Angeschaut : Kurz & kritisch

Drei Filme aus Panorama und Forum: "White Lightnin'", "La journée de la jupe“ und "My Governor“.

Sebastian Handke
White Lightnin'
Szene aus "White Lightnin'". -Foto: Promo

PANORAMA

„White Lightnin’“

von Dominic Murphy

Die Appalachian Mountains sind die dritte Welt der Vereinigten Staaten: vom Rest des Landes abgehängt, leben hier bitterarme Hillbillies und vertreiben sich die Zeit mit Waffen, Autos, Pitbulls und selbst gebranntem Whisky („White Lightning“). Auch Jesco White lebt hier, der „Dancing Outlaw“. Seitdem eine Dokumentation den charismatischen Außenseiter 1991 bekannt machte, erfreut er sich einer treuen Anhängerschaft, die sogar Wohltätigkeitskonzerte veranstaltet, um Jesco das Brennholz zu bezahlen.

Damit er seine Wut besser im Zaum halte, brachte Vater „D. Ray“, ein legendärer, später ermordeter Mountain Dancer, dem Sohn das Tanzen bei – eine Art wilder Stepptanz zu galoppierender Banjo-Musik. Jesco tourt durch Country Clubs, trifft die Liebe seines Lebens (er wollte sie eigentlich ausrauben) und lässt sich nieder. Aber als seines Vaters Mörder in der Gegend gesehen werden, fängt das Blut wieder an zu köcheln.

Der echte Jesco White träumte nur von Rache. Regisseur Dominic Murphy aber greift sich dessen Lebensgeschichte, destilliert Wut, Hass und Wahn heraus und wirft das Ganze als schwarzes Konzentrat auf die Leinwand. Der mit etlichen Preisen dekorierte Werbefilmer muss sich zwar die Frage gefallen lassen, ob man eine Person, die noch lebt und mit den eigenen Dämonen ringt, für eine derart wüste Fantasie missbrauchen darf. Gelungen ist ihm allerdings ein rasender Albtraum von einem Film, der den Zuschauer zur Geisel nimmt mit dem kalten Blick seines Protagonisten – dargestellt von dem talentierten, leider etwas übermotivierten Edward Hogg und kongenial begleitet von den „Psychobilly“-Klängen des 2005 verstorbenen Hasil Adkins.

Nicht, dass „White Lightnin’“ etwas zu sagen hätte über Armut, Wahn, Gewalt und ihre Ursachen. Der Film hat überhaupt sehr wenig zu sagen. Was den Zuschauer erwartet, ist ein faszinierend abstoßender Filmtrip in die fiebernd einsinkende Umnachtung. Sebastian Handke

Heute 22.45 Uhr (Cinestar 3), 8. 2., 17.45 Uhr (Cinestar 3), 13. 2., 22.30 Uhr (Cinemaxx 7), 14. 2., 20.15 Uhr (Cinestar 3), 15. 2., 14.30 Uhr (Cubix 9)

PANORAMA

„La journée de la jupe“

von Jean-Paul Lilienfeld

So kurz ist der Rock gar nicht, ein harmloser heller Baumwollrock, knielang, okay, mit schwarzen Stiefeln darunter. Als Provokation ist das offenbar genug in der Pariser Problemschule, in der Sonia Bergerac (Isabelle Adjani) arbeitet. Für die Migranten-Kids ist Rock gleich Sex gleich Hure, und selbst die Kollegen warnen: Röcketragen verboten.

Jean-Paul Lilienfeld hat mit „La journée de la jupe“ den finsteren Gegenfilm zu Laurent Cantets 2008 in Cannes gefeiertem Film „Die Klasse“ gedreht. Eine engagierte Lehrerin, auch hier. Nur scheitert jede ihrer pädagogischen Bemühungen an der Ignoranz der Schüler. Molière ist bestimmt nicht der richtige Stoff. Und ein „Tag des Rocks“, wie ihn die Lehrerin erzwingen will, bestimmt nicht die Lösung.

Isabelle Adjani wirft sich in ihre erste Rolle seit fünf Jahren mit dem Mut der Verzweiflung und macht den Film zum faszinierenden Amoklauf. Angst und Eigensinn verleihen dieser Sonia Bergerac gefährliches Potenzial, und selbst als die Situation in eine Geiselnahme eskaliert, folgt man der Pädagogin mit Sympathie. Eine desillusionierte Bestandaufnahme einer „No-win-Situation“ – dass sich der Film am Ende bemüht, Sonias Engagement mit biografischen Lebenslügen zu erklären, ist dann leider etwas billig und tut allen Pädogogen unrecht, die in ähnlicher Situation auf verlorenem Posten kämpfen. Christina Tilmann

Heute 20 Uhr (Cinemaxx 7), 7. 2., 22.45 Uhr (Cinestar 3), 10. 2., 17 Uhr (Cubix 9), 11. 2., 22.30 Uhr (Colosseum), 14. 2., 15.30 Uhr (Cubix 8)

FORUM

„H:r Landshövding/My Governor“ von Mans Mansson

Leergegessene Teller am laufenden Band, und das Klappern von Geschirr und Besteck übertönt fast die Rednerstimme aus dem Off. Mans Manssons „H:r Landshövding/Mr Governor“ startet aus der Küchenperspektive, erst dann wagt er sich Schritt für Schritt vor bis in den Saal des Schlosses, wo gerade eine Ehrung stattfindet.

Ein schöner Hintertreppen-Auftakt für einen Film, der sich im Folgenden ganz im offenen Raum offizieller Repräsentation bewegen wird. Der Geehrte – und Held des Films – ist Anders Björck, Regierungspräsident der schwedischen Provinz Uppsala. Ein bedeutender Posten, der allerdings viel dekorative Pflichten mit einem Minimum an inhaltlicher Gestaltungsmacht verbindet. So muss Björck sich als Grundsteinversenker bewähren und mit dem japanischen Kaiserpaar elegant über Nichtigkeiten parlieren. Aufwendigste Aufgabe aber scheint die Führung und Abgleichung des präsidentialen Termin-Kalenders mit den Adjutanten zu sein. Demokratisches Staatsdienertum in feudaler Vollendung. Dabei geht es mit unerwarteter Bedächtigkeit und skandinavischer Gediegenheit zu. Und telefoniert wird nur über verkabeltes Festnetz, das ist in Uppsala so wie im Weißen Haus.

Spektakuläre Enthüllungen darf man nicht erwarten. Auch vor Pointen hält sich der junge Filmemacher zurück. Doch in der Beharrlichkeit seiner ruhigen Halbtotalen setzt Mansson, der auch selbst die Kamera geführt hat, scheinbar Vertrautes in neues Licht. Da stört auch nicht, wenn technisch bei dem auf schwarz-weißem 16-mm-Material gedrehten Film einiges im Halbdunkel liegt. Silvia Hallensleben

Heute 14.30 Uhr (Cinestar 8), 7. 2., 16.30 Uhr (Delphi), 8. 2., 22.15 Uhr (Cinemaxx 4), 15. 2., 14.30 Uhr (Cinestar 5)

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