Kultur : An der Grenze der Stadt

SKULPTUREN

Nicola Kuhn

Schon mal Kaninchen in der Stadt gesehen? Klar, aber Kaninchen als Kunst im öffentlichen Raum? Die wird nur finden, wer seinen Blick fest auf den Boden der Chausseestraße zwischen Liesen- und Wöhlertstraße gerichtet hat – dort, wo einst die Mauer zwischen West- und Ostberlin verlief. Die Künstlerin Karla Sachse hat hier zur Erinnerung an die einstige Grenze „Kaninchenzeichen“ aus Messing in den Bürgersteig eingelassen. Die meisten Passanten dürften also achtlos an ihnen vorübergehen. Denn das ist das Schicksal von Kunst im öffentlichen Raum: mehr gescholten als gepriesen und im Alltag dann übersehen.

Das von Hans Dickel und Uwe Fleckner herausgegebene Buch „Kunst in der Stadt, Skulpturen in Berlin“ (Nicolai-Verlag, Berlin 2002, 216 Seiten, 19,90 €) macht sich erneut auf die Spur. Es ist das Resultat eines studentischen Forschungsprojekts am Kunsthistorischen Institut der FU und schließt zugleich eine publizistische Lücke. Unverdrossen nehmen 66 Kapitel Kunst im öffentlichen Raum der letzten zwanzig Jahre wieder in den Blick, beschreiben Machart, Aufstellungsort, Bedeutung im Werk des jeweiligen Künstlers. Was zunehmend aus dem Fokus geriet, wird hier erneut Gegenstand kluger Beobachtungen.

Unversehens öffnet sich die Sicht für neue Interpretationsmöglichkeiten, von denen vermutlich nicht einmal die Künstler etwas ahnen. Denn ob Jeff Koons mit seiner „Balloon Flower“ am Potsdamer Platz auch die blaue Blume der Romantik meinte, darf durchaus bezweifelt werden. Vor allem aber durch seinen Einführungsessay pflockt sich das Buch in die unendliche Debatte um Kunst und öffentlichen Raum ein. Gebrauchswert als erweiterter Stadtfüher ist ihm ohnehin garantiert.

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