Antoine Tamestit und die Junge Deutsche Philharmonie : Eine Dame trumpft auf

Melodisches Gespräch: In der Philharmonie spielen die Junge Deutsche Philharmonie und der Bratschist Antoine Tamestit. Der beweist: Die Bratsche hat Erotik!

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Der Bratschist Antoine Tamestit.
Der Bratschist Antoine Tamestit.Foto: Eric Larrayadieu/Naive

Ein gutes Wort, endlich mal. Das Konzert für Viola und Orchester von Sofia Gubaidulina (geboren 1931 in der Sowjetunion) ist ein einziges Plädoyer für die Bratsche – diese unterschätzte Dame, die zwischen dem festen Boden der Celli und den ätherischen Höhen der Violine nie so richtig zur Geltung kommt, obwohl sie doch schön die Mitte einnimmt, ja eigentlich das menschlichste unter den Streichinstrumenten ist.

Gubaidulina hat ihr 1996 entstandenes Werk, das die Junge Deutsche Philharmonie aufführt, auf drei Schultern verteilt: das Orchester, ein um einen Viertelton tiefer gestimmtes Streichquartett und den Solisten. Dieser steht im Vordergrund, über weite Strecken gleicht das Konzert mehr einer Kadenz für Viola. Und Antoine Tamestit erobert sich in der Philharmonie entschlossen den Raum, klopft zu Beginn den Ton D in allen Ausdrucksfacetten ab, entlockt seinem Instrument schimmernde, herbstliche Klangfarben: harzig, rotbraun, erdig säuselt diese Bratsche, jault auch mal auf wie ein überdrehter Motor, immer exakt gesetzt sind die Töne.

Wirklich melodisch ins Gespräch tritt Tamestits Part nicht mit dem der beiden anderen Protagonisten, das Stück will wirklich ein Podium bieten für ein einziges Instrument, dessen Möglichkeiten, auch dessen Erotik. Was im Fall der Bratsche ja nicht schaden kann. Am 2. Dezember wird Tamestit mit sechs Musikern der Berliner Philharmoniker im Kammermusiksaal spielen – hingehen!

Delikate Balance

Anton Bruckner hat bekanntlich mit seinen Symphonien ganz andere Ziele verfolgt: nicht ein Individuum, sondern den Allerhöchsten wollte er preisen, auch in seiner unvollendeten Neunten. Und wie spielen die von Jonathan Nott geleiteten Musikstudenten der Jungen Deutschen Philharmonie eine Partitur, die sich ein über 70-Jähriger, kranker Mann in den Wochen und Monaten vor seinem Tod abgerungen hat? Insgesamt auf einem beglückend hohen Niveau, am überzeugendsten in den prächtigen, megalomanen Tutti-Passagen, die Bruckners Motivblöcke in der Regel krönen: Dort, im Fortissimo, halten die Musiker eine delikate Balance, Nott führt seine Schützlinge sicher bis zum äußersten Punkt, bevor es ins Knallige kippt.

Woran es hingegen noch hapert, gerade im ersten Satz, ist das beethovensche Drängen, der entschlossene Zug auf einen Punkt hin. Lieber verharrt das Orchester auf einer einmal erreichten Fläche. Und im Adagio, dem letzten vollendeten Satz: Da fehlt es dann doch an Binnenspannung und Schmerz, an Weltabschiedssehnen, Entrückung und Adieu sagen. Um wirklich zu spüren, wovon Bruckner hier spricht, dazu sind diese Musiker wohl doch noch zu jung.

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