Kultur : Am Strand der Freundschaft

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Von Robert Ide

Druschba, Druschba“, sagt die alte Frau und nickt freundlich mit dem Kopf. „Freundschaft, Freundschaft“ – wie lange habe ich dieses russische Wort nicht gehört. Früher war es eine Floskel, sozialistisch korrekt und mit ernster Miene benutzt. Heute aber, verbunden mit dem Lächeln dieser alten Bulgarin, scheint es wieder leichter zu werden. So leicht wie ein Sommerurlaub am Schwarzen Meer.

Wo der „Druschba“-Strand ist, weiß die Frau nicht. An jenem Ort, irgendwo zwischen bulgarischem Goldstrand und der Hafenstadt Varna, habe ich vor 15 Jahren meinen ersten Auslandsurlaub am Meer verbracht. Ich war noch ein Junge, zwölf Jahre alt, und meine Schwester und meine Eltern haben sich einen Sonnenbrand geholt. Heute kehre ich zurück, um zu sehen, was aus Bulgarien geworden ist. Es ist eine Reise in meine alte Gefühlswelt, eine Suche nach den Bildern im Kopf. Die alte Bulgarin, die am Meer steht und selbst gepflückte Pflaumen an Touristen verkauft, versteht mein Anliegen nicht. Sie kennt keinen Strand mit dem n „Freundschaft“. Für sie ist nur das Wort übrig geblieben.

Bulgarien war schon immer ein Urlaubsland, wenn auch nicht für alle. Früher konnten viele Ostdeutsche nicht ans Schwarze Meer fahren – sie bekamen keinen Urlaubsplatz zugeteilt. Und die meisten Westdeutschen wollten nicht in die sozialistische Sonne – sie flogen lieber nach Spanien, Griechenland oder in die Türkei. Jetzt findet die Wiedervereinigung in Bulgarien statt. Ein gutes Jahrzehnt nach dem Umbruch erlebt das Land einen touristischen Boom wie noch nie. Bis zu 30 Prozent mehr Gäste erwarten die Reiseveranstalter in diesem Jahr, allein das Unternehmen ITS will 120 000 Deutsche in das Balkanland schicken. Während sich Mallorca über ein Drittel weniger Urlauber beklagt, treffen sich die deutschen Pauschaltouristen in Städten wie Varna. Denn hier ist Erholung noch billig.

In der Tupolew wird geraucht

„Willkommen in Ihrem Ferienflieger“, sagt die Stewardess. An Bord der Tupolew 154 M der bulgarischen Fluggesellschaft „Air Via“ sind alle Hinweisschilder auf Russisch. Das Personal spricht deutsch: „Bitteschön, dankeschön, hier entlang.“ Der Flug ist ausgebucht, vor allem Rentner und junge Familien zwängen sich in die engen Sitzreihen. Die Töchter sitzen an der Seite ihrer Väter, die Jungen bei den Müttern. So war das wohl schon immer.

„Ich gehe mal nach hinten, eine rauchen“, sagt Stephanie Weiß zu ihrem Vater und fläzt sich in die vorletzte Reihe. In bulgarischen Maschinen ist Rauchen noch erlaubt. Stephanie ist 19 Jahre alt, sie wohnt bei ihren Eltern. Weil die silberne Hochzeit feiern, fährt sie mit in die Ferien – „ausnahmsweise“. 3000 Euro hat die Familie aus Buckow bezahlt, nun wohnt sie für zwei Wochen im Bungalow. „Wir fahren ins Ghetto“, sagt Papa Jürgen Weiß. In diesem Jahr wollte er sich mal um nichts kümmern.

Für Touristen wie Jürgen Weiß wird gesorgt. „Einen wunderschönen Urlaub wünsche ich Ihnen“, sagte die Frau am TUI-Schalter des Flughafens Berlin-Schönefeld, während sie die Reiseunterlagen über den Tisch schob. „Viele sonnige Tage warten auf Sie“, verspricht die bulgarische Reiseleiterin den Gästen, die nach der Landung mit Bussen in die Hotels gebracht werden. „Willkommen in der grünen Oase am Schwarzen Meer“, heißt es schließlich an der Rezeption im Palace Hotel.

Früher hat uns niemand hier gegrüßt. Urlauber aus der DDR waren in Bulgarien zwar willkommen, wurden aber letztlich nicht für voll genommen. „Ich rede gerne mit Deutschen aus dem Osten“, hatte eine Verkäuferin auf dem Markt von Varna einmal zu uns gesagt. „Aber leider haben die Deutschen aus dem Westen das bessere Geld.“ Eigentlich sollte dieser Satz ein Kompliment sein, doch er hat uns sehr gekränkt.

