Kultur : Am Quellhorizont

Gedichte als Fremdkörper: Der Lyriker Thomas Kling ist im Alter von 47 Jahren gestorben

Katrin Hillgruber

„Luzide Panzerplatte der Himmel. Regengüsse, die den Boden durchsuppen; und borstig, grannenhaft, federwolkig der Hombroichhimmel. Hinten liegt Düsseldorf, hinterm unsichtbaren bestimmenden Rhein.“ So beschrieb Thomas Kling die ehemalige Raketenstation und jetzige Museumsinsel Hombroich bei Neuss, auf die er und seine Lebensgefährtin, die Fotografin Ute Langanky, 1994 gezogen waren und immer wieder auch befreundete Lyriker wie Inger Christensen einluden. Seitdem durchwuchs und untergrub die struppige und sumpfige Wahlheimat, die einst der belgischen Armee als Stützpunkt gedient hatte, in Form eines „Hombroich-Rhizoms“ auf kreative Weise das Werk dieses Ausnahme-Lyrikers.

Thomas Kling hat die deutsche Gegenwartsdichtung mit hochartifiziellen Abgesängen auf die Restnatur bereichert, mit epischen Geschichts- und Gemäldegedichten, mit „unreinem Maulwerk und reiner Poesie“, mit Sprachsondagen über das Mittelalter und seine Minnesänger wie dem Tiroler Oswald von Wolkenstein bis zum bewunderten Römer Catull sowie mit hochmodernen Doppelbelichtungen und „Sprachpolaroids“ jenseits der Augenblicksaufnahmen Rolf Dieter Brinkmanns. Vor allem aber war er ein begnadeter Vortragskünstler mit schneidender bis sarkastischer Intonation, der dem mündlichen Ursprung der Dichtkunst Reverenz erwies. So überführte er auf einer CD zu seinem Gedichtband „Fernhandel“ (1999) die virulente Wirkkraft der Totentänze des 17. Jahrhunderts ins Jetzt, etwa im „Berliner Totentanz 1“, „zu St. Marien“, wie der Rheinländer aus Bingen anmerkte: „fig. 1: ‚Ich habe die edlen herren wert / Als ein herzog regieret – mit dem Schwert!’ / ,In knochenkleid steh ich nu im glanz: / Kein entkommen hier beim totentanz’.“

Im saturierten Literaturbetrieb wurde der Polemiker, der 1986 mit „Erprobung herzstärkender Mittel“ debütiert hatte, mitunter als unberechenbarer Fremdkörper empfunden. Einladungen zu Kling-Lesungen wuchsen sich häufig zu Expeditionen der Worte und Widerworte mit ungewissem Ausgang aus, manche Kollegen zogen sich verletzt zurück. Der Poeta doctissimus empfand sein Werk, das die Jahrhunderte scheinbar mühelos durchschritt, als „Arbeit im Quellhorizont“ und als Versuch, mit sprach-archäologischen Methoden den Zugang zu „missdeuteten und vergessenen Klassikern“ wieder freizulegen. Herausragend etwa seine Beschäftigung mit den Ideologemen des Ersten Weltkriegs („Die Modefarben 1914“) in „Fernhandel“. Für sein Bekenntnis zur Tradition der „dezidiert antibürgerlichen Dichtung“, das stets von der Wiener Gruppe inspiriert war, erhielt er 1994 den erstmals vergebenen Else-Lasker-Schüler-Preis, drei Jahre später den Peter-Huchel-Preis. Auch die wichtigste deutschsprachige Literaturauszeichnung im Namen Georg Büchners hätte er, der ebenso als Essayist, Herausgeber und Förderer des lyrischen Nachwuchses hervortrat, längst verdient gehabt.

Thomas Kling, der am Freitag im Alter von 47 Jahren einer schweren Krankheit erlag, muss geahnt haben, dass der igerade erschienene Gedichtband „Auswertung der Flugdaten“ (DuMont Literaturverlag) sein letzter sein würde. In ihm herrscht die kalte „Arnikabläue“ der Intensivstation als Kriegsschauplatz. Und zum ersten Mal ließ sich der Dichter selbst auf dem Umschlag abbilden: hoch oben auf einer Säule stehend, mitten im Vortrag.

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