Kultur : Anruf aus dem Allgäu

KLAUS HAMMER

Die Kunstsammlung Dresden zeigt wiedergefundene SchätzeVON KLAUS HAMMERAuch Kunstwerke haben ihre Schicksale.Da fragte im vergangenen Jahr eine Dame aus dem Allgäu an, ob zwei Bilder, die ihr ihre Mutter geschenkt habe, der Dresdner Gemäldegalerie gehören.Die Dresdner Gaststätte ihrer Mutter diente 1945 als sowjetische Kommandantur, und als die russischen Offiziere das Gebäude wieder freigaben, holten sie aus einem Koffer die beiden Gemälde und machten sie der Gastwirtin zum Geschenk.Dieser Brief, so der Direktor der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, Harald Marx, sei eine große Ermutigung für die Initiatoren der Ausstellung "Zurück in Dresden" gewesen. Aus den sieben Einrichtungen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden werden nun ehemals vermißte Werke vorgestellt, die durch Zufall oder nach langwieriger Recherche, bereitwillig oder erst auf juristischem oder diplomatischem Wege nach Dresden zurückgekehrt sind.Die wichtigsten Bergungsorte für die Hauptwerke der Dresdner Gemäldegalerie waren ein Eisenbahntunnel in Groß-Cotta in der Sächsischen Schweiz und das Kalksteinwerk Lengefeld im Erzgebirge.Die von der sowjetischen Besatzungsmacht gebildete "Trophäenkommission" ließ 1945 den größten Teil der ausgelagerten Kunstwerke ins Schloß Pillnitz bringen, von wo dann die wichtigsten Werke nach Moskau, Leningrad oder Kiew überführt wurden. Fast die gesamte Malerei des 15.- 18.Jahrhunderts wurde so in die Sowjetunion verbracht, während die Malerei des 19.und beginnenden 20.Jahrhunderts weitgehend in Dresden zurückblieb.Bei der politisch großangelegten sowjetischen Rückführungsaktion der Meisterwerke nach Dresden in den Jahren 1955 und 1958 gelangte Dresdner Kunstgut dann irrtümlich auch in andere Museen der DDR. Schon 1963 benannte ein "Katalog der Kriegsverluste" 553 Gemälde als weiterhin vermißt.Inzwischen gelang es, davon 44 Gemälde zurückzugewinnen - mit höchst erstaunlichen Wiederentdeckungen.So wurde 1974 das Bild eines flämischen Landschaftsmalers einem Dresdner Kunsthändler zur Reinigung gebracht.Dieser identifizierte es als Eigentum der Dresdner Galerie und es kehrte zusammen mit fünf weiteren Gemälden des gleichen Kunden, darunter "Der Sommertag" (1881) von Arnold Böcklin und "Centaur und Nymphe" (1895) von Franz von Stuck, ins Albertinum zurück.Max Slevogts "Nilbarke bei den Granitfelsen" (1914) wiederum wurde 1988 im westdeutschen Kunsthandel zum Kauf angeboten und von zwei Sammlern als Geschenk der Dresdner Galerie übergeben. Der größte Teil der vermißten Bestände, so vermutet der Direktor des Dresdner Kupferstichkabinetts, Wolfgang Holler, dürfte in Rußland oder anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion zurückgehalten werden.Nach der Öffnung der UdSSR haben russische "Zwischenbesitzer" auch Dresdner Werke zum Verkauf außer Landes gebracht.Sie sind von dort aus dem Kunsthandel oder westeuropäischen Museen für hohe Summen angeboten worden oder in die Hände von Sammlern gelangt. Auf diese Weise wurden drei grafische Blätter von Emil Orlik und eine Radierung von Otto Pankok von einem russischen Emigranten aus Paris im Auftrage "eines guten Bekannten aus Moskau" zurückerstattet.Eine Gruppe von Zeichnungen Adolph Menzels wiederum erwarb der Londoner Kunsthandel von russischen Emigranten, und von dort ist sie durch Unterstützung der Kulturstiftung der Länder 1994 nach Dresden zurückgelangt.Schon 1989 gab ein Münchner Sammler ein Aquarell Ernst Ferdinand Oehmes, eines Hauptmeisters der Dresdner Romantik zurück, das er guten Glaubens im Kunsthandel erworben hatte.Zwei weitere Aquarelle Oehmes sind kurz vor Eröffnung der Oehme-Retrospektive im vergangenen Jahr dem Albertinum anonym per Post zugeschickt worden. Während auf Grund des vom russischen Parlament beschlossenen "Beutekunst"-Gesetzes auf lange Zeit nicht mit einer Rückführung der noch in russischen Museen befindlichen Kulturschätze zu rechnen ist, zeigt die Ausstellung in exemplarischer Weise, wie seit 1945 verschollenes Kunstgut in Privathand, im Kunsthandel und in Museen aufgespürt und auch zurückgewonnen werden kann.Das geschieht in der Regel höchst unspektakulär, dank zäher Energie und ohne übertriebene Erwartungen.Dabei geht es auch kaum um Spitzenwerke, sondern allenfalls um den Versuch, Lücken in den so opulenten Dresdner Sammlungen zu schließen. Ausstellung im Georgenbau des Dresdner Schlosses, bis 12.Juli.Katalog 40 DM.

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