Andersens Märchen : Mensch bleiben

Keiner hat Schattenspiele schöner ausgepinselt: Andersens Märchen, illustriert von Werner Klemke.

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Schatten. In "Der Traumtänzer" macht sich ein Begleiter selbstständig.
Schatten. In "Der Traumtänzer" macht sich ein Begleiter selbstständig.Foto: Beltz Verlag

Beim Abschied überreicht der Held seine Karte und lädt zum Gegenbesuch ein: „Ich wohne auf der Sonnenseite und bin bei Regenwetter stets zu Hause.“ Was nicht weiter wundert, denn es handelt sich um einen Schatten. Wenn er im Mondschein durch die Stadt läuft, dann reckt er sich an den Mauern hoch, „das kitzelt so herrlich auf dem Rücken!“. Der Schatten in Hans Christian Andersens gleichnamigem Märchen besitzt Humor, sein Besitzer, „ein gelehrter Mann aus den kalten Ländern“, verkauft ihn auch nicht, wie Peter Schlemihl bei Chamisso, an den Teufel. Er schickt ihn einfach weg, aus einer Laune heraus. Während eines Besuchs in den heißen Ländern.

Als sie einander Jahre später wiedersehen, ist dem Gelehrten längst ein neuer Schatten gewachsen, und der alte Schatten hat es zum feinen Herrn gebracht, ganz in Schwarz gekleidet und im allerfeinsten Tuch, mit goldener Halskette und Diamantringen. Er war „außerordentlich gut angezogen, und das war es gerade, was ihn so ganz zum Menschen machte“. Andersen kannte „Peter Schlemihl“, in seinem eigenen Märchen, das erstmals 1847 herauskam, mokiert er sich an einer Stelle bewundernd-ironisch über den Erfolg von dessen „wundersamer Geschichte“. Andersens Geschichte ist nicht tiefschwarz, aber doch ziemlich dunkel. Herr und Schatten vertauschen ihre Rollen, eine verkehrte Welt, in der kein Weg zum Happy End führt.

Werner Klemke, einer der bekanntesten Illustratoren der DDR, hatte sich über 40 Jahre lang mit Andersen beschäftigt.
Werner Klemke, einer der bekanntesten Illustratoren der DDR, hatte sich über 40 Jahre lang mit Andersen beschäftigt.Foto: Beltz

Werner Klemke, einer der bekanntesten Illustratoren der DDR, hat sich mehr als vierzig Jahre lang mit Andersen beschäftigt. Zum 100. Todestag des dänischen Schriftstellers sollte 1975 eine Ausgabe von 13 Märchen mit Klemkes Bildern erscheinen. Doch der Zeichner überwarf sich mit dem Verlag, und 196 seiner Blätter verschwanden im Museum.

Nun kommt das Buch zu Klemkes 100. Geburtstag heraus. Schwer zu sagen, was man mehr bewundern soll: Andersens oft eher burleske als brutale Geschichten oder Klemkes meisterhaft hingepinselte Zeichnungen. Der Gelehrte aus „Der Schatten“ ist ein Streichholzmännchen mit Zylinder, der Titelheld aus „Des Kaisers neue Kleider“ eine aus allen Nähten platzende Kartoffel. Und Klaus und Klaus aus der herrlich gemeinen Legende „Der kleine Klaus und der große Klaus“ sehen aus wie Pat und Patachon. Was sie nicht daran hindert, einander massakrieren zu wollen.

Märchen von Hans Christian Andersen. Illustriert von Werner Klemke. Aus dem Dänischen von Albrecht Leonhardt. Beltz, Weinheim 2017. 213 Seiten, 19,95 €. Ab 6 Jahren.

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