Kultur : Anmut und Armut

Die Berliner Galerie Pels-Leusden ehrt Karl Hofer anlässlich seines 50. Todestages

Michaela Nolte

Als Verfechter einer gegenständlichen Kunst schaffte Karl Hofer sich in der Nachkriegszeit Feinde auf allen Seiten. So wenig er sich in der Formalismus-Debatte mit Oskar Nerlinger für einen sozialistischen Realismus vereinnahmen ließ, so erbittert verteidigte er sich einige Jahre später gegen das Primat der Abstraktion. Die Heftigkeit der Wogen, die der in Zeitschriften und Tagespresse geführte Disput schlug, ist heute kaum mehr vorstellbar. Sein öffentliche Streit mit dem Kunstpapst Will Grohmann muss für Hofer in seinen letzten Lebensmonaten eine enorme Belastung gewesen sein.

Ob es diese Auseinandersetzung war, in deren Folge Hofer am 3. April 1955 nach seinem dritten Schlaganfall starb, weiß man nicht. Doch scheint ein Teil davon bis heute nachzuwirken; zumindest hat sich keine Berliner Institution des großen und streitbaren Einzelgängers anlässlich seines 50. Todestages angenommen. Dabei hatte der 1878 in Karlsruhe geborene Künstler – nach mehrjährigen Paris- und Romaufenthalten – seinen Lebensmittelpunkt ab 1913 in Berlin und prägte als Gründungsdirektor der Hochschule der bildenden Künste die Kulturpolitik im ersten Nachkriegsjahrzehnt maßgeblich mit.

Stattdessen hat es sich Bernd Schultz, Leiter des Auktionshauses Villa Grisebach und der Galerie Pels-Leusden, zum persönlichen Anliegen gemacht, Hofer eine angemessene Würdigung einzurichten. Ausstellung und Katalog sollen einen Anschub für das noch unveröffentlichte Werkverzeichnis geben, das bisher am Widerstand des Nachlassverwalters scheiterte. Und die zahlreichen Leihgaben von Sammlern und drei Museen haben die Präsentation zum wahrhaft musealen Kleinod gemacht.

Aus der Nationalgalerie kommt das früheste der rund 30 Gemälde aus vier Dekaden. Der „Stehende Jüngling“ von 1907 markiert Hofers in jenen Jahren einsetzende Flächigkeit von Raum und Figur, die Julius Meier-Graefe schon im Entstehungsjahr als „gegenstandslos“ beschrieb, weil sie letztlich rein geistige Fragen tangiert. Dabei schwingen bei Hofer Kriegsahnung oder -erleben, die Fragen und das Wissen um die Bedrohung des Menschen durch den Menschen immer mit. Er muss sie nicht direkt abbilden. Nur auf wenigen Bildern wie dem1945 entstandenen „Frau in Ruinen“ leuchtet das Inferno hinter schwarzen Häuserwracks. Doch auch hier rücken die Trümmer nicht im Vordergrund; der ist der alten Frau vorbehalten, die stellvertretend für unfassbares Leid steht.

Je weiter Hofer seine Reduktion treibt, desto eindringlicher vermittelt er die Tragik des Daseins an sich: wie in der „Wartenden Frau“ (360000 Euro), die zu den neun verkäuflichen Exponaten (ab 50000 Euro) gehört. Selbst in den hellen Geschöpfen der „Lesenden Frau in Rot“ oder dem „Halbakt mit gestreiftem Kopftuch“ klingt die dunkle Seite der Existenz an. Zwischen der „Versenkung in antike Bildhauerei“ und einem sehr gegenwärtigen „Sehnsuchtszauber“, wie Christoph Stölzl in seinem Katalogessay schreibt, entfalten sie ihren elegischen Grundton, unter dem es brodelt und pulsiert. Damals wie heute weit entrückt und außerhalb von Zeit und Raum, mutet sogar die Revueszene mit den „Tiller Girls“ wie ein Totentanz an, und in der „Pastorale“ des Jahres 1933 gerät die surreale Traumwelt bei aller fantastischen Farbgestaltung zur ganz realen Albtraumszenerie.

Die Zerrissenheit von Hofers Persönlichkeit spiegelt sich in einem bisweilen disparaten Werk, dessen Entwicklung zudem durch zwei Weltkriege tiefe Einschnitte erfuhr. Ihm selbst waren diese Qualitätsunterschiede durchaus bewusst. Mehrfach vernichtete ereigene Werke und forderte sogar seine Sammler auf, Bilder von ihm zu zerstören. Umgekehrt hatte Hofer ihm wichtige Motive aus der Erinnerung oder nach Fotografien in den Nachkriegsjahren noch einmal gemalt, wollte an Geschaffenem ansetzen und dieses weiterentwickeln, nachdem 1937 über 300 Bilder als „entartet“ beschlagnahmt worden waren und 1943 der gesamte Atelier-Bestand verbrannte.

Wirtschaftlicher Erfolg war ihm in den letzten Jahrzehnten vergönnt, doch seit Mitte der Achtzigerjahre haben die Preise noch einmal angezogen. Vor allem Gemälde aus den Zwanzigern und Dreißigern erzielen sechsstellige Summen. Den Rekordpreis setzte Sotheby’s in London 1996 mit 665000 Euro für den 1922 entstandenen „Festlichen Tag“. Im Jahr 2001 rangierten die „Drei Mädchen am Fenster“ in der Villa Grisebach mit rund 500000 Euro auf Platz neun der teuersten Werke des deutschen Auktionsmarktes. Eine späte Variante der „Blumen werfenden Mädchen“ erhielt hier im Jahr darauf immerhin einen Netto-Zuschlag von 210000 Euro. Die ursprüngliche Fassung von 1934 ist nun in der Ausstellung zu sehen. Während sich in dem Bildnis von 1945 auch das Künstlerschicksal zu spiegeln scheint, mit leeren Blicken und bitteren Zügen die die Münder umspielen, lässt das Figuren-Trio 1934 in seiner Anmut noch wenig von den drohenden Katastrophen spüren. Bereits im Vorjahr war Hofer von seiner Professur beurlaubt worden, jetzt erteilten ihm die Nazis endgültig Arbeits- und Ausstellungsverbot.

Gerade darum muss ihm der Streit mit Grohmann so zugesetzt haben, fühlte sich Hofer doch zu Unrecht „als Reaktionär, als blindwütiger Gegner der modernen Kunst“ ein weiteres Mal denunziert, wie er im Februar 1955 in dieser Zeitung schrieb.

Galerie Pels-Leusden, Fasanenstraße 25, bis 21. Mai; Dienstag bis Freitag 10–18.30 Uhr, Sonnabend 10–18 Uhr, Katalog 20 Euro.

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