Kultur : Anderer Planet

PETER SÜHRING

Das Manfred Quartett trat das einzig Richtige: Es nahm Schönberg in die Mitte zwischen Mendelssohn, dem nach dem Gesetz der Serie in der Reihe "Internationale Streichquartette" immer der Kopf des Abends gehört, und Mozart.Zwischen dem 2.und 3.Satz von Schönbergs 2.Streichquartett liegt jene kopernikanische Wende der Musikgeschichte, seit der nicht mehr für wahr gilt, das Universum der Intervalle drehte drehe sich ums Zentrum eines Grundtons.Beide hintere Sätze dieses epochalen Werks sind ohne Tonartvorzeichen notiert.Hier fühlt man plötzlich Stefan Georges "Luft von anderem Planeten", als die für diese Aufgabe prädestinierte Sopranistin Maacha Deubner seine "Entrückung" genannten Verse in die erste atonale Sphärenmusik hineinsang.In fis-Moll ziehen beide vordere Sätze die Summe der Tonalität, das Manfred Quartett treibt sie bis an ihre schmerzende Grenze, "lang war die Reise, matt sind die Glieder", "leer sind die Schreine".Die nun 90 Jahre alte "Alte Musik" versetzt auch heute noch einen heilsamen Schock, wenn sie wie hier zwar mit der Emphase einer Ersten Stunde, aber konfessionell ungebunden, experimentierend zwischen Sprechgesang und melodramatischem Lied vorgetragen wird.

Früher rechnete man von Mozarts Streichquartetten wegen ihrer stilbildenden Kraft eine neue Epoche her.Die Manfredianer spielten das von Schönberg wegen seiner Asymmetrien so geschätzte in d-Moll, KV 421, mit erfreulich unaffektierter Verve wie einen sich gerade besänftigenden Schrecken, wie eine gerade die Fassung wiedererlangende Unruhe nach dem Sturm.

Im gemachten Bett der Gattung, aber hadernd mit ihrer überreifen Form gebar der glückliche Mendelssohn in seinem 44.Werk Quartett-Drillinge.Das Drittgeborene Nr.1, oft zu großer Glätte bezichtigt, übt weder sklavische Treue zur Form, noch probt es ihren Sturz, sondern es enthüllt und verbirgt sie zugleich, variiert sie mit wortlosen Liedern und rhapsodischen Elementen, befreit sie sozusagen ohne Gewaltanwendung.Solche ritterlichen Akte verknüpfen Mendelssohn nicht nur mit Mozart und Schönberg, sondern seine Musik entläßt auch Interpreten und Publikum in eine Freiheit des Spielens und Hörens.Gleich die ersten Takte entschieden über die Güte dieser oberflächlich nüchternden, aber unterschwellig leidenschaftlichen Wiedergabe.Von der schroffen Unterlage einer maschinellen Staccato-Bewegung der mittleren Stimmen stießen sich Primgeige und Cello mit dem gleichen romantischen Schwung in zwei verschiedene Richtungen ab: sie mit einem Florett, er mit einem Flederwisch.

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