Dreimal war unsere Familie in Varna. Meine Mutter, die bei der DDR-Fluggesellschaft Interflug arbeitete und deshalb öfter Freiflüge für die Familie bekam, hatte uns über Bekannte ein Quartier besorgt. Ein altes Ehepaar bot uns am Rande von Varna zwei Zimmer und eine kleine Küche an. Von der Terrasse aus konnte man das Meer sehen, dort oben haben wir Karten gespielt, Tee getrunken und gefrühstückt. Abends gab es aufgewärmte Fleischklößchen aus Dosen, die wir aus Ost-Berlin mitgebracht hatten. Oft kamen unsere Gastgeber hoch; wenn es dunkel wurde holten sie eine Flasche selbst gemachten Wein aus ihrem Schuppen. An manchen Tagen haben wir uns auch ein Essen am Druschba-Strand geleistet. „Strandimbiss: Bouletten mit 10-Kräuter–Salat, sehr gut, nachmittags: Sandwiches mit Wurst und Käse überbacken, schön knusprig“, heißt es in meinem Reisebericht von 1988. Immer, wenn meine Familie unterwegs war, habe ich unsere Erlebnisse in einem kleinen Heft aufgeschrieben. In den Notizen von damals – nach Tagen und Uhrzeiten geordnet – spielt das Essen eine große Rolle.

Heute ist alles normaler geworden. Wer im Palace Hotel wohnt, kann sich in eines von drei Restaurants setzen. Morgens gibt es ein pauschales Buffet mit Wurst, Käse, Tomaten und Eiern. Das alles ist nichts Besonderes mehr, nur die Möwen auf der Terrasse schlagen sich darum. Wir aber schauen kauend aufs Meer, vermissen an jenem Gericht das Salz und mäkeln dort über eine fade Gurke oder ein altes Salatblatt. Die Ansprüche sind gestiegen. Vor 15 Jahren hat das Frühstücken mehr Spaß gemacht.

Vielleicht liegt es ja an der Umgebung. Das Palace Hotel thront wie eine abgeschottete Burg am Strand. Weiße Betonsäulen an den Fassaden und Marmorböden in den Speisesälen künden vom alten Glanz, als dieses Gebäude noch Sanatorium der bulgarischen Sozialisten war. Einst wurde um das Heim ein Sperrgebiet gezogen, noch heute müssen Touristenbusse ein verriegeltes Eisentor und eine Schranke passieren. Vier Hotels stehen auf dem Gelände, das sich seit zwei Jahren in privatem Besitz befindet. Ein Fleischfabrikant aus Plovdiv hat sich den ein Kilometer langen Küstenstreifen nördlich von Varna gesichert – inklusive eines Yachthafens, den die Sozialisten zu bauen anfingen und der heute als Ruine am Wasser liegt. Zwei Hotels hat der neue Besitzer bereits sanieren lassen, zusätzlich wurde ein Swimmingpool gebaut. Die neue Zeit ist eingezogen, Hinweisschilder in deutscher Sprache zeigen, für wen der Aufwand getrieben wird. Vom Sozialismus sind die schweren Kronleuchter aus Glas und ein Konferenzzentrum mit braun bezogenen Klappstühlen geblieben. Und natürlich der Fahnenmast am Eingang des Palace Hotel. Hier wehen die Flaggen von Bulgarien, der EU und von „Sunny Day“. So heißt die Hotelanlage.

„70 Prozent unserer Gäste sind deutsch“, sagt Tanja Roglewa. Für die Hotelmanagerin sind die Deutschen gute Gäste. „Die machen viele Ausflüge und nehmen an unseren Sportprogrammen teil.“ Roglewa hält den Massentourismus für einen Segen. Die 44 Jahre alte Frau, die beim Reden ihre goldene Brille auf der Nase hin und her schiebt, kommt aus einer ärmeren Familie. In ihrer Heimatstadt Varna hat sie sich hochgearbeitet, erst als Reiseleiterin, dann in einem Motorenwerk und bei einer Bank. Die vielen renovierten Hochhäuser am Strand und die in Reihe aufgestellten Sonnenschirme sind für sie Symbole des Aufbruchs. In einem Land, in dem jeder Fünfte unter der Armutsgrenze lebt und die Landwirtschaft nahezu komplett bankrott ist, gibt es nicht viele solcher Symbole. „Der Tourismus ist unsere einzige Hoffnung“, sagt Roglewa. Wenn ihr 72-jähriger Vater sich beklagt, dass er seine Heimatstadt nicht wiedererkennt und in den Touristenvierteln die Orientierung verliert, schüttelt sie den Kopf. Tanja Roglewa sagt: „Varna entwickelt sich planmäßig.“

Die Armut ist an den Rand gewichen. Auf dem Basar im Stadtzentrum bieten die Händler vorrangig Klamotten an, Modellpuppen aus Plastik tragen nachgemachte Markenpullover von „Boss“ und „Adidas“. Früher war der Platz gefüllt mit Menschen, die ihr letztes Hab und Gut verhökern wollten. Im Reisebericht von damals steht: „Ausgelaufene Schuhe, halbkaputte Elektroteile, lebende Hühner und Hasen, also alles, was man sich vorstellen kann, wird hier verkauft und angeboten.“ Inzwischen hocken die alten Männer mit ihren verrosteten Türklinken und Bettfedern am Rande einer Seitenstraße. Wenn sich ein Tourist hierher verirrt, ziehen sie sich Hemden über ihre braun gebrannten Oberkörper, streichen ihre Haare glatt und stellen sich stolz vor ihr Eigentum. Sie wollen, dass man auch von ihnen ein Foto macht.

„Das ist schon Dritte Welt hier“, sagt Heide Reich. Die 64 Jahre alte Lehrerin aus Berlin-Zehlendorf liegt im Sonnenstuhl und arbeitet sich durch den neuen Roman von Martin Walser. Ihr Mann, ein Physiochemiker im Ruhestand, blättert in der „Zeitschrift für Sozialökonomie“. Er liest Aufsätze über die Ungerechtigkeiten der Globalisierung und das weltweite Zinssystem. Wenn seine Frau auf die Unterschiede zwischen Deutschland und Bulgarien zu sprechen kommt, zwinkert er mit den Augen. „Für ein Abendessen mit Wein und Kaffee haben wir gerade 15 Lewa bezahlt“, erzählt Heide Reich. 15 Lewa sind acht Euro. Die bulgarische Folklore war im Preis inbegriffen.

Folklore und Techno

Abends gibt es viel Folklore in Varna. Wenn sich die Möwen den Strand zurückerobern und bulgarische Familienväter mit Metalldetektoren im Sand nach Geldstücken suchen, dann werden in den Restaurants und Bars die Tische enger aneinander gerückt. Die Besitzer stellen Mikrofone, Keybords und Lautsprecherboxen auf, damit bulgarische Mädchen in Trachtenkleidern die internationalen Charts nachsingen können. In einem Lokal, das zu einem überdimensionalen Schiff ausstaffiert wurde und mit seinen rot blinkenden Masten schon von weitem zu sehen ist, brechen Techno-Rhythmen über die Gäste herein. Zum Spaghetti-Essen gibt es heute eine Travestie-Show.

Zentrum des touristischen Booms in Varna ist das „Grand Hotel“. Zu DDR-Zeiten war das Gebäude für uns ein geheimnisvoller Ort der Sehnsucht. Mit großen Augen schlichen wir an der hellen Fassade vorbei und versuchten, einen Blick in den Garten mit Swimmingpool zu erhaschen. Vorrangig wohnten hier Westtouristen – oder Ostdeutsche mit Westgeld und Beziehungen. Von der „Sky Bar Havanna“ im obersten Stockwerk hatten sie die beste Aussicht.

Wer heute die Anlage betritt, dem bietet sich ein gewöhnliches Bild des Massentourismus. Im Garten liegen die Menschen Schulter an Schulter in der Sonne, in den Ecken stehen kleine Holzhütten mit dem Hinweis „Kinderecke“. Die Wege sind mit Betonplatten verlegt, die Spielplätze abgezäunt. Das Personal trägt blaue Kostüme und Namensschilder. Eine „Nivea-Sun“-Bimmelbahn fährt durch den Komplex – sie verbindet das „Grand Hotel“ mit den neuen Herbergen, die rund um den ehemaligen Druschba-Strand gewachsen sind. Das Bild in meinem Kopf sah anders aus, irgendwie exklusiver. Der Strand, der mir kleiner vorkommt als früher, heißt inzwischen „St. Konstantin und Helena“.

