Amazonen : Edle Streiterin, rasende Rächerin

Wenn Frauen Krieg führen: Eine Ausstellung in Speyer ergründet das Geheimnis der Amazonen.

Oliver Heilwagen
Kampffrisur. Gab es die Amazonen oder gab es sie nicht? Auf dieser Beinschiene aus Gold und Silber (380–350 v. Chr.) ist der abgebildete Krieger jedenfalls eine Frau. Foto: Katalog
Kampffrisur. Gab es die Amazonen oder gab es sie nicht? Auf dieser Beinschiene aus Gold und Silber (380–350 v. Chr.) ist der...

Darf es ein bisschen Fantasy sein? Dunkle Wolken jagen über die Leinwand, bedrohlich stapfen Hopliten durchs Bild, die schwer bewaffneten Fußkrieger im antiken Griechenland. Frauen sind nicht darunter. Oder vielleicht doch? Mit dieser Frage spielt nicht nur der Film am Eingang der Amazonen-Ausstellung in Speyer, sondern die gesamte Schau im Historischen Museum der Pfalz. Sie spinnt das „Was wäre, wenn?“ zur epischen Erzählung aus, verfolgt die Spuren der flüchtigen Kriegerinnen durch drei Jahrtausende und häuft zahllose Indizien an. Am Ende erscheinen einem die Phantome fast als alltägliche Begleiter – eine überzeugende Strategie.

Wie anders soll man etwas zeigen, das es nicht gibt? Als Lösung bietet sich an: Anstatt die Amazone, das unbekannte Wesen, darzustellen, trägt man die wesentlichen Darstellungen zusammen. Im Vergleich enthüllt sich ein gemeinsamer Kern. Genau das geschieht in Speyer.

Drei griechischen Mythen verdankt die Welt das Volk der Amazonen. Der älteste handelt von der neunten Aufgabe des Herkules: Er soll den Gürtel der Amazonenkönigin Hippolyte herbeischaffen. Hippolyte hätte ihn fast verschenkt, doch die Göttermutter Hera schürt Zwist. Herakles und seine Gefährten kämpfen gegen die Amazonen, besiegen sie und zerschlagen ihr Reich.

Der zweite Mythos erzählt von Athens mythischem Gründer Theseus, der die Amazone Antiope in seine Heimatstadt entführt. Die Amazonen folgen ihnen und belagern Athen. Doch sie werden geschlagen und fliehen nach Norden zu den Skythen. Der dritte Mythos ist Teil des Kriegs um Troja: Die Amazonen eilen der Stadt zu Hilfe, werden aber von den Griechen niedergerungen. Achilles kämpft mit der Amazonenkönigin Penthesilea; als er sie tötet, verliebt er sich in sie.

Die drei Geschichten verlegen das Reich der Amazonen nach Themiskyra an die südöstliche Schwarzmeerküste, obwohl sich dort damals wie heute keine Spur der Kriegerinnen findet. Zudem werden sie als exakte Ebenbilder der Griechen geschildert. Sie tun all das, was im antiken Hellas den Männern vorbehalten ist. Dafür genießen sie Hochachtung. In Athen waren ihnen ein Fries am Parthenon, ein Gemälde auf der Agora und sogar Heiligtümer gewidmet. Gefäße wurden oft mit Kämpferinnen bemalt, vor allem Trinkschalen für Gelage.

Sind Amazonen also nur die maso-erotische Männerfantasie einer Macho-Kultur? Oder, feministisch interpretiert, die verblasste Erinnerung an ein untergegangenes Matriarchat in grauer Vorzeit? Die Ausstellung legt eine andere Deutung nahe: Als Gegenbilder geschätzter Tugenden in weiblicher Gestalt symbolisieren sie eine vorhellenische Welt, die von den Griechen noch nicht erobert ist. Quasi die frühere Unordnung, bevor die patriarchalische Sozialordnung durchgesetzt wurde. Das erklärt, warum die Amazonen zuerst am Südufer, später an der Nordküste des Schwarzen Meeres vermutet wurden. Sie waren jeweils dort, wo die Griechen die Barbaren noch kontrollierten. Nördlich des Meeres lebten jedoch die Skythen. Die Frauen dieses Nomadenvolks waren im Kampf geübt, wie Waffenfunde in ihren Gräbern belegen. Die in der Schau gezeigten Beispiele – das eine Grab wurde 1927 im Kaukasus geöffnet, das andere 1990 in Sibirien – haben allerdings nichts mit den Griechen zu tun. Wenn die Schau vollmundig behauptet, dass die „einzigartigen Funde bisher noch nie zu sehen waren“, betreibt sie Augenwischerei.

Dafür weist die Ausstellung nach, wie sich das Erscheinungsbild der Amazonen in der griechischen Dekormalerei verändert. Anfangs gleichen sie mit kurzem Gewand, Helm und schwerer Ausrüstung den griechischen Hopliten. Dann tauchen immer mehr Amazonen mit spitzen Kappen, engen Trikots und Streitäxten auf – so zogen die Skythen in den Krieg. Offenbar nahmen sich die Künstler zunehmend Skythinnen zum Vorbild.

Die Amazonenmythen waren jedoch älter als die Kontakte der Griechen zu den Skythen – und sollten beide überleben. Bis in die Neuzeit griff man auf diese Deutungsmuster zurück, wenn kämpfende Frauen auftauchten: ob bei den Indianern im Amazonasgebiet, der Revolution von 1789 oder der weiblichen Leibgarde des Königs von Dahomey, die im 19. Jahrhundert gegen die französischen Kolonisatoren focht.

Zugleich bildeten die Künste zwei komplementäre Typen aus: die edle Streiterin im schimmernden Harnisch und die nackte Rächerin in triebhafter Raserei. Waren die griechischen Amazonen noch diachron konzipiert, so dass ihre Niederlage für eine überwundene Epoche stand, so gehen die neuen Amazonen mit ihrer Zeit synchron: Sie sind das Chaos, das droht, wenn die gegenwärtige Ordnung beseitigt würde.

Die Ausstellung wird ihrer mysteriösen Protagonistinnen habhaft, so gut es geht. Zwar gerät sie in der nachantiken Ära etwas kurzatmig, aber das macht nichts. Zuvor hat sie die Amazonen derart liebevoll präsentiert, dass der Besucher jeden Wink versteht. Besonders hervorragend die Präsentation der Ursprungsmythen: Anhand von Vasen-Fragmenten werden sie Szene für Szene nacherzählt, eine Art digitales Daumenkino. Das macht Lust auf Fabelwesen: Wie wär’s demnächst mit Chimären, Kentauren oder Zyklopen?

Historisches Museum der Pfalz, Speyer, bis 13. Februar 2011. Begleitbuch 24,90 €. Infos: www.amazonen.speyer.de

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