Kultur : Am Morgen danach

Ursula Weidenfeld

Die Weihnachtsfeiern der Unternehmen der New Economy sind in diesem Jahr bescheiden ausgefallen. Sehr bescheiden. Bescheidener noch als die bei den Autounternehmen oder den Bankkonzernen der guten alten Deutschland AG. Und denen geht es in diesem Winter schon schlecht genug. Es liegt nicht nur an der tatsächlichen Lage, dass den neuen Unternehmern und ihren Mitarbeitern die Lust am Feiern vergangen ist. Es liegt an der Depression, die sich über den Wirtschaftszweig gelegt hat, der noch vor zwei Jahren als die große Hoffnung der Industrienationen galt. Der neben denen, die mit ihm sehr schnell sehr viel Geld machen wollten, auch denen, die an den deutschen Verkrustungen leiden, Hoffnung gemacht hat. Nun werde alles von selber aufbrechen, dachte man, fast schmerzfrei und sehr dynamisch. Und reich werden kann man auch noch dabei. Das alles hatte etwas von sozialistischer Utopie. Es sollten zwar nicht alle gleich sein, aber alsbald: alle reich.

Zum Thema Online Spezial: New Economy Die kapitalistische Variante des Paradieses - virtueller Wohlstand für alle - ist zerbrochen. Es feiert sich nicht besonders gut, wenn die meisten Schreibtischnachbarn gefeuert wurden, wenn vom wuseligen Großraumbüro nur noch Großraum übrig geblieben ist. Wenn abends schon um sieben die Lichter ausgehen, weil es keine weiteren Aufträge gibt. Wenn die Aktienoptionen so unter Wasser sind, dass nicht einmal etwas für Weihnachtsgeschenke übrig bleibt. Und wenn einen die eigenen Eigentümer, die einst begeisterten Aktionäre, selbst am höchsten Feiertag der Nächstenliebe noch hassen.

Pixelpark in Berlin oder Intershop in Jena, EM.TV in München oder Metabox in Hildesheim, Kabel New Media, Brokat oder Kinowelt: Die E-Wirtschaft ist depressiv geworden, sie ist geschrumpft und gestorben, zurechtgestutzt und gedemütigt. Die selbstbewussten jungen Menschen, die jeden duzten und Porsche fuhren, sind jetzt nachdenklich oder traurig oder beides, wenn sie zur Arbeit gehen - wenn sie nicht schon im Sabbatical sind. Und auch die vielen neuen Kleinaktionäre gehen wieder mit dem Bewusstsein zur Arbeit, dass sie das tun müssen, bis sie 65 sind. Reich werden müssen sie jetzt woanders. Aber wo? Und warum hat es nicht funktioniert? Und welche Konsequenzen hat das für die Zukunft. Ist das Schlimmste schon vorbei oder kommt es noch?

Lügner entschuldigen sich für Betrüger

Wenigstens die letzte Frage lässt sich mit einigermaßen großer Zuversicht beantworten. Zum Jahresende 2001 sieht es immerhin so aus, als sei der schlimmste Spuk vorbei. Der Neue Markt hat sich bei über 1000 Punkten stabilisiert. Das große Aufräumen und Auskehren hat stattgefunden. Trotzdem: Niemand wird mehr besonders überrascht sein, wenn es noch das eine oder andere Unternehmen erwischt. Und auch die große Verzeih-mir-Schau der New Economy sendet ihre allerletzten Folgen. Jetzt haben sich wirklich alle bei allen entschuldigt: Jungunternehmer bei Aktionären, Manager bei Mitarbeitern, neue Unternehmer bei ihren Vätern, Fondsmanager bei Anlegern, Direktbankkunden bei ihren Sparkassen, Wirtschaftsjournalisten bei ihren Lesern und natürlich bei ihren Kollegen aus der Politik. Die Ehrlichen haben sich für die Lügner entschuldigt, die Lügner für die Betrüger. Die Wirtschaft findet wieder in der Wirtschaft statt, die Politik reklamiert wieder die Gestaltungsmacht.

Alles auf Anfang also? Alles wie gehabt? So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Die letzten fünf Jahre haben mehr verändert, als es der Boom und der Zusammenbruch der Wachstumssegmente an den internationalen Börsen nahe legen. Verdeckt von dem großen Tamtam der Neu-Emissionen hat tatsächlich eine technische Revolution ihren Durchbruch geschafft: Fast die Hälfte der Haushalte in Deutschland hat sich mit dem Internet vertraut gemacht.

Die überzogenen Erwartungen, dass sich in Wirtschaft und Alltag alles rasch und radikal umwälzen wird, haben den Blick dafür verstellt, dass sich tatsächlich vieles grundlegend verändert hat. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, Chef und Miteigentümer des schwäbischen Automobilzulieferers Allgaier, sagt, dass in den traditionellen Unternehmen seiner Branche im Zuge der E-Revolution kein Stein mehr auf dem anderen geblieben sei.

