Apichatpong Weerasethakul an der Volksbühne : Schlaf ist Widerstand

Bühnenpremiere: Der Filmemacher Apichatpong Weerasethakul richtet einen „Fever Room“ in der Volksbühne ein.

Licht und Nebel. Was hinter der Leinwand im Theater lauert.
Licht und Nebel. Was hinter der Leinwand im Theater lauert.Foto: Kick the Machine Films

Der Filmemacher Apichatpong Weerasethakul ist ein gefeierter Poet des Weltkinos. Wer eine gewisse Grundentspanntheit und die Bereitschaft zum Sinnieren etwa über Seelenwanderung mitbringt, kann sich bei dem Thailänder in einen sehr speziellen Flow fallen lassen. Wie zum Beispiel im Film „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“, der einen Sterbenden auf die Geister seiner Vergangenheit treffen ließ und mit dem der Regisseur 2010 die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat.

Der Theatermacher Apichatpong Weerasethakul ist dagegen noch gänzlich unbekannt. Weil es ihn bisher nicht gab. Sicher, der Künstler hat in verschiedenen Ausstellungskontexten gearbeitet, auch „Uncle Boonmee“ ist im Rahmen des „Primitive Project“ entstanden, das einen Kurzfilm, eine Installation und ein Künstlerbuch umfasste und hierzulande im Münchner Haus der Kunst zu sehen war. Auch an verschiedenen Biennalen rund um den Globus hat der studierte Architekt teilgenommen – also, kinoferne Räume sind ihm nicht fremd.

Volksbühnen-Intendant Chris Dercon, an dessen früherer Wirkungsstätte, der Tate Modern in London, Weerasethakul ebenfalls schon ausgestellt hat, darf sich dennoch auf die Fahne schreiben, dem Künstler zur Bühnenpremiere verholfen zu haben. Die heißt „Fever Room“, was ein schöner Titel ist. Nur leider hält er nicht, was er verspricht.

Nur die Eingeweihten können motivisch andocken

„Ich nähere mich dieser Bühnenarbeit mit dem Kino im Geiste“, erklärt der Regisseur im Programmheft-Interview mit dem neuen Filmkurator der Volksbühne, Giulio Bursi. „Kino als das Licht und als Höhlenraum eines illusionistischen Rituals.“ Entsprechend wird man vom Einlasspersonal mit Taschenlampen hinauf zur Podesterie geführt, den Blick in den Zuschauerraum verdeckt ein Vorhang. Es fährt dann eine Leinwand aus der Finsternis, auf die sehr Weerasethakul-typische Bilder projiziert werden. Bananenbäume, das Meer, eine Dinosaurierfigur am See, eine Bootsfahrt, das Erforschen einer Höhle, siehe oben. Nach und nach kommen mehr Leinwände dazu. Ein Splitscreen-Verfahren fürs Theater.

Freilich, der meditative Sog von Weerasethakuls Kinowerken – die das Theater als Retrospektive unter dem Titel „Mysterious Objects at Midnight“ am 9. und 10. Dezember zeigt – stellt sich dabei nicht ein. Und nur die Eingeweihten – also jene, die seinen Film „Cemetery of Splendour“ von 2015 gesehen haben – werden motivisch auch nur vage irgendwo andocken können. „Cemetery of Splendour“ erzählte von Soldaten mit mysteriöser Schlafkrankheit in einer Klinik. Und von den Frauen Jen und Keng, die sich um sie kümmern. Letztere als Medium, als Mittlerin zwischen Koma und Wachzustand, Dies- und Jenseits, Vergangenheit und Gegenwart. Ein traumschöner Film.

Wie weit „Fever Room“ davon entfernt ist, wird spätestens klar, wenn Weerasethakul nach ungefähr einer Stunde die Leinwände hochfahren und die Vorhang sich öffnen lässt – für eine nicht enden wollende, esoterisch wabernde Licht- und Nebel-Show mit düster umdröhnter Rauchspirale. Vielleicht soll eine Art Nahtoderfahrung suggeriert werden? Das Ganze sieht aber mehr aus wie die unseligen Lasershows im alten Zoopalast, falls sich jemand erinnert. Eine Effekte-Kirmes jedenfalls, das Gegenteil von Poesie.

Schlussendlich gibt es noch eine filmische Geisterepisode mit „Cemetery“- Link, aber das tröstet nicht mehr. Im Interview sinniert Apichatpong Weerasethakul auch über das Ausbrechen im Traum, über das Schlafen als Form des Widerstandes. Immerhin das ist anschlussfähig. Widerstand leisten lässt sich bestens in dieser 90-minütigen Installation, die das Theater nicht gebraucht hätte.

Wieder am 26. bis 28. Januar

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