Kultur : Amtliche Arien

Eine Opern-Lotterie im Hebbel am Ufer

Uwe Friedrich

Fünf Opernhelden treffen sich im Ausländeramt. Offenbar wollen Otello, Cio- Cio-San, Carmen und Osmin dringend die deutsche Staatsangehörigkeit annehmen. Der ehemalige Hofnarr Rigoletto hat es schon geschafft und versucht nun vergeblich, Akten in ein zu hohes Regal zu stellen. Dabei schleppt er einen alten Seesack mit sich herum. Der Opernfan ahnt bereits, dass darin wohl die Überreste seiner Tochter Gilda stecken. Wahrscheinlich riecht das schon etwas streng, aber so weit will Regisseur Florian Lutz den Bühnenrealismus im Hebbel am Ufer dann doch nicht treiben.

Ein Singspiel zum Thema Migration war angekündigt. Wer diesen hohen Anspruch erst mal vergessen hat, kann einen unterhaltsamen Abend erleben. Auch ohne Kenntnis der zugrunde liegenden Opern hat man Spaß. Die Protagonisten sind dank eines geschickten Type- Castings und der anschaulichen Kostüme von Pia Wessels auf Anhieb zu erkennen und singen unter Garantie auch ihre Wunschkonzertarien. Wirklich neu ist diese Idee eines „Best-of“ nicht. Im Barock hieß das Pasticcio und erfreute sich größter Beliebtheit bei konservativen Opernliebhabern, die einerseits nach Neuem verlangten, andererseits nicht mit künstlerischen Herausforderungen belästigt werden wollten. Ähnlich begeistert nimmt das Berliner Publikum nun auch „Strangers“ auf, zumal die beliebten Melodien mit dem politisch korrekten Migrationshintergrund unterfüttert sind.

Die Aufführung ist tatsächlich unterhaltsam, wenn die hinreißende Nena Brzakovic als Carmen ihre Michaela am Akkordeon (virtuos devot: Silke Lange) durch die Gegend scheucht. Ansonsten hält sich der Humor in Grenzen. Regisseur Lutz lässt allzu ernsthaft verhandeln, was in der kafkaesken Welt deutscher Behörden vor sich geht. Die Wartenummernanzeige blinkt auf, doch die Türen bleiben verschlossen. Es marthalert heftig in diesem Anna-Viebrock- Gedächtnis-Bühnenbild (ebenfalls von Pia Wessels). Aber Lutz beweist handwerkliches Können, indem er den gesamten Raum vielseitig nutzt und den Charakteren scharfes, wenn auch nicht immer originelles Profil verleiht.

Und dann passiert doch etwas, wenn der prollige Jungmacho Osmin (Tobias Hagge) richtig hinlangt oder Otello (mit einigen schönen Spitzentönen: Kendrick Jacocks) losbrüllt. Die gesamte Rolle würde man gerne von Gabriel Urrutia (Rigoletto) hören, auch Yuka Yanigara gestaltet die Butterfly- Arien bewegend. Die Arrangements für Streichquartett, Wagnertuba, Klarinette und Akkordeon von Antonis Anissegos funktionieren charmant. Und wenn man denkt, jetzt könnte der Abend enden, liegen nach hundert Minuten alle Beteiligten tot an der Rampe, und das Saallicht geht wieder an. Uwe Friedrich

Wieder am 20. und 21. Dezember.

0 Kommentare

Neuester Kommentar