Das vergilbte Gästebuch

Warum nur sind wir so kritisch geworden? „Im Meer ist es ganz schön voll heute“, höre ich mich morgens sagen. „Von der Klimaanlage kriege ich noch eine Erkältung“, meint meine Freundin am Nachmittag. Und abends ärgern wir uns, dass ein stinkender Traktor mit einer Sandwalze den Strand abfährt. Ganz anders früher. Meine alten Reiseberichte strotzen vor kindlicher Begeisterung: „Wir fahren mit dem Bus zum Sonnenstrand, schön gebummelt, viele Buden, es ist noch bewölkt. Mittag in einem Café (gebackenes Seelachsfilet mit Pommes Frites und Salatteller), die Sonne lacht, dann zum Sonnenstrand. Herrlicher Sand, wenig Steine im Wasser, viel gebadet, Wasserski und Fallschirmspringer beobachtet, viele Fotos, Tante Ruth ist einfach begeistert.“ Einfach begeistert sein – das ist schwerer geworden.

Der alte Mann hat nur noch zwei Zähne. „Willkommen“, sagt er, ohne nach dem Namen der Besucher zu fragen. Seine Frau öffnet das verrostete Gartentor. Im Stehen schaut sie sich das alte Fotoalbum an und erkennt die Terrasse wieder, auf der ich früher mit meiner Familie saß. Es ist ihre Terrasse.

Wasil und Nanka Wutow vermieten noch Zimmer. Doch es kommt niemand mehr. Zehn Lewa verlangen sie für eine Nacht, das sind gut fünf Euro. In der kommenden Woche erwarten sie eine Familie aus Polen – es sind die einzigen Gäste für diesen Sommer. „Wir liegen zu weit weg vom Strand“, sagt Wasil Wutow. Der 77 Jahre alte Mann hat inzwischen sein Gebiss geholt – und eine Flasche Weißwein aus dem Schuppen.

Früher hat Wutow in der Werft von Varna gearbeitet. Die Werft steht noch, aber sie ist pleite. Die Arbeiter bleiben zu Hause, weil sie kein Geld mehr bekommen. Die Wutows schütteln darüber den Kopf und werkeln weiter an ihrem Haus. Gerade renovieren sie die Gästezimmer und die Küche, einen neuen Kühlschrank haben sie auch gekauft. Zusammen bekommen sie 169 Lewa Rente im Monat. In den Hotels am Strand ist das der Preis für eine Übernachtung.

Wasil Wutow hat ein altes Buch auf den Gartentisch gelegt und seine Brille aufgesetzt. Vorsichtig streicht er mit seinen Händen über die vergilbten Seiten. 20 Jahre ist es mindestens alt, das Verzeichnis seiner Besucher. Säuberlich sind Adressen untereinander aufgelistet, jede in einer anderen Handschrift. Unter den meisten Orten steht die Abkürzung DDR. „Wir hatten viele Gäste von Interflug“, erzählt Wutow. Seite für Seite schlägt er um und entdeckt Namen, die ihm etwas sagen. „Wir danken Ihnen für diesen wunderschönen Urlaub“, liest Wutow laut vor. Dann lacht er und stößt seine Frau an. „Familie Hofmann aus Schönefeld.“ Die Frau lacht mit. Manchmal stellt Wasil Wutow auch Fragen. „Wie heißt Karl-Marx-Stadt heute?“ Oder: „Das Gegenteil von Vergessen – gibt es ein deutsches Wort dafür?“

Ein Brief fällt aus dem Buch. Auf dem Umschlag steht eine deutsche Adresse, der Poststempel ist vom Dezember 1990. Im Kuvert steckt eine Klappkarte; wenn man sie öffnet, erklingt das Lied „Stille Nacht“. Wutow übertönt die fiepende Melodie und trägt mit ruhiger Stimme den Text vor: „Frohe Weihnachten und viel Glück im neuen Jahr. Wenn nichts dazwischen kommt, werden wir Mitte September wiederkommen. Uns geht es gut, nur die Arbeitslosigkeit ist nicht gerade schön. Der Umbruch war ganz schön aufregend, aber jetzt gibt es alles für die harte Mark. Nochmals viele Grüße, Ruth Breitfeld.“ Meine Tante Ruth. Auch sie war seit der Wende nicht mehr in Bulgarien.

Der Wein ist alle, die Sonne geht unter. Unten am Strand beginnt jetzt die allabendliche Party. Wasil und Nanka Wutow schalten die kleine Lampe unter ihren Bäumen an. Die Frau pflückt uns noch ein paar Aprikosen. „Du musst leben, leben, leben“, sagt der alte Mann. Zum Abschied öffnen sie die Arme. „Danke fürs Erinnern.“

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