Kultur : Anthrax-Alarm: Eine genervte Stadt

Karsten Plog

Die freundliche Blonde im Zeitungsladen am Bahnhof von Neumünster meint, irgendwie sei es an diesem Morgen in der Stadt anders als sonst. "Ein anderes Klima", sagt sie, kann aber nichts Genaueres sagen. Sicher ist, dass mehr Zeitungen gekauft werden, obwohl die meisten Bewohner der schleswig-holsteinischen Stadt nach dem langen Fernsehabend offenkundig noch im Bett liegen. "Das interessiert die Leute doch, wenn die Stadt schon einmal in den Schlagzeilen steht. Das kommt doch nicht alle Tage vor." Und der Briefträger trägt auch heute keine Handschuhe. "Wieso auch", sagt er, "ist doch noch nicht so kalt, oder?"

Zum Thema Foto-Tour: Milzbrand weltweit
--> Online Spezial: Bio-Terrorismus
Stichwort: Milzbrand
Hintergrund: Seuchenexperten
Web-Link: Robert-Koch-Institut In Neumünster ist wieder Alltag, aber manch einer hat noch mit dem Schrecken zu tun, der ihm in die Glieder gefahren ist, nachdem die Landesregierung verkündet hatte, zwei der weißen Kartons, die in der Stadt und im Stadtwald gefunden worden waren, seien wahrscheinlich mit Milzbrand vergiftet. Stadbautrat Hansheinrich Arend hatte am Freitagabend ausgedrückt, was viele Neumünsteraner in dieser Situation zunächst vor allem gedacht haben dürften: "Das macht doch alles keinen Sinn." Denn über Trittbrettfahrer und weiße Kartons mit Pulvrigem darin wurde in der Stadt schon seit Tagen geredet, gelästert und spekuliert.

Zunächst war es nur ein kleiner weißer Fleck am Stadtteich. Das war vor zwölf Tagen. Da rückten Polizei, Feuerwehr und Gesundheitsamt mit großem Aufgebot an, um das verdächtige Zeug zu sichern. Weiteres Pulver wurde unter dem Briefkasten einer Bankfiliale entdeckt. Jedes Mal gab es weite Absperrungen, hinter denen die Passanten standen und das Geschehen beobachteten.

Weiß angestrichene Pakete

Schließlich am Montag zwei weiß angestrichene Pakete in der Lütjenstraße, die wieder weiträumig abgesperrt wurde. Die anliegenden Geschäftsleute protestierten, hatten sich die Funde zuvor doch als harmlos erwiesen. Polizisten wurden beschimpft. Eine Wirtin, deren Kneipe in der Lütjestraße liegt: "Nachher denken die Leute doch, mein Bier ist verseucht und gehen zur Konkurrenz." Die 19 weiteren Funde und die entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen der Behörden steigerten den Unmut in der Stadt. "Vom Thema Milzbrand wollte niemand mehr etwas wissen", schrieb der örtliche "Holsteinische Kurier". Schon frühzeitig gab es Gerüchte, die Aktion mit den Kisten sei in Wahrheit ein von einem Künstler veranstaltetes makabres und verrücktes Happening.

Am Freitagnachmittag kam erst einmal die Schreckensnachricht in die Stadt. Um 13 Uhr hatte Stadtbaurat Arend per Telefon erfahren, dass die Veterinäruntersuchung und die Gegenprobe in Jena den dringenden Verdacht ergeben hätten, es könne sich um Milzbrand handeln. Arend: "Wir mussten unter diesen Voraussetzungen vom schlimmsten Fall ausgehen." Am späteren Abend schließlich die Entwarnung aus Berlin.

In Neumünster meldete sich derweil der mutmaßliche Verteiler der weißen Kisten auf einer Polizeiwache, ein arbeitsloser Sozialpädagoge. Er berichtete, so gehandelt zu haben, weil er in diesen Tagen 30 Jahre alt geworden sei. Er habe mit der Aktion auf seine künstlerische Tätigkeit aufmerksam machen wollen. Von Milzbrand habe er keine Ahnung. Jetzt muss der Mann wegen Vortäuschung einer Straftat mit einer Gefängnisstrafe rechnen.

Milzbrand ist in Neumünster nichts Unbekanntes. Denn einst gab es hier eine Lederindustrie. Häufig infizierten sich bis in die 50er Jahre Mitarbeiter der Unternehmen beim Umgang mit den Häuten mit Milzbrand. Die Reste der Produktion wurden an 17 Stellen nur weniger Meter unter dem Boden vergraben. Noch vor sechs Jahren waren nach Zeitungsangaben bei Probebohrungen lebende Sporen gefunden worden. Doch Erkrankungen sind seit dem Ende der Lederherstellung in der Stadt nicht mehr bekannt geworden.

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