American Academy in Berlin : Wellen am Wannsee

Abschied und Aufbruch: Gary Smith, Direktor der American Academy, verlässt nach fast 20 Jahren die Villa der Stipendiaten – kurz nach Dekanin Pamela Rosenberg. Wie geht es weiter?

von
Netze weben auf beiden Seiten des Atlantiks. Gary Smith.
Netze weben auf beiden Seiten des Atlantiks. Gary Smith.Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/ picture-alliance/ dpa

Der ideale Kandidat ist noch nicht in Sicht. Er spricht perfekt Deutsch und Englisch, ist bestens vernetzt in der universitären Landschaft auf beiden Seiten des Atlantiks, beherrscht Management, Fundraising und steckt voller Ideen. Gesucht wird: ein neuer Executive Director der American Academy am Wannsee. Denn Gary Smith, seit 17 Jahren geschäftsführender Direktor, hat seinen Abschied zum Ende des Jahres angekündigt. Beim nächsten Board-Meeting am 20. Mai wird die dringend benötigte Kandidaten-Shortlist das beherrschende Thema sein. Außerdem muss ein Leiter für das neue Holbrooke-Forum gefunden werden. Geeignete Interessenten dürften sich möglicherweise unter den Alumni finden oder unter den Distinguished Visitors, den prominenten Kurzbesuchern der letzten Jahre. Auch die Dekanin der Stipendiaten, Pamela Rosenberg, hat angekündigt, das Haus diesen Sommer zu verlassen.

Die Geschichte der American Academy begann vor 20 Jahren. Kurz vor dem Abzug der letzten US-Soldaten wollte der damalige amerikanische Botschafter Richard Holbrooke die deutsch-amerikanischen Beziehungen auf eine neue Ebene heben. Mitdenker und Mitstreiter fand er in Henry Kissinger, Richard von Weizsäcker und Fritz Stern. Kurz bevor er als Staatssekretär für Europa ins Außenministerium nach Washington ging, sicherte er selbst die ersten Millionen für die Villa am Wannsee, die einst der von den Nazis vertriebenen Familie Arnhold gehört hatte.

Hans Arnholds Tochter Anna-Maria und ihr Mann Stephen Kellen gaben damals die entscheidenden drei Millionen Dollar, die das Projekt möglich machten. Auch die Enkelin Nina von Maltzahn beteiligte sich. Sie sitzt im Kuratorium, dem bei der ersten Präsentation im Oktober 1997 neben von Weizsäcker und Kissinger Volker Schlöndorff, Erich Marx, Josef Joffe und auch der spätere Bundespräsident Horst Köhler angehörten. Im November präsentierte Holbrooke den Gründungsdirektor des Potsdamer Einstein-Forums, Gary Smith als Direktor. Ursprünglich wegen seiner Liebe zu Walter Benjamin, über den er promoviert hatte, aus Texas nach Berlin gekommen, wollte der studierte Philosoph eine geistige Luftbrücke schaffen.

Für ihn gibt es viele gute Gründe, jetzt einen Schnitt zu machen. Zum einen ist da das Buchprojekt „Die Zauberjuden“. Seit Jahren träumt er davon, die Hälfte seines Bücherregals ist mit Werken gefüllt, die dazu beitragen könnten. „Ich werde demnächst 60 Jahre alt, mein Leben ist endlich, es gibt noch so vieles, was ich machen will.“ Die Academy verlange einen Einsatz von über 70 Stunden in der Woche.

Es gibt wohl auch noch andere Projekte, die ihn reizen würden, Bühnenwelten haben immer eine besondere Faszination auf ihn ausgeübt. Die zweite Erklärung lautet: „Es läuft sehr gut, ich habe meine Arbeit getan.“ Smith möchte seine „Identität als Ideenmensch“ wiederfinden. Das nach dem Spenderwillen fest angelegte Kapital in Höhe von fast 40 Millionen Dollar liegt inzwischen auf der Bank, hinzu kommen laufende Zuwendungen.

Die dritte Erklärung geht so: Institutionen, die mit einer Person stehen und fallen, betrachtet er mit Skepsis – auch wenn er gegen Shepard Stone und die 1974 auf Schwanenwerder gegründete europäische Dependance des Aspen-Instituts nichts hatte: Das war so eine Geschichte im Kalten Krieg, miteingefädelt von seinem verstorbenen Schwiegervater, dem früheren Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz.

Eigentlich sollte die American Academy nur ein Stipendienprogramm für junge Amerikaner werden. Dass daraus eine Institution erwuchs, die die besten Köpfe Amerikas nach Berlin holt, ist wohl dem einzigartigen Gespann Richard Holbrooke und Gary Smith sowie dem starken Kuratorium zu verdanken. Holbrooke war ja nicht nur Spiritus Rector, sondern auch Motivator und Türöffner. „Es war ein Einschnitt“, sagt Gary Smith über den plötzlichen Tod Holbrookes im Jahr 2010. Vielleicht der Einschnitt, der nun zu einer neuen Ära führt. Für den Netzwerker, Fundraiser und Ideengeber war es Ehrensache, seine Talente voll auszuschöpfen. Auf die Verwaltungsarbeit hätte Smith sicher schon früher manchmal gern verzichtet. Auch war seine Informationspolitik unter den Kuratoriumsmitgliedern nicht immer unumstritten. Gut möglich, dass er der Academy in anderer Rolle erhalten bleibt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben