Kultur : Anders bleiben

Frank Noack

Wenn ein deutschsprachiger Filmemacher international Erfolg hat und mit Stars der A-Liga arbeiten darf, treten schnell Neider auf den Plan, die ihm vorwerfen, er habe seine Seele verkauft. Solch ein Vorwurf wäre bei dem Österreicher Michael Haneke fehl am Platze, denn gerade er war lange Zeit der Inbegriff des Filmemachers, der sich dem Publikum verweigert. Dennoch hat sein neuester Film „Caché“ in Nordamerika schon nach zwei Wochen 5,6 Millionen Dollar eingespielt, ziemlich viel für ein Musterbeispiel des kopflastigen Autorenkinos. Außerdem gewann er den Los Angeles Film Critics Award als bester Auslandsfilm. Wie ungerecht: Da träumen andere von Hollywood und imitieren dessen vermeintliche Erfolgsrezepte, und dann kommt jemand wie Haneke, der auf den kommerziellen Erfolg pfeift und ihn trotzdem findet, wenn auch in den Grenzen des Kunstkinos. Eines darf man dabei nicht übersehen: Haneke ist ein herausragender Handwerker – so etwas wird von Produzenten und auch Zuschauern anerkannt. Selbst wenn man die Thesenhaftigkeit seiner Filme nicht mag, kann man sich an den inszenatorischen Kunststücken erfreuen. Lange Einstellungen und komplizierte Kamerafahrten sind sein Markenzeichen geworden. Haneke benutzt das Medium Film nicht einfach, er liebt es offensichtlich – so schwer es auch fallen mag, in seinem von Gewalt geprägten Werk Liebe zu entdecken.

Mit einer kleinen Retro zeichnet das Babylon Mitte seinen Weg vom Cineasten-Geheimtipp zum Starregisseur nach. Funny Games , ein Anti-Thriller über die Auslöschung einer Kleinfamilie, verschaffte ihm 1997 den internationalen Durchbruch (Freitag, Sonnabend, Montag). Seitdem arbeitet er in Frankreich. Mit Juliette Binoche in der Hauptrolle drehte er Code: unbekannt , einen aus nur 45 Einstellungen bestehenden Episodenfilm, dessen wohl stärkste Sequenz die Angst vor Gewalt während einer U-Bahnfahrt thematisiert (heute, Sonntag, Mittwoch; außerdem Freitag bis Montag im Regenbogenkino). Die Klavierspielerin fällt ein wenig aus Hanekes Werk heraus, weil nicht in erster Linie seine Regie, sondern Elfriede Jelineks gewissenhaft adaptierte Romanvorlage und Isabelle Hupperts Schauspielkunst im Gedächtnis bleiben (Sonnabend, Sonntag, Montag, Mittwoch). Als radikales Kontrastprogramm zur „Klavierspielerin“ inszenierte Haneke Wolfzeit , dessen prominente Besetzung (Huppert, Béatrice Dalle) aufgrund konsequenter Unterbelichtung allerdings kaum zu erkennen ist. Der Film tut weh, nicht weil er von Hunger, Durst und Gewalt handelt, sondern weil er das Auge des Kinozuschauers besonders strapaziert (Sonnabend, Montag, Dienstag).

Ungewöhnlich Karriere gemacht hat auch Paul Leni (1885–1929). Ursprünglich Filmarchitekt, interessierte er sich auch nach seinem Wechsel zur Regie mehr für die Architektur als für seine Darsteller. Er missachtete die Konventionen des Star- und Erzählkinos. Dennoch erwies sich „Das Wachsfigurenkabinett“ (1924) als Überraschungserfolg und gehört heute zu meist imitierten Horrorfilmen. In Hollywood inszenierte Leni die Gruselkomödie The Cat and the Canary (1927), in der eine Gruppe von Erben gezwungen wird, eine Nacht in einem unheimlichen Schloss zu verbringen. Nicht alle überleben diese Nacht (Freitag im Arsenal; am Klavier: Eunice Martins).

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