Architektur : Ankern im steinernen Meer

Revolutionen von damals: Wie die fünfziger Jahre das architektonische Gesicht Berlins bis heute prägen.

Bernhard Schulz
Hansaviertel
So jung sehen wir uns nie wieder. Das Hansaviertel in den fünfziger Jahren. -Foto: Ullstein

Der kürzlich gefeierte 50. Geburtstag der Bauausstellung „Interbau Berlin 1957“ hat das Interesse an der Architektur dieser Zeit erneut geweckt. So, wie die zwanziger Jahre ein halbes Jahrhundert später zur verklärten Mode wurden, sind es mittlerweile die Fünfziger, die besonders einer jüngeren Generation als vermeintlich voraussetzungslose Spielwiese eigener ästhetischer Vorlieben dienen.

Solche Verklärung verkennt stets auch historische Zusammenhänge. Die Beklemmung, die die 68er-Linken bei der Erinnerung an ihre Jugend in der Adenauerzeit empfanden, ist den Heutigen fremd. Der Formenvorrat der fünfziger Jahre bietet sich in aller Unschuld dar, bar jeder Verknüpfung mit gesellschaftlicher und politischer Realität. Dabei zeigt gerade das Hansaviertel, wie eng die Politik mit der Architektur zusammenhängt. Ohne die Teilung der Stadt und ohne die absichtsvolle Zerstörung älterer Schichten Berlins war die Neuheit des Hansaviertels nicht zu haben.

Das alte und im Krieg zerstörte gutbürgerliche Hansaviertel galt nichts. Für Bausenator Rolf Schwedler, heute durch seine am Leitbild der autogerechten Stadt orientierte Kraftverkehrsplanung in Erinnerung, waren die Wohnbauten der Kaiserzeit als Hauptbestand der Berliner Bausubstanz ohnehin lediglich „Blöcke stehen gebliebener alter Mietskasernen mit ihrer üblen Mischnutzung“.

Das neue Hansaviertel sollte Modell sein, im doppelten Sinne des Vorbildes für künftige Wohnbezirke wie eben auch als idealtypisches und darum unwiederholbares Beispiel. Die Vielfalt der architektonischen Handschriften, die das Hansaviertel von späteren Großsiedlungen unterscheidet, verdankt sich den 53 namhaften eingeladenen Architekten. 19 davon kamen aus dem westlichen Ausland; sie sollten das Flair der „freien Welt“ in die bedrängte Halbstadt bringen.

Die Lage am Rande des Tiergartens ermöglichte es, das Grün des Parks „durch die gesamte Bebauung hindurchfließen zu lassen“, wie Senatsbaudirektor Hans Stephan erklärte. Er wollte das „steinerne Meer“ von Berlin mittels Grünstreifen in überschaubare Einheiten auflösen: ein Vorhaben, das Vision blieb.

Nur am Rande spielte die „Charta von Athen“ eine Rolle, jenes Dokument der fortschrittlichen Architekten von 1933, das erst in der Nachkriegszeit seine Wirkung entfalten konnte. Der Grundsatz der Charta ist die Entmischung der Funktionen Wohnen, Arbeiten, Freizeit. Das Hansaviertel als reines Wohnquartier realisiert dieses Leitbild. In Berlin blieb es andernorts bei Kompromissen, wie im nordwestlichen Teil des Bayerischen Viertels mit seinen verkehrsberuhigten Straßen. Und weitere Vorhaben der „Interbau“ blieben Solitäre: das Corbusier-Haus beim Olympiastadion, das wegen seiner immensen Größe mit über 500 Wohnungen nicht ins Hansaviertel passte, und die Kongresshalle an der Spree als Geschenk der Vereinigten Staaten. Die Akademie der Künste, unmittelbar am Tiergartenrand, kam erst nach der „Interbau“ hinzu, ergänzt sie aber in kongenialer Weise. Werner Düttmann, der sie entwarf, prägte über zwei Jahrzehnte das Berliner Baugeschehen: als Architekt, Senatsbaudirektor und als Akademie-Präsident.

Die Aufmerksamkeit, die der „Interbau“ als hochpolitischer Gegenveranstaltung zur Stalinallee als Großprojekt der frühen DDR entgegengebracht wird, verdeckt die erstaunlichen Leistungen der übrigen West-Berliner Architektur in den fünfziger Jahren.

Erstaunlich viel ist im Zentrum der westlichen Stadthälfte gebaut worden, die ihre Mitte erst finden musste, angefangen beim Eckhaus am Wittenbergplatz gegenüber dem KaDeWe von 1949. Da sind der gezügelte, doch deutliche Monumentalismus des Allianz-Hochhauses an der Joachimsthaler Straße von Paul Schwebes (1952/55), die Industrie- und Handelskammer an der Hardenbergstraße von Sobotka und Müller (1954/55) und – ein symbolischer Höhepunkt – das Bilka-Kaufhaus mit dem zum Kurfürstendamm anschließenden Kranzler-Eck samt seiner stadtbildprägenden Rotunde (Hanns Dustmann, 1955/58). Vom „Zentrum am Zoo“ (Schwebes und Schoszberger, 1955/57) ist die ursprüngliche Leichtigkeit nach rücksichtslosen Eingriffen in die einst virtuos asymmetrischen Fassaden nur mehr zu erahnen – der Spitzname „Bikini-Haus“ erinnert daran. Allein das südlich anschließende, die Kantstraße überspannende Schimmelpfeng-Haus, wiederum von Sobotka und Müller (1957/60) vermittelt noch den bewusst die überkommene Stadt negierenden Fortschrittsglauben dieser Zeit.

Die hochfliegenden, irrealerweise sogar auf Gesamtberlin ausgedehnten Stadtplanungen entbehrten jeglicher politischer Grundlage, auch gab es nie eine einheitlichen Idee dessen, was Stadt eigentlich sein soll. Dennoch springt der Gleichklang der zeitgenössischen Bauten ins Auge. Als städtebaulicher Entwurf überdauert hat Bernhard Hermkes’ Gestaltung des Ernst-Reuter-Platzes, dessen umliegende Gebäude zu einem guten Teil die Technische Universität übernommen und als öffentliche Bauten vor dem Abriss bewahrt hat.

Als reine Kraftverkehrskreisel stellt er das Gegenteil eines urbanen Platzes dar – und verkörpert das Leitbild seiner Entstehungszeit, als die West-Berliner KFZRate erst bei einem Auto pro 16 Einwohner lag. Senator Schwedler nahm für die ferne Zukunft einen „Saturierungsgrad“ von 1:5 an, heute kommt ein Auto auf zwei Berliner.

Das Telefunkenhochhaus von Schwebes und Schoszberger gewährte dabei den Ausblick, der Hermkes’ Platzgestaltung erst erkennbar macht – aus jener Vogelperspektive, mit der die im Tabularasa-Denken befangenen Planer den urbanen Raum wahrnahmen. Der parallel zur „Interbau“ veranstaltete, ebenfalls vom Bund mitgetragene „Wettbewerb Hauptstadt Berlin“ von 1957/58 unterstrich diese herrische Geste. Es kennzeichnet die Realität des Nachkriegs-Berlin, dass beinahe nichts von diesen Plänen umgesetzt wurde. Drei Jahre später wurde die Mauer gebaut.

Bemerkenswert sind auch andere öffentliche Bauten, die in den fünfziger Jahren entstanden. Den Auftakt machte der Konzertsaal der Hochschule für Musik an der Hardenbergstraße, der sich mit seiner Glasfront und dem von außen einsehbaren abstrakten Wandbild programmatisch von der benachbarten wilhelminischen Hochschule der Künste absetzt (Paul Baumgarten, 1949/54). Auch Fritz Bornemanns Deutsche Oper an der Bismarckstraße und Hans Scharouns Philharmonie, wiewohl erst nach 1960 fertiggestellt, reichen mit ihren Entwürfen weit in die fünfziger Jahre zurück.

Wegweisend war der amerikanische Einfluss. Die Architekten der Nachkriegszeit orientierten sich an den Entwicklungen in Übersee, wo Emigranten wie Walter Gropius die Tradition des Neuen Bauens der Weimarer Zeit weiterführten. Das Amerikahaus am Bahnhof Zoo war zu Zeiten der „Interbau“ gerade fertiggestellt worden. Und bereits 1954 öffnete die Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg ihre Pforten für die hierzulande unbekannten Freihandmagazine. Sie entsprechen den Leitworten der Zeit von Offenheit, Transparenz, Demokratie, wie sie in all den aufgeständerten, verglasten Erdgeschosszonen zum Ausdruck kommen.

Zu nennen ist natürlich auch der unlängst strahlend restaurierte Henry-FordBau der Freien Universität (Sobotka und Müller, 1951/54), der in seinem kraftvollen Fassadenaufbau vom Anspruch eines amerikanisch inspirierten Campus’ kündet. Kulturell waren die USA ohnehin überaus präsent und gaben in vielen Bereichen das bewunderte Vorbild ab.

Diese die Fifties prägende Verbindung zu Amerