des Vergessens.

In „Caché“ finden unter anderem Erwähnung der Algerienkrieg, der unterschwellige französische Rassismus, der Klassenunterschied zwischen Bürgertum und Einwanderern. Wenn dann auch noch ein Hahn geköpft wird, das Symbol Frankreichs . . .

. . . daran habe ich überhaupt nicht gedacht . . .

. . . Sie sehen den Film also nicht als politische Allegorie über Frankreich?

Nein, erstens tue ich mich mit Allegorien immer schwer. Wenn Sie ein Drama von Tschechow als Abgesang auf die russische Gesellschaft interpretieren, ist das nicht falsch. Es verfehlt nur das Wesentliche des Stücks. Zweitens spreche ich zwar von der französischen Gesellschaft, aber ich möchte den Film nicht auf Frankreich begrenzt sehen. In jedem Land gibt es genügend dunkle Flecken, wo individuelle und kollektive Schuld sich decken.

Wie in „Funny Games“ setzen Sie sich wieder mit den Mechanismen des Psychothrillers auseinander.

„Funny Games“ ist eine Reflexion über das Genre. Bei „Caché“ benutze ich nur das Vokabular des Genres, um ein Problem darzustellen. Wenn man sagt, der Film sei ein Thriller, habe ich nichts dagegen. Aber ich hoffe doch, dass es mehr ist. Im Thriller darf man, wie in der Geisterbahn, durch ein Bad des Schreckens gehen, aber am Schluss ist alles in Ordnung. Bei mir nicht.

In „Caché“ geht es Ihnen auch wieder um das eigene Medium.

Die audiovisuellen Medien sind die Inkarnation der Manipulation. Wenn der Film eine Kunstform sein soll, hat er die Pflicht, den manipulativen Charakter seiner selbst im Werk zu reflektieren. Das ist der Grund, warum ich in meinen Filmen – von „Benny’s Video“ über „Funny Games“ und „Code: Inconnu“ bis „Caché“ – dem Zuschauer vor Augen führe: „Moment! Siehst du eigentlich, wie ich dich am Gängelband habe?“

Das genaue Gegenteil des klassischen Illusionskinos.

Illusionen sind notwendig, aber auch gefährlich. Wenn wir unglaublich privilegierten, in den reichen Ländern lebenden Menschen uns anschauen, wie viele Millionen Menschen elendiglich leiden und hungern, haben wir alle ein schlechtes Gewissen. Gleichzeitig empfinden wir extreme Ohnmacht angesichts der Kompensierung dieses schlechten Gewissens. Deshalb stürzen wir uns in Illusionen. Der Punkt, wo die Illusion ins Gefährliche kippt, ist schwer auszumachen.

Andererseits verschafft das Illusionskino ein temporäres Gemeinschaftsgefühl.

Aber von schlagartiger Folgenlosigkeit! Kaum ist der Film zu Ende und draußen rempelt dich einer an, ist er nicht mehr Teil deiner Gemeinschaft, sondern jemand, der dich stört.

Das Gespräch führte Julian Hanich.

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