Kultur : An Schlüter scheiden sich die Geister

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Von Bernhard Schulz

Nun findet die Debatte endlich statt. Am morgigen Donnerstag diskutiert der Bundestag im Plenum über die Vorhaben zur Bebauung des Berliner Schlossplatzes, insbesondere über die Mitte April vorgelegten Empfehlungen der „Kommission Historische Mitte Berlin“. Bereits im Mai hätte die Debatte stattfinden sollen, nachdem Bundestagspräsident Wolfgang Thierse – selbst Kommissionsmitglied – eine solche Behandlung des Themas gegenüber dem Tagesspiegel gefordert hatte.

Damals wurde die anberaumte Bundestagsdebatte überraschend wieder abgesetzt, die Einsetzung einer Kommission zur Prüfung der Kommissionsvorschläge als Grund genannt. Mit derlei Geplänkel mochte sich die Opposition nicht länger abspeisen lassen und brachte das Thema erneut auf die Tagesordnung. Nun kommt auch aus der rot-grünen Bundestagsmehrheit überwiegend Zustimmung. Allein die PDS hält unter dem Nebelwort der „öffentlichen Diskussion“ in Treue fest an der Freilassung des Schlossplatzes, das heißt an der Bewahrung des DDR-Erbes um jeden Preis. Selbst das Gerippe des „Palastes der Republik“ hat sie noch nicht ganz abgeschrieben.

Aber das sind Nachhutgefechte. Inzwischen sind sich die übrigen Fraktionen einig darin, die Empfehlung der Kommission, ein Gebäude „in der Kubatur des Schlosses“ – also im Umriss und den Dimensionen des 1950 auf Beschluss der SED gesprengten Originals – zu unterstützen. Die städtebaulich desolate Lage der Berliner Stadtmitte steht jedermann vor Augen. Die Argumente, die für die Wiederherstellung des seit Jahrzehnten zerrissenen Zusammenhanges von historischer Stadt im Osten und planvoller, barocker Stadterweiterung im Westen, ferner von Lustgarten im Norden und Marstall im Osten der Spree-Insel sprechen, haben auch anfängliche Skeptiker überzeugt. Vorschläge wie die Anlage einer Grünfläche auf dem Schlossplatz dürfen als hilflose Versuche gewertet werden, sich abermals vor der Entscheidung zu drücken.

Barock oder Moderne?

Im Dissens – und zur Abstimmung ohne Fraktionszwang freigegeben – ist allein die Alternative zwischen der Kommissions-Vorgabe, an drei Seiten eines Neubaus die historischen Barockfassaden von Andreas Schlüter zu rekonstruieren, und dem Gegenantrag, einen offenen, zeitgenössische Lösungen gestattenden Architektenwettbewerb auszuschreiben, wie dies vor allem der Präsident der Bundesarchitektenkammer und langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete Peter Conradi lautstark fordert. In der Kommission war die Fassadenfrage mit einer knappen Mehrheit von 8:7 Stimmen für Schlüter entschieden worden. Das knappe Ergebnis erscheint indessen in etwas anderem Licht, wenn man bedenkt, dass durch den zwischenzeitlichen, zweimaligen Wechsel des Berliner Senats von Schwarz-Rot über Rot-Grün zu Rot-Rot drei Schloss-Befürworter in der Kommission durch drei erklärte Gegner ersetzt wurden.

Es geht also morgen im Bundestag nicht um den ersten Spatenstich für das Schloss. Bis zum Baubeginn werden noch zahllose Ausschusssitzungen abgehalten, Konzeptpapiere ersonnen und Beschlussvorlagen formuliert werden. Das entscheidende Ja ist an die Vorlage einer „Haushaltsunterlage Bau“ geknüpft, die detaillierte Aufstellung dessen, was gebaut werden soll und was es kosten darf – und was davon aus dem Bundessäckel zu bezahlen ist. Erst ein solcher, haushaltswirksamer Beschluss wäre (nahezu) irreversibel. Alle vorangehenden Abstimmungen sind Marksteine, aber keine unumstößlichen; und schon die Neukonstituierung des Bundestages nach der Wahl wird es erlauben, neue Beschlüsse zu fassen. Der neue Bundestag ist an die Beschlüsse des vorangehenden nicht gebunden.

Nun steht nicht zu erwarten, dass der mögliche Wechsel der politischen Mehrheit zu einer neuen Lage im Schloss-Streit führt. Im Gegenteil: Die energischsten Verfechter der Schloss-Rekonstruktion sind in den bürgerlichen Parteien zu finden; und naiv wäre die Vermutung, ein bayerischer Bundeskanzler werde gegen den preußischen Staatsbau Stellung beziehen. Angesichts des im Süden der Republik gehegten Geschichtsbewusstseins dürfte das Gegenteil eintreten.

Indessen bliebe die Frage, was auch ein süddeutscher Regierungschef für gebautes Geschichtsbewusstsein ausgeben wollte. Die Finanzierung der Pläne für das Schloss bleibt die Achillesferse. Dazu hat die Kommission zwar wohlerwogene Vorschläge gemacht, aber auch die bleiben hypothetisch, so lange die Probe aufs Exempel des privaten Engagements aussteht. Die weithin geteilte Annahme ist, dass eine Rekonstruktion der barocken Schlossfassaden eher geeignet wäre, private Gelder anzulocken als ein Stahl-Glas-Entwurf. Aber dieser Punkt – der vierte Komplex der Kommissions-Empfehlungen – steht heute nicht zur Abstimmung, auch wenn er in das Für und Wider der Erwägungen einfließen wird.