Auch wenn es im Augenblick nicht besonders viele Anleger gibt, die Geld an der Börse investieren: Die Zahl der Aktionäre ist in Deutschland im vergangenen Jahr wohl unwiderruflich über die der eingetragenen Gewerkschaftsmitglieder gestiegen. Die Revolution hat also stattgefunden. Doch wie in den Anfängen der Eisenbahn oder der Automobilindustrie hat es Versprechungen gegeben, die nicht einzuhalten waren. Und wie beim großen holländischen Tulpenschwindel in den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts und bei der Südseeblase Anfang des 18. Jahrhunderts, beim Gründerkrach im 19. Jahrhundert und beim schwarzen Freitag des 20. Jahrhunderts hat es Betrüger gegeben, die das Fehlen objektiver Beurteilungskriterien und die Unwissenheit der anderen genutzt haben, um reich zu werden.

Aber: Weder Autos noch Eisenbahnen sind deshalb wieder vom Markt gedrängt worden. Im Gegenteil. Ohne sie wäre das Leben nicht mehr vorstellbar. Zwar sind es auch jetzt wieder die potenziellen Verlierer der Entwicklung, die glauben, dass der Fortschritt verschwindet, wenn ein Teil der Unternehmen verschwindet, die für ihn stehen. Doch mit dem Crash an der Börse wird niemand schon die ganze New Economy mit all ihren Folgen für das eigene Leben los.

Wahrscheinlich ist es eine Ahnung davon, die - zusätzlich zu den materiellen Verlusten - für die schlechte Laune und die Verbitterung bei den Kleinanlegern sorgt. Diejenigen, die sich hinters Licht geführt fühlen, wollen nicht die Verlierer auf der ganzen Linie sein. Die Uninformierten, die von den Vorteilen der Informationsgesellschaft nicht profitieren können. Die Ungebildeten, denen die Globalisierung tatsächlich Herausforderungen beschert, denen sie nicht gewachsen sind. Die allzu Schlauen, die sich haben blenden lassen. Sie wollen nicht verzeihen.

Scharen von Kleinanlegern klagen jetzt gegen die Vorstände, die noch vor zwei Jahren die Helden der Nation waren. Nicht, weil sie die Illusion hätten, etwas wieder zu bekommen von dem Geld, das sie verloren haben. Aber weil sie die Hoffnung haben, dass den anderen wenigstens etwas weggenommen wird. Wenigstens das Selbstbewusstsein. Und weil sie hoffen, dass sich die Uhr vielleicht doch noch ein bisschen zurückdrehen wird. Wenn der Richter feststellen sollte, dass die Neue Wirtschaft eine reine Erfindung war. Sie werden weitere Enttäuschungen erleben. Und die werden nicht weniger wehtun. Auch wenn sie nicht mit einem weiteren unmittelbaren Wohlstandsverlust verbunden sind.

Reich werden im Schlaf

Zur Gründung des Neuen Marktes im Jahr 1997 schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die dort notierten Risikowerte seien auf keinen Fall etwas für Kleinanleger. Der Neue Markt sei der richtige Platz für institutionelle Anleger, kurz: für Profis, für Leute, die etwas davon verstehen. Es hat vier Jahre gedauert, bis sich daran wieder alle erinnern. Vier Jahre, in denen ein paar Menschen sehr gut verdient haben. Vier Jahre, nach denen viele andere sehr viel verloren haben. Geld. Energie. Hoffnung.

Denn es war natürlich der Neue Markt, der die alten und die neuen Aktionäre reizte. Der wenigstens eine Zeit lang die Angst vor dem Verlust sozialer Sicherheitsstandards und den Zumutungen der Internationalisierung kompensierte. Weil er wuchs und wuchs und wuchs. Und weil es scheinbar ganz einfach war, selbst fürs Alter Vermögen zu bilden und trotzdem prima zu leben. Weil er zu zeigen schien, dass ein Land gar kein beeindruckendes Wirtschaftswachstum braucht, um Reichtum herzustellen. Wenn seine Bewohner nur listig genug sind, aus Geld mehr Geld zu machen.

Schneller als die New Yorker Nasdaq und entschlossener als der französische Nouveau Marche gingen in Deutschland die Kurse nach oben, wurden immer neue Unternehmen nachgereicht, die sich um das Geld der Anleger bewarben. Wenn sie sich überhaupt noch darum bewerben mussten. Denn längst waren zu der Illusion vom ewigen Wachstum die Schwindler und Schlamper gekommen, die Figuren eben, die ein Märchen braucht, wenn es für die Wirklichkeit gehalten werden will.

Fondsmanager und auch die Börsenaufsicht selbst attestierten Unternehmen wie dem Telekommunikationsunternehmen Gigabell die Börsenreife, die noch nicht einmal ein funktionierendes Rechnungswesen hatten. Sie platzierten Kapitalerhöhungen von Unternehmen wie EM.TV, bei denen sich hinterher herausstellte, dass der Finanzvorstand gerne mal Aufträge mit Umsätzen verwechselte. Sie guckten seelenruhig zu, wie Wirtschaftsjournalisten in die Aufsichtsräte einzogen und die Unternehmen, die sie eigentlich kontrollieren sollten, in Börsensendungen und Kommentaren zum Kauf anpriesen. Die Unternehmer suchten sich ihre Geldgeber aus: Sie suche "Smart Money", schlaues Geld, so nannte es die Beauty-Net-Gründerin Hanna Eisinger im Frühjahr des Jahres 2000. Geld von Investoren, die auch ihr Wissen, ihre Beziehungen und Interesse an der Münchner Internet-Parfümerie mitbringen. Damit zog sie die Grenze zu denen, die nur auf das Geld scharf waren. Die nahmen auch "Silly Money", das dumme Geld der vielen Kleinanleger, gern an.

Zwischen 1998 und 2001 hat zweifellos eine gewaltige Umverteilungsaktion von Vermögen stattgefunden. Im März 2000 war der ganze Frankfurter Neue Markt noch mit einer halben Billion Mark bewertet. Heute sind die fünfzig größten Unternehmen am Neuen Markt gerade noch um die vierzig Milliarden Mark wert.

Das Geld haben jetzt "die anderen", sagt Kleinanlegerschützer Eckard Wenger. Die anderen, das ist für die verbitterten Kleinaktionäre zum Beispiel einer wie Thomas Haffa, der sich rechtzeitig von eigenen EM.TV-Aktien im Wert von 40 Millionen Mark trennte. Oder Peter Kabel, der Kabel-New-Media-Aktien für 100 Millionen Mark auf den Neuen Markt schickte, bevor der wegkippte. Heute sind beide Unternehmen am Ende, ihre Gründer und Chefs aber immer noch reiche Leute.

Geld wurde - und daraus machten diejenigen, die es einsammelten, gar keinen Hehl - verbrannt. Die "Burn Rate", also die Rate, mit der die Internet-Unternehmen in ihrem Kampf um Marktanteile in aller Welt das Geld verheizten, galt im Jahr 2000 als prima Maßstab für die Erfolgsaussichten eines Unternehmens: Je schneller die das Geld ausgegeben haben, das die Börse zur Verfügung stellte, desto besser.

Kaum jemand störte sich an dem gewaltigen Blödsinn, den die vielen Internet-Unternehmen und ihre Förderer entfesselten. Auch, weil es fast niemand wirklich besser wusste. Weder Analysten noch Fondsmanager, Journalisten noch die Unternehmen selbst konnten erklären, warum auf einmal betriebswirtschaftliche Maßstäbe keine Rolle mehr spielten. Das liegt daran, dass es bis heute niemanden gibt, der Maßstäbe für tatsächliche technische Revolutionen entwickeln kann.

Maßstäbe beruhen auf Erfahrungen, brauchen Vergleichswerte, Referenzen. Sie setzen Standards. Doch diese Standards können erst jetzt, nach dem Knall, entstehen. Nicht nur an der Börse, auch bei der Bewertung der Güter der neuen Wirtschaft und bei den Folgen für die Volkswirtschaft verursachte das Fehlen der Maßstäbe Fehler und falsche oder zu teure Investitionen. In Deutschland beispielsweise lieferten sich die Telekommunikationskonzerne ein Hundert-Milliarden-Mark-Rennen um Mobilfunklizenzen, von denen heute noch niemand weiß, was sie tatsächlich wert sind.

In den USA verwiesen die Ökonomen auf die enormen Produktivitätsfortschritte der Wirtschaft, die für ewiges Wachstum sorgen würden - und waren dann bass erstaunt, als die Volkswirtschaft, ganz klassisch, den Rückwärtsgang einlegte. Wenn man Börsenexperten fragte, wie eine Aktie eines Unternehmens zu bewerten sei, dessen einziges Kapital die Köpfe seiner Mitarbeiter sind, nickten die und sagten weise: "Das sieht man doch am Aktienkurs, wie der Markt das Unternehmen bewertet". Was die Unternehmen wirklich wert waren, wusste niemand. Es konnte auch niemand wissen. Ein Markt, der bei über 8000 Punkten notierte, kann sich eben nicht irren.

Heute sind nicht alle reicher, aber fast alle klüger - eine gute Voraussetzung für solides Wachstum.

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