Angeschaut : Kurz & kritisch

Drei Filme aus Forum und Panorama: "Vergleich", "Von wegen" und "Short Cut to Hollywood".

Silvia Hallensleben

FORUM



Deutschland, die erste:
Harun Farockis „Vergleich“



Es sind oft die schönsten Filme, die aus der Beobachtung ganz einfacher Dinge entstehen. Einem Ziegelstein zum Beispiel: Wie er gemacht wird und dann aus ihm ein Haus entsteht. Mal langsam und mal schneller. Am ersten Ort des Films – die Baustelle einer Schule in Burkina Faso – wird der Lehm für jeden Stein in eine Form gekratzt und in kleinteiliger Gemeinschaftsarbeit an seinen Platz gebracht. In Indien entsteht aus monotonen Arbeitsabläufen an Maschinen aus den Dreißiger Jahren ein Hochhaus. Und in Deutschland produzieren sich die Steine unter stummer Oberaufsicht eines Vorarbeiters scheinbar von selbst.

Harun Farockis Besuche bei Ziegelherstellern in aller Welt sind eine Zeitreise durch die Geschichte der Produktionsweisen bis zur High-Tech-Postmoderne, wo ein Computer millimetergenau Mauerreliefs generiert. Erklärungen gibt es nur in Texttafeln zwischen den ruhigen, meist halbtotalen Einstellungen, die sich auf die Arbeitsabläufe konzentrieren. So lässt man selbst den Blick schweifen, schaut den Frauen beim Steineschleppen zu und denkt sich Geschichten aus. Eine davon erzählt auch der Ton: Wie das afrikanische Palaver langsam im Maschinensound versinkt.

Doch der traditionell auf 16-mm-Material gedreht Filme zwingt dem Zuschauer weder Kulturkritik noch Fortschrittserzählung auf, sonder vermittelt in großer Freiheit sinnliche Einblicke in die materiellen Lebensgrundlagen menschlicher Kulturen. Die fertigen Gebäude tragen ihr Leben lang die Zeichen ihrer Herstellung mit sich herum. Heute, auch das sehen wir in „Zum Vergleich“, lernen westliche Architekturstudenten aus indischen Kuppelbaukonstruktionen für eine zukunftsweisende Architektur jenseits von Foster & Jahn. Silvia Hallensleben

12. 2., 20 Uhr (Arsenal 1), 15. 2., 19.30 Uhr (Cinemaxx 4)

PANORAMA

Deutschland, die zweite:
Uli M. Schueppels „Von wegen“

Am Nachmittag des 21. Dezember 1989 – Stalins Geburtstag – fuhren die „Einstürzenden Neubauten“ von Kreuzberg nach Lichtenberg. Sie gaben ihr erstes Konzert in der DDR, im Wilhelm-Pieck-Saal des VEB Elektrokohle!

Heiner Müller und Blixa Bargeld waren befreundet, und seit dem 9. November wusste man, dass das Unmögliche möglich ist. Also warum nicht auch ein Konzert der „Neubauten“ in Ostberlin?

Der Filmemacher Uli M. Schueppel hat Blixa Bargeld und die anderen damals begleitet, schon um sie beim Ausfüllen einer DDR-Zollerklärung zu porträtieren. An jenem 21. Dezember 1989 setzte ein denkwürdiger republikweiter Marsch der Subkulturen auf den Kultursaal des VEB Elektrokohle ein. Später fuhren auch weiße Staatskarossen vor: Mitterrand weilte zum ersten Staatsbesuch nach der Maueröffnung in der DDR, Heiner Müller nahm auch daran teil, und als er sich abmeldete zum Blixa-Bargeld-Konzert, sagten die regierenden Franzosen: Da kommen wir mit!

Uli M. Schueppel hat das Publikum von damals noch einmal zum VEB Elektrokohle anreisen lassen – und unterwegs sagt jeder, was er am 21. Dezember und die 20 Jahre danach so gedacht hat. Ein Offiziersschüler aus Hinterthüringen desertierte gar – denn dieses Konzert musste er sehen und dass es überhaupt stattfand, glaubten die meisten erst, als es vorbei war. Ein wunderbar schräger Blick auf den Herbst, nein, den Winter ’89. Kerstin Decker

12. 2., 12 Uhr (Cinestar 7), 13. 2., 15.30 Uhr (Colosseum 1), 14. 2., 22.30 Uhr (Cinestar 7)

PANORAMA

Deutschland, die dritte:
„Short Cut to Hollywood“

Die Ausgangssituation ist hübsch. Drei talentfreie Berliner Liederverzapfer wollen richtig berühmt werden – in Amerika. Und da Talentfreiheit und Prominenz in der dschungelcampgestählten Mediengesellschaft keine Gegensätze sind, beschließt der Gruppen-Anführer, vor laufender Kamera etappenweise zu krepieren – von der Fingeramputation bis zur Todespille. Also tourt das Trio im Trailer Richtung Vegas und dreht dabei ein snuff movie in progress – mit vollster Zustimmung der künftigen Leiche.

Spätestens an dieser Stelle ahnt der geneigte Leser: Die Moralisten Marcus Mittermeier und Jan-Henrik Stahlberg haben es sich diesmal unter der guten alten Zynismus-Tarnkappe richtig gemütlich gemacht. „Muxmäuschenstill“ (2003), die Satire auf den kleinen Hitler in Otto Normalo, war ihr brillanter Erstling. „Bye Bye Berlusconi“ (2005), als Mediensatire gegen Berlusconi angelegt, musste schon mit viel Tutti-Frutti-Privatfernsehfleisch Aufmerksamkeit auf das angestrengte Gesellenstück lenken. „Short Cut to Hollywood“ wird nun sicher mancherseits mit der immer preiswerter zu habenden Münze Meisterwerk gefeiert. Doch ach, die müden Medien-Provos schöpfen ihre vielen TV-Gags nicht nur überwiegend aus dem Brackwasserbrunnen des Berlusconi-Films, sondern auch der reichlich beigefügte ranzige Sex hat, trotz behaupteter Liebesgeschichte, diesmal gar was von „Lass jucken, Kumpel“ Humor. Was die Freude von Pubertären aller Altersklassen ganz gewiss nicht schmälern dürfte. Jan Schulz-Ojala

12. 2., 19 Uhr (Zoo-Palast 1), 13. 2., 10.30 Uhr (Cinemaxx 7), 14. 2., 14 Uhr (International)

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