Kultur : Antonio Skármeta: Heidegger am Savignyplatz

Doris Meierhenrich

Ein Genussmensch, denkt man, wenn man Antonio Skármeta sieht, ein Gourmet, ein Ironiker. Sein blanker Kopf glänzt über dem schwarzen Haarkranz, heiter blinzeln seine Augen. Und fängt er an zu sprechen, dann rattern und blubbern die Rs und Os aus seinem schwarzen Schnäuzer, dass man Deutsch für einen spanischen Dialekt halten könnte. Nicht einmal die Tristesse, die von den grauen Wänden des Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin auf die Gemüter drückt, verdarb am Donnerstagabend dem chilenischen Autor und Botschafter seine sonnig-sarkastische Laune. In dem Dahlemer Institut nämlich eröffnete Skármeta mit einem "kurzen literarischen Selbstporträt" eine Reihe von Gastvorträgen, die zukünftig die dort ansässige Samuel-Fischer-Gastprofessur ergänzt.

Autoren, so heißt es in der vom S. Fischer Verlag, dem DAAD, der Holtzbrinck-Verlagsgruppe und der Freien Universität organisierten Veranstaltung, sollen in Vorträgen über das literarische Schaffen hinaus ihr gesellschaftspolitisches Wirken reflektieren. Für eine solche Reflexion, so schien es, brauchte Antonio Skármeta keine Aufforderung, nur eine Einladung. Denn für den ehemaligen Exilschriftsteller, der nach dem Militärputsch 1973 fünfzehn Jahre in Berlin lebte, gibt es weder ein Leben noch eine Literatur außerhalb der Politik.

Im April dieses Jahres kehrte er als Botschafter des sich demokratisierenden Chile nach Deutschland zurück. Einen Vortrag hielt Skármeta an diesem Abend denn auch nicht. Er las drei bereits veröffentlichte Texte über markante Punkte seines Lebens: die erste Ankunft in Berlin, seine Rückkehr in die Heimat und ein Stück aus dem Erfolgsroman "Mit brennender Geduld" von 1985.

Ein literarisches Selbstporträt, lacht er, habe er machen sollen. Aber, und er fasst auf seine Glatze: "kein Haar mehr. Ein Porträt wäre deshalb viel zu lang geworden". Dass das nicht nur ein Scherz war, mag man dem properen Auftreten und seiner immer in ironischer Fallhöhe schwingenden Sprachmelodie kaum glauben.

Doch aus seinem Lebensweg kann man herauslesen, was auch in dem lakonischen Humor seiner Sprache anklingt: eine Absurdität, die nicht nur Missverhältnisse entlarvt, sondern die eigene Verlorenheit darin. Da sieht man zum Beispiel den jungen Exilchilenen auf dem Berliner Savignyplatz stehen, ohne ein einziges Wort Deutsch zu können.

Nur die Heidegger-Zitate aus dem Philosophieunterricht fallen ihm ein. Und so buchstabiert er sich "Das-In-der-Welt-Sein des Daseins" in den leeren Magen.

Widersprüche, das entlockte ihm der Literaturwissenschaftler Gert Mattenklott im Gespräch, hält Skármeta für überwindbar. Darin weiß er sich einig mit dem großen Kollegen Pablo Neruda, der auch Hauptfigur seines Romans "Mit brennender Geduld" ist. Die lateinamerikanische Bitterfeld-Romantik, die Skármeta den Dichter darin formulieren lässt, wiederholt er auch heute noch für sich: Intellektuelle Arbeit muss sich mit der Arbeit des Volkes verbinden. Und als Skármeta dann auch noch schwärmte, dass in Lateinamerika ein Lied allein ein Land mit verändern könne, dämmerte einem zumindest, warum der Dichterbotschafter so glücklich aussieht.

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