Kultur : Am liebsten würde ich mit der Nase malen

Christian Schröder

Bevor er berühmt wurde, war er schon berüchtigt. Man nannte ihn den "Oberwildling" von Wien. Gustav Klimt, der Präsident der Wiener Secession, musste sich rechtfertigen, als er ihn zur Teilnahme an der "Kunstschau" eingeladen hatte: "Kokoschka ist das Ausnahmetalent unter der jüngeren Generation. Vielleicht riskieren wir, dass die Ausstellung auseinander fliegt, aber das müssen wir in Kauf nehmen." 1909 zeigte Oskar Kokoschka zum ersten Mal ein Porträt in der "Kunstschau": das Bildnis von Ernst Reinhold, eines Schauspielers und engen Freundes, der sich später dem Buddhismus zuwenden sollte. Reinhold, ein blasser junger Mann mit roten Haaren und blauen Augen, ist ganz weit in den Bildvordergrund gerückt. Sein Blick geht ins Leere, seine linke Hand umfasst die Stuhllehne. Später räumte Kokoschka in einem Brief ein, dass ihm ein Fehler unterlaufen war: "In meiner Hast malte ich nur vier Finger. Habe ich den fünften Finger vergessen? Jedenfalls vermisse ich ihn nicht. Für mich war es wichtiger, die Psyche des Porträtierten einzufangen, als jedes Detail auszuführen, fünf Finger, zwei Ohren, eine Nase." Ernst Reinhold übernahm eine Hauptrolle in einem blutigen Theaterstück, das Kokoschka geschrieben hatte: "Mörder, Hoffnung der Frauen". Das Drama brachte dem Maler einen neuen Spitznamen ein: "Jack the Ripper". Für die Mitglieder der feinen Wiener Gesellschaft kurz vor dem Ersten Weltkrieg muss die Vorstellung, von Kokoschka porträtiert zu werden, ähnlich verlockend gewesen sein, wie einem messerbewehrten Psychopathen zu begegnen.

Die Neue Galerie, New Yorks im Herbst eröffnetes Privat-Museum für deutsche und österreichische Kunst an der Upper East Side, zeigt in seiner ersten Wechselausstellung frühe Porträts von Kokoschka aus den Jahren 1909 bis 1914. Die Ausstellung wird zum 5. Juli in die Hamburger Kunsthalle wandern, die rund 70 Gemälde und Zeichnungen kommen unter anderem aus Madrid, Boston, Wien, Washington, Budapest, Mannheim und Berlin nach New York. Auf einem Plakat, das für die Zeitschrift "Der Sturm" warb, stilisierte sich Kokoschka zum kahlköpfigen Avantgarde-Jesus: Seine Hand weist auf eine Wunde auf der nackten Brust. Von seiner Mission war der Maler früh überzeugt, er sah sich als Prophet, Priester und Heiliger in einer Person. Kokoschka, 1886 geboren, schreibt sich gleich nach dem Abitur auf der Wiener Kunstgewerbeschule ein. Für die Wiener Werkstätte dichtet und zeichnet er das Märchenbuch "Die träumenden Knaben", das noch ganz im Bann des Jugendstil steht.

Aber von gefälliger Illustrationskunst hat Kokoschka bald genug, er will mehr: Aufruhr. Und es gibt keinen besseren Weg, um maximale Aufmerksamkeit zu erreichen, als Menschen zu malen, die berühmt sind: Schriftsteller, Künstler, Kritiker, Sammler, Mäzene. 1909 lernt Kokoschka den 16 Jahre älteren Architekten Adolf Loos kennen, der mit dem radikalen Minimalismus seiner Entwürfe und dem Furor seiner Traktate bekannt geworden ist. Loos rät Kokoschka, sich von der Wiener Werkstätte zu trennen und der Porträtmalerei zuzuwenden. Der Architekt und der Maler schließen ein Bündnis: Loos besorgt die Auftraggeber für Kokoschka und ist sogar bereit, die Bilder zu übernehmen, wenn die Porträtierten sie bei Nichtgefallen ablehnen. "Ein Kunstwerk möchte die Menschen aus dem Zustand der Behaglichkeit reißen. Architektur ist dafür da, diese Behaglichkeit herzustellen", hatte Loos dekretiert. In Kokoschka, diesem jungen Wilden, glaubt er den Mann gefunden zu haben, der seine Theorie in die Praxis umsetzen kann.

In den fünf Jahren bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs malt Kokoschka rund 80 Porträts: ein Kaleidoskop der künstlerischen und intellektuellen Elite Wiens. Karl Kraus, den Loos-Freund und Herausgeber der "Fackel", zeigt er als feingliedrigen Denker, der die Beine affektiert übereinander schlägt. Der Bohème-Dichter Peter Altenberg: ein seltsamer Heiliger mit Glupschaugen und Walrossbart. Der Komponist Anton von Webern: eine schemenhaft-gespenstische Gestalt im Vatermörder-Kragen, die vom schwarzen Hintergrund verschluckt zu werden droht. Manche Gemälde sind so böse wie Karikaturen. Dem Aristokraten Joseph de Montesquiou-Fezensac, den er in einem Sanatorium auf dem Mont Blanc trifft, gibt er eine grotesk überlängte Statur und ein bleiches Totenkopfgesicht.

Kein Wunder, dass manches Bild auf wenig Gegenliebe bei seinem Auftraggeber stößt. Der Kaufmann Moritz Hirsch hängt sein Porträt, das ihn mit gefletschten Zähnen darstellt, auf den Dachboden. Kokoschka geht es bei seinen Bildern nicht um Porträtähnlichkeit. "Menschen sind keine Stillleben", sagt er, er will nicht ihre äußere, sondern ihre innere Physiognomie abbilden, die "Ansicht der Seele". Die Farbpalette, die Kokoschka dafür benutzt, wird im Lauf der Zeit immer dunkler, und das Licht, das auf seinen Gemälden strahlt, scheint direkt aus den Seelen der Porträtierten zu kommen. Der Maler arbeitet schnell, mitunter rasend schnell. Er kommt ohne Vorzeichnungen aus und pinselt die Farben in fiebrig bewegtem Strich auf die ungrundierte Leinwand. Sein Porträt des Möbelfabrikanten Carl Leo Schmidt signiert er stolz "1911 Vormittag". Der Komponist Egon Wellesz fragt Kokoschka bei seiner Porträtsitzung, ob er still auf einem Stuhl sitzen solle oder sich frei im Raum bewegen könne. Der Künstler antwortet aufbrausend: "Halten Sie mich für einen so unbegabten Maler, dass Sie glauben, stillsitzen zu müssen?! Sie können tun, was Sie wollen."

Korrekturen führt Kokoschka gerne statt mit einer Bürste mit den Fingern aus. "Der Weg vom Gehirn über den Arm und dann noch über eine Bürste ist viel zu lang", erklärt er. "Wenn ich könnte, würde ich mit meiner Nase malen." In Berlin wurde für diese Art Malerei, die sich mit ungestümem Gestus ausdrückt, ein neuer Name erfunden: Expressionismus. Für den "Sturm", die Zeitschrift des Berliner Avantgarde-Patrons Herwarth Walden, liefert Kokoschka Beiträge, 1910 zieht er für ein halbes Jahr nach Berlin. Dort porträtiert er unter anderem den Theaterstar Tilla Durieux und den Schriftsteller Paul Scheerbart. Seiner Muse ist Kokoschka 1912 begegnet: Alma Mahler. Sie ist eine Salonlöwin, die sich mit prominenten Männern umgibt.

Er ist hingerissen. Es wird eine stürmische Liebe mit tragischem Ende. Alma ist die Witwe von Gustav Mahler, später heiratet sie Walter Gropius und Franz Werfel. Kokoschka bedrängt sie mit über 400 Briefen bedrängt und schenkt ihr immer wieder Fächer, die er mit Liebesmotiven bedeckt. Das Porträt, das er von ihr malt, tut sie später verächtlich ab: "Das bin ich als Lucrezia Borga. Schade, dass aus dem Maler nichts geworden ist." Die Affäre endet, als sich Kokoschka 1914 zur Armee meldet. In seinem Selbstbildnis porträtiert sich Kokoschka als "irrender Ritter": ein in der Liebesschlacht Gefallener. Er liegt träumend in einer Trümmerlandschaft. Etwas abseits: Alma. Und im Himmel darüber: ihr ungeborenes Kind.

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