Was hingegen vorab zu entscheiden ist und durchaus noch der Klärung bedarf, ist die Frage einer künftigen Nutzung des Gebäudes mit seinen immerhin 80 000 Quadratmetern Nutzfläche. Daran waren alle früheren Schloss-Ideen gescheitert, die im zurückliegenden Jahrzehnt in reicher Menge sprudelten. Erst der gemeinsame Vorstoß dreier Kulturinstitutionen brachte die Wende. Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, gab ihm die nötige Schubkraft, nachdem er mit Blick auf die baulich maroden und von der Besuchergunst schmählich verlassenen Dahlemer Sammlungen der außereuropäischen Kulturen für die Verlegung in die Mitte der Stadt und damit symbolisch in die Mitte der Berliner Republik plädierte. Zweiter Nutznießer will die Humboldt-Universität sein, die über große, verborgene Sammlungen verfügt, die sie im Jahr 2000 mit der Ausstellung „Theatrum Naturae et Artis“ erstmals einer staunenden Öffentlichkeit vorführte. Schließlich hofft die zweigeteilte Berliner Stadt- und Landesbibliothek auf eine einzige Anlaufstelle, der sie im Gegenzug den steten Strom ihrer Leser bieten könnte, so wie das Pariser Centre Pompidou nicht zuletzt aus der Anziehungskraft seiner öffentlichen Bibliothek lebt.

Diese „Humboldt-Forum“ genannte und um eine für Veranstaltungen gedachte „Agora“ ergänzte Trinität kultureller Nutzungen soll das Schloss-Gebäude auszeichnen. So hat es die Kommission einstimmig empfohlen. Doch ein „lebendiger kultur- und wissenschaftsgeprägter Ort als bürgerliche Mitte der deutschen Hauptstadt“, wie ihn der Abschlussbericht beschwört, ist nicht zwingend an das Miteinander dieser drei Nutzer gebunden, die da – so scheint es – im rechten Augenblick den Finger gehoben haben. Es gibt mehrere Einwände – und es gibt mittlerweile auch konkurrierende Vorschläge.

Bislang hat sich die Kritik vor allem auf die Frage kapriziert, ob die Objekte außereuropäischer Kulturen, ob Südsee-Boote, afrikanische Masken oder aztekische Steinskulpturen hinter Schlüterschen Fassaden und in barock dimensionierten Räumen adäquat aufgehoben sind. Die Frage ist berechtigt. Gewiss gibt es zahlreiche Museen – ob abendländischer oder außereuropäischer Kunst und Kulturen –, die in historischen Bauten Platz gefunden haben, ohne Zweifel an deren Brauchbarkeit zu wecken. Ob aber ein Neubau einen solchen Zustand erst herstellen soll, erscheint auch Befürwortern der Schloss-Rekonstruktion bedenkenswert.

Im Umkehrschluss gilt allerdings, dass es nicht den mindesten Grund für die Annahme gibt, ethnografische Sammlungen verlangten zwingend nach Architektur des Jahres 2002. Die Dahlemer Bauten, 1970/71 fertig gestellt, galten damals als Nonplusultra – und werden doch von den Verfechtern heutiger Architektur keines Blickes mehr gewürdigt. Was spricht für die Annahme, einem „modernen“ Entwurf erginge es nach einer weiteren Generation besser?

Ein Ort für die Gemäldesammlung?

So mehrten sich zuletzt Stimmen, die für die Verlegung der Gemäldesammlung in ein rekonstruiertes Schloss plädieren. Bekanntlich will die Preußen-Stiftung langfristig die – erst 1996 eröffnete – Gemäldegalerie am Kulturforum aufgeben und einen Neubau gegenüber der Museumsinsel errichten. Im Schloss wären die Alten Meister am rechten Ort, denn dort sind sie gesammelt worden, ehe sie sukzessive ab 1830 in eigene Museumsbauten umzogen; freilich nicht alle, denn bis heute sind originale Bestände aus dem Stadtschloss etwa in Charlottenburg oder Potsdam zu bewundern.

Ferner gibt es die Überlegung, das Schloss als Museum derjenigen Geschichte zu nutzen, der es entstammt, nämlich der brandenburgisch-preußischen und zuletzt wilheminisch-reichsdeutschen Geschichte von der Reformationszeit bis zum Jahr 1918. Nur in diesen beiden Nutzungen eines Kunst- oder eines Geschichtsmuseum käme das Gebäude des Schlosses mit seinem Inhalt zur Deckung, während die Kritiker der vorgeschlagenen Dreisparten-Nutzung hinter Barockfassaden zu Recht auf die Unstimmigkeit von Form und Inhalt verweisen.

Noch haben die drei von der Kommission befürworteten Nutzer kein gemeinsames Konzept vorgelegt – ringen aber bereits um die beanspruchten Quadratmeter. So wird die morgige Bundestagsdebatte nicht ins Detail der Nutzung gehen, wohl aber den Grundgedanken kritisch wägen. Die Abstimmung am Ende wird gleichwohl die Gretchenfrage der äußeren Gestalt beantworten. Für oder gegen Schlüters Barock, so lautet die Richtungsentscheidung, der sich die weiteren Sachfragen werden fügen müssen.

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