Apparat vertont "Krieg und Frieden" : Schlachtengemälde

Atmosphärischer Kunstpop: Der Berliner Musiker Sascha Ring alias Apparat hat Leo Tolstois monumentalen Roman „Krieg und Frieden“ vertont.

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Freigeist. Der Berliner Musiker Sascha Ring begann seine Karriere als Betreiber des Technolabels Shitkatapult.
Freigeist. Der Berliner Musiker Sascha Ring begann seine Karriere als Betreiber des Technolabels Shitkatapult.Foto: Sandro Bäbler

Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ ist das klassische Beispiel für einen Roman, der so entsetzlich dick ist, dass man ihn für die perfekte Strandlektüre hält. Man glaubt, endlich mal wieder in Ruhe zum Lesen zu kommen, und am Ende schleppt man den Wälzer dann doch wieder ungelesen mit nach Hause. Der Berliner Elektronikproduzent Sascha Ring alias Apparat hatte beim Urlaub auf einer thailändischen Insel eben diesen Roman dabei. Das Erstaunliche: Er ihn auch tatsächlich gelesen, was aber auch daran liegen könnte, dass die Lektüre Teil eines Arbeitsauftrages war, den er angenommen hatte: Musik für eine Theaterinszenierung von „Krieg und Frieden“ des Leipziger Regisseurs Sebastian Hartmann zu schreiben.

„Music for Theatre“ – „Musik fürs Theater“, so heißt der Untertitel von „Krieg und Frieden“, der neuen Platte von Apparat. Trotzdem ist sie nicht bloß Nebenprodukt des bei den Ruhrfestspielen 2012 uraufgeführten Werkes, sondern tatsächlich das offizielle neue Album von Apparat, mit dem er auch auf Konzerttournee gehen wird. Das ist alles andere als selbstverständlich, denn immer mehr Popmusiker und Elektronikproduzenten arbeiten inzwischen auch fürs Theater, ohne dass die dabei entstehende Musik außerhalb des Theatersaals registriert werden würde. Bühnenmusik zu produzieren, ist für viele ein lukrativer Job, für den es eine vertraglich geregelte Bezahlung gibt, während man von Plattenverkäufen immer schwerer leben kann. Was dazu geführt hat, dass etwa die vor einigen Jahren noch fleißig umhertourende Band Kante beinahe ganz zur Theaterband mutiert ist, die keine Pop-Platten mehr veröffentlicht.

Bei Sascha Ring liegt die Sache anders. Er ist inzwischen weltweit so erfolgreich, dass er das Theater nicht wirklich braucht – eher umgekehrt kann er es sich einfach leisten, ein Projekt wie die „Krieg und Frieden“-Inszenierung zu realisieren, bei dessen Aufführungen er auch als Live-Musiker involviert war. Ihm geht es dabei sicher auch um die Herausforderung. Sich in immer wieder neue Kontexte begeben, sich im Austausch mit anderen weiterzuentwickeln, das ist sein Ansatz. Er hat schon mit der Berliner Technoproduzentin Ellen Allien eine gemeinsame Platte aufgenommen, auch mit dem Berliner Frickelelektronikduo Modeselektor kooperiert er immer wieder unter dem Projektnamen Moderat – eine neue Platte dieses Trios ist für dieses Jahr bereits angekündigt.

„Krieg und Frieden“ markiert nun den einstweiligen Höhepunkt der Entwicklung Rings, die ihn weg vom solipsistisch produzierten Minimal-Techno, hin zu großflächig arrangiertem Kunstpop geführt hat. Mit spürbarem Fleiß ist er diesen Weg gegangen. Er, der einst Mitinhaber des Berliner Labels Shitkatapult war, ein Aushängeschild für bolzenden Rumpeltechno, hat irgendwann seine Apparat-Band gegründet, für die er mit dem Singen angefangen und sich mit großem Willen musikalisch neu ausgerichtet hat. Das war harte Arbeit. Ein erster Auftritt der Band vor ein paar Jahren beim Club Transmediale wirkte denn auch seltsam desorientiert; Rings Stimme klang anfangs dünn und die Musik ein wenig nach Radiohead für Arme. „Krieg und Frieden“ ist nun aber eine betörende, ausgereifte, streckenweise vielleicht etwas zu gefühlige und bombastische, jedoch stets atmosphärisch dichte Platte.

Aufgewachsen ist Ring mit Techno und so klangen seine ersten Produktionen vor über zehn Jahren auch. Er sagt selbst, dass er Popmusik erst später aufgearbeitet hat, vor allem mit „Dark Side Of The Moon“ von Pink Floyd sowie Radiohead, deren Einfluss auf seine Musik nicht zu überhören ist. Sphärisch beginnt „Krieg und Frieden“. Der elektronische Sound baut langsam eine Dramatik auf, die stark an Pink Floyd erinnert, flirrende Streicher knüpfen einen Klangteppich mit der Elektronik, dann plötzlich setzt dieser Gesang ein, diese etwas weinerliche und doch berührende Stimme von Sascha Ring, die sofort an Thom Yorke denken lässt. Allerdings spürt man, dass sich hier einer nicht mehr bloß an übergroßen Vorbildern abarbeitet, sondern wahrlich seine eigene Stimme gefunden hat.

Man kann darüber spekulieren, ob die neue Platte von Apparat anders klänge, wäre sie nicht eine „Music For Theatre“. Denn sie hat schon viel Soundtrack-haftes, elegische Streicherarrangements, Anklänge an die Minimal Music des Soundtrack-Spezialisten Michael Nyman. Es gibt ein „Krieg und Frieden“-Thema und dass die sphärische Geräuschcollage an einer Stelle mit „Tod“ betitelt wurde, überrascht nicht unbedingt. Doch Sascha Ring war mit seinen letzten Produktionen ohnehin schon auf dem Weg, ein Klangmaler großer Gefühle zu werden. Die Vorgabe, einen der berühmtesten Romane der Weltliteratur musikalisch zu erfassen, hat ihn vielleicht noch schneller an sein künstlerisches Ziel gebracht. Denn genau wie Johnny Greenwood, der von ihm verehrte Gitarrist von Radiohead, der in der letzten Zeit mit ziemlich ambitionierten Soundtrackarbeiten für Aufsehen sorgt (siehe Tsp v. 21.2.), darf er sich nun Komponist nennen. Andreas Hartmann

„Krieg und Frieden (Music for Theatre)“ ist bei Mute erschienen.

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