Archäologische Ausstellung : Trojanische Giebelhelden

Das Leuchten der Antike: die bildhauerisch ergänzten Münchner Ägineten im Alten Museum Berlin .

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Rekonstruiert. Der Westgiebel.
Rekonstruiert. Der Westgiebel.Foto: Staatl. Antikensammlung und Glyptothek München/Renate Kühling

Die Zeiten, da an deutschen Schulen aus der „Ilias“ des Homer gelesen wurde, sind wohl vorüber. Wenn nun die Antikensammlung der Staatlichen Museen die berühmten Ägineten, die in der Münchner Glyptothek bewahrten Giebelfiguren des Aphaia-Tempels auf Ägina, als Abgüsse in der Rotunde des Alten Museums zeigt, so müssen zugleich Grundkenntnisse zum Trojanischen Krieg vermittelt werden. Denn darum geht es bei den Ägineten: Um die Darstellung von Siegern und Besiegten dieser eigentlich zwei Kriege zwischen zwei Stadtstaaten, die, wären sie nicht durch Dichtung und Darstellung an den Beginn der abendländischen Welt und ihrer Selbstreflexion gestellt worden, kaum eine Fußnote im Geschichtsbuch erhalten hätten.

Doch nicht die Ausgrabungen, wie sie 1811 in situ vorgefunden wurden, sind in Berlin zu sehen, sondern deren durch den Bildhauer Bertel Thorvaldsen vervollständigte Fassung. Wer die spartanische Aufstellung der Giebelfiguren in der Glyptothek kennt, in der alles fehlt, was bereits 1811 gefehlt hat, wird sich in Berlin wundern: Da tragen die Kämpfer Bogen und Lanzen, sind ihre Gliedmaßen vollständig, sind die Kopflosen nicht länger kopflos, da ergeben sie, anders als das Münchner Rätselbild, eine in sich schlüssige Darstellung.

Nur: Schlüssig heißt nicht historisch korrekt. So erzählt die Berliner Ausstellung – als Übernahme aus München, wo das Experiment 2011 zu sehen war – zum einen von der griechischen Welt, hier aus der Zeit von 500-480 v. Chr., zum anderen aber von der Wahrnehmung des frühen 19. Jahrhunderts.

Dieser Zeit stand die antike Welt ganz nahe. Gebildete Amateure suchten in Griechenland nach den Spuren der durch schriftliche Überlieferung ebenso wie durch römische Kopien älterer Skulpturen bekannten Vergangenheit. 1811 machten sich vier Philhellenen, zwei aus deutschen Landen und zwei aus England, nach Ägina auf, um die bereits publizierten Reste des Aphaia-Tempels „zu besichtigen“, was in die Freilegung der im Umkreis des Bauwerks verstreuten Marmorfiguren mündete. Zum Glück zeichneten die Ausgräber, unter ihnen der an der Berliner Bauakademie ausgebildete Architekt Carl Haller von Hallerstein, die Fundstücke und ihre Lage. Denn die Figuren wurden alsbald zum Kauf angeboten. Der bayerische Kronprinz und ausgewiesene Kunstliebhaber Ludwig – später König Ludwig I. – erwarb die Stücke und ließ sie ab 1815 durch den in Rom lebenden Dänen Thorvaldsen, den neben Canova berühmtesten Bildhauer seiner Zeit, ergänzen. Und so wurden sie 1827 in der sogar noch unfertigen Glyptothek aufgestellt.

Ergänzungen antiker Fragmente waren früher die Regel. Doch der rapide anwachsende Kenntnisstand der unterdessen als eigener Wissenschaft etablierten Archäologie ließ diese Praxis im späten 19. Jahrhundert obsolet werden; wie auch die zuvor eifrig gesammelten Gipsabgüsse anderenorts bewahrter Plastiken, von denen gerade Berlin einst die wohl größte Sammlung weltweit besaß. Thorvaldsens Ergänzungen blieben zwar bestehen, doch ging mit der Kriegszerstörung der Glyptothek der Zusammenhang zu dem durch Peter Cornelius mit erzählenden Fresken ausgeschmückten Museumsgebäude verloren. In den 1960er Jahren wurden die Ergänzungen beseitigt.

Unsere Gegenwart hat mit der auf ästhetische Vollkommenheit gerichteten Sichtweise des Klassizismus ihren Frieden gemacht, und so dürfen sich die rekonstruierten Ägineten in der Rotunde von Schinkels Altem Museum kongenial mit den gleichfalls ergänzten und so über die Zeiten gekommenen Standfiguren aus Berliner Bestand messen. Die Antikensammlung hat im Anschluss an die quasi-sakrale Rotunde einen Raum mit den Zeichnungen von 1811 – die sich in der Berliner Kunstbibliothek erhalten haben – hinzugefügt und im Obergeschoss einen weiteren Saal mit Darstellungen zum Krieg um Troja. Darunter sind gleich drei der überraschend seltenen Darstellungen des Trojanischen Pferdes, einmal als hölzerne Attrappe im Bau, dann beim Transport auf Rädern und schließlich beim Herausklettern der eingeschleusten griechischen Kämpfer.

Was aber nun zeigen die beiden Giebel des Aphaia-Tempels? Unstrittig war stets, dass es sich bei dem durch den historischen Verlust von Skulpturen deutlich figurenärmeren Ostgiebel um eine Darstellung des ersten Krieges um Troja, beim deutlich reicheren Westgiebel hingegen um den von Homer in der „Ilias“ besungenen „Trojanischen Krieg“ handelt. Welche Figur aber welchen Helden darstellt, ist seit der Ausgrabung umstritten. Irritierend wirkte dabei, dass Griechen und Trojaner gleichwertig und gleichermaßen schön dargestellt werden. So kamen wechselnde Benennungen einzelner Figuren zustande. Mittlerweile gilt als gesichert, dass die Bewohner von Ägina die ruhmreichen Taten ihrer Vorfahren gebührend herausstellen wollten und sie „ins rechte Licht“ setzten. Athena, die Schutzgöttin in der Mitte, beschirmt also die siegreichen Griechen, während die Trojaner im Fallen und Sterben dargestellt sind.

Indem uns Heutigen die antiken Helden entrückt sind, kehren wir in gewisser Weise zum Schaugenuss der klassizistischen Epoche zurück: Zu sehen sind ideale Menschen, deren kriegerisches Tun in eher symbolischen Gesten zurückgenommen ist. Kronprinz Ludwig, Thorvaldsen, Schinkel und Klenze – der Erbauer der Glyptothek – haben die Ägineten wohl so gesehen: als ein Leuchten aus dem goldenen Zeitalter der Antike.

Altes Museum, Lustgarten, bis 16. Mai 2016. Münchner Katalog 20 €.

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