Anthropologie : Hinter dem Schleier der Natur

Der große französische Anthropologe Philippe Descola kämpft für ein "Jenseits von Natur und Kultur". Die Hamburger Zeitschrift "Mittelweg 36" hat ihm nun ihr jüngstes Heft gewidmet

von
Schüler des Jahrhundert-Anthropologen Claude-Lévi-Strauss.
Foto: Wikipedia

Wo sind all die französischen Intellektuellen hin, geht ein Lied, das vielen allzu leicht über die Lippen geht, wo sind sie geblieben? Wenn man ihren Rang an den modernen Nationalheiligen misst, die in Gestalt der Dioskuren Sartre und Camus verehrt werden, kommt man tatsächlich nicht weit. Aber selbst zu behaupten, spätestens mit Jacques Derrida sei eine Epoche zu Ende gegangen, nachdem Michel Foucault und Gilles Deleuze schon länger das Zeitliche gesegnet haben, greift zu kurz. Denn sie alle haben ihre Schüler, und einer der brillantesten, der alle drei zu seinen philosophischen Lehrern zählen kann und überdies den Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty, ist der Anthropologe Philippe Descola. 1949 in Paris geboren, wurde sein Doktorvater der Ethnologe Claude Lévi-Strauss, dessen „Traurige Tropen“ er schon mit 16 Jahren verschlungen hatte. Die reine Arbeit am Begriff genügte seiner Abenteuerlust bald nicht mehr. In Lévi-Strauss’ Nachfolge bekleidet er seit 2000 am Collège de France einen Lehrstuhl für „Anthropologie der Natur“.

Anthropologie der Natur? Schon die paradox anmutende Bezeichnung deutet an, dass Descola ein Blick vorschwebt, der den „dualistischen Schleier“ ablegt, nach dem menschengemachte und vorhandene Welt streng voneinander geschieden sind. Descola zielt, mit dem Titel seines bei Suhrkamp erschienenen Opus magnum, auf ein „Jenseits von Kultur und Natur“. Er sucht eine Ordnung der Dinge, die weder den westlichen Szientismus für das Maß alles Wissens hält, noch jede Erkenntnis zu einer Projektion erklären will.

Mit Alexander von Humboldt teilt er den Wunsch, „die Einheit des Menschen durch die Vielfalt der Mittel hindurch zu verstehen, die er sich verschafft, um eine Welt zu objektivieren, mit der er untrennbar verbunden ist“. Es geht um eine Neubestimmung des Verhältnisses von Universalismus und Relativismus, und das mit der Expertise des neugierigen Feldforschers. Descolas Buch „Leben und Sterben in Amazonien“ erzählt von seinen drei Jahren mit den Jívaro-Indios – und vom Staunen, das ihn diese Zeit gelehrt hat.

Der vom Hamburger Institut für Sozialforschung herausgegebene „Mittelweg 36“ (Oktober/November 2013, 9,50 €) widmet Descola über die Hälfte seiner 100 Seiten. Neben der erstmals übersetzten Antrittsvorlesung finden sich ein ausführliches Gespräch mit ihm und ein intellektuelles Porträt – beides verfasst von der Berliner Soziologin Tanja Bogusz. Sie zeigt unter anderem, was Descola mit den Ideen von Bruno Latour, einem ebenso einflussreichen französischen Denker, teilt, und worin er von ihnen abweicht. Als ergänzende Lektüre empfiehlt sich daher das Latour-Interview in der Winterausgabe der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ (C.H. Beck, 12,90 €). Darin gibt Latour prägnant Auskunft über seine noch unübersetzte „Enquête sur les modes d’existence – Une anthropologie des modernes“.

Descola folgt einem „relativen Universalismus“, der an die Stelle von „absoluter Natur und kontingenten Kulturen“ fließende Übergänge setzt: Kontinuitäten und Diskontinuitäten, Analogien und Gegensätze, an denen eine scheinbar unausweichliche Frage schlicht abgleitet: „Wie können Sie die Allgemeingültigkeit der Unterscheidung von Natur und Kultur bestreiten und gleichzeitig beanspruchen, Invarianten in den Modi der Beziehung auf Menschen und Nichtmenschen ans Licht zu bringen?“

Diese Unveränderlichkeiten sieht Descola in Faktoren, die durch alle Kulturen hindurch wirken und nur verschieden gewichtet werden. Alle Weltverhältnisse, behauptet er, lassen sich einer von vier Existenzweisen zuordnen, die er mit reichem Anschauungsmaterial ausstattet: dem Naturalismus, der von der Beseeltheit der Dinge nichts wissen will; dem Animismus, der gerade dem Unbelebten ein Innenleben zuspricht; der Totemismus, bei dem Menschen Beziehungen zu bestimmten Tieren oder Gegenständen unterhalten; sowie dem Analogismus, der Kosmos und Einzelwesen ineinander spiegelt. Um daraus politische Konsequenzen zu ziehen, ist dies alles viel zu fein gedacht und elegant geschrieben. Gemessen an seinen Lehrern fehlt Descola, der doch eine neue Ontologie begründet, jede umstürzlerische Geste. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum sein Denken nicht die verdiente Aufmerksamkeit genießt.

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