Kultur : Amputation der Erinnerung

Steffen Richter

In manchen Belangen war die DDR recht sympathisch. Oder wenigstens putzig. In anderen war sie ungeheuerlich. Zu den Ungeheuerlichkeiten gehört die Rolle, die der Holocaust im Geschichtsbild spielte. Nämlich so gut wie keine.

In der bundesdeutschen Gesellschaft gehört das Bewusstsein vom Massenmord an den Juden seit den Frankfurter Auschwitz-Prozessen in der Mitte der sechziger Jahre zum Selbstverständnis. Nicht so in der DDR. Dort waren Juden ganz allgemein „Opfer des Faschismus“ und keineswegs der antisemitischen NS-Ideologie. Sein Selbstbild konstruierte der DDR-Staat mit Hilfe kommunistischer Opfer – vorzüglich mit dem mythisierten Ernst Thälmann, der als KPD-Vorsitzender seine Partei auf stalinistischen Kurs brachte und von den Nazis im Konzentrationslager Buchenwald ermordet wurde. Der Fluchtpunkt der deutschen demokratischen Gedenkkultur hieß deshalb Buchenwald, nicht Auschwitz. Den „deutschen Schatten über Israel“ (Stephan Hermlin) wollte man nicht wahrhaben. Auch bei Schriftstellern wie Anna Seghers oder Arnold Zweig wurden jüdische Herkünfte kaum beachtet. Ein Lebenslauf von Jurek Becker, der mit „Bronsteins Kinder“ das Leben von Juden in der DDR immerhin zum Thema gemacht hatte, beginnt so: „Ich wurde am, in, als einziges. Mein Vater war, meine Mutter. Bei Kriegsausbruch kam ich, wo ich bis zum.“ Becker war ein Meister des Lakonischen. Und doch lässt sich die Beschreibung auch als Amputation der Erinnerung an seine Kindheit im Ghetto lesen.

Zu den Autoren, die das Jüdische wieder entdeckt haben, gehört die 1949 geborene Barbara Honigmann . Ihre Eltern waren jüdische Kommunisten, die bei der Rückkehr aus dem britischen Exil die DDR bevorzugten. Dass die geheimnisvolle Mutter in erster Ehe mit dem britisch-sowjetischen Doppelagenten Kim Philby verheiratet war, erfuhr Honigmann erst spät. Zunächst studierte sie in Ostberlin Theaterwissenschaft, arbeitete dann als Dramaturgin und Regisseurin. 1984 schließlich wagte die Malerin und Schriftstellerin die Ausreise nach Straßburg, den „dreifachen Todessprung ohne Netz“, wie es im „Roman von einem Kinde“ heißt: „vom Osten in den Westen, von Deutschland nach Frankreich und aus der Assimilation mitten in das Thora-Judentum“. Um Judentum, Schreiben und Schriftsteller wie Thomas Brasch oder Etty Hillesum geht es in ihrem Essayband „Das Gesicht wiederfinden“ (Hanser). Barbara Honigmann stellt ihn heute (20 Uhr) im Brecht-Haus vor (Chausseestr. 125) .

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