Kultur : American Duty

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Christian Schröder über Madonna und andere ProtestMusiker

Das Dagegensein hat im Pop eine lange Tradition. Elvis sang gegen Leute, die ihm auf die Füße treten wollten („You can do anything but don’t step on my blue suede shoes“), The Who sangen gegen das Älterwerden („I hope I die before I get old“), und Bob Dylan sang gegen die Anpassung („And the first now / Will later be last / For the times they are a-changin’“). Im Grunde ist die Geschichte des Pop eine einzige Geschichte des Nicht-einverstanden-Seins.

Jetzt ist Krieg, und die Popstars sind natürlich dagegen. Lange bevor die ersten Bomben auf Bagdad fielen, hatten Musiker auf beiden Seiten des Atlantiks klar gemacht, wo sie stehen: im Lager der Pazifisten. Die Londoner Anti-Kriegs-Demonstration, bei der im Februar eine Million Menschen in den Hyde Park zog, war von einer „Stop The War“-Koalition organisiert worden, zu der auch Blur-Sänger Damon Albarn und die Band Massive Attack gehörten. In Amerika schlossen sich Stars wie Lou Reed, Suzanne Vega, Peter Gabriel und Missy Elliott zu „Musicians United to Win Without War“ zusammen und schalteten Anti-Kriegs-Anzeigen. Sheryl Crow erregte bei der Grammy-Verleihung mit ihrem Gitarrengurt Aufsehen, auf dem zwei Worte standen: „No War“. Und die Dixie Chicks – drei texanische Country-Musikerinnen, die bislang nicht mit politischen Statements aufgefallen waren – ließen sich bei einem Promotion-Auftritt in Europa sogar zu der Aussage hinreißen, sie schämten sich, dass George W. Bush aus Texas stamme. Etliche US-Sender nahmen ihre Platten sofort aus dem Programm.

Anti-Kriegs-Songs verfügen nur über eine eingeschränkte Reichweite. Auf offene Ohren treffen sie in der Regel allein bei Hörern, die ohnehin derselben Meinung sind wie der Sänger/die Sängerin. „Protestsongs überzeugen niemanden von der Richtigkeit ihrer Botschaft“, schrieb kürzlich die „New York Times“, „aber sie liefern Slogans, die den Überzeugten zeigen, dass sie nicht allein sind.“ Protestsongs gegen den Krieg haben noch ein anderes Problem: Sie enden schnell im Betroffenheitskitsch. „Stop the War from Starting“ heißt eine von Sky Dumont, Sonja Kirchberger, Henry Maske und anderen deutschen B-Prominenten aufgenommene Friedenshymne, die es an musikalischer Schaurigkeit mit den schlimmsten Gesinnungsschlagern der „bots“ aufnehmen kann. Wahrscheinlich ist es cleverer, statt neue Anti- Kriegs-Refrains zu reimen, auf bewährte Klassiker zurückzugreifen. Robbie Williams will im April seine Version von „Happy Easter (War Is Coming)“ veröffentlichen, John Lennons Anti-Vietnamkriegs-Bekenntnis aus dem Jahr 1971.

„Ich bin nicht anti Bush. Ich bin nicht pro Irak. Ich bin pro Frieden“, sagt Madonna. Ihr neues Album „American Life“ erscheint am 22. April, die gleichnamige Single kann schon jetzt aus dem Internet heruntergeladen werden ( www.madonnamusic.com ). Im Video trägt die Sängerin einen Kampfanzug, deshalb hatte man eine rüde Attacke auf den Präsidenten erwartet. Doch mit dem Krieg hat „American Life“ nur indirekt zu tun. Unterlegt von eleganten elektronischen Beats besingt Madonna ihren eigenen Aufstieg: „I drive my mini cooper / And I’m feeling super-dooper / I got a lawyer and a manager / Three nannies, an assistant / And a driver and a jet / Do you think I’m satisfied?“ Geld allein – so schlicht ist die Botschaft – macht auch nicht glücklich. Kapitalismuskritik einer Millionärin. „American Life“ ist ein sehr persönliches Protestlied: Madonnas Abgesang auf den amerikanischen Traum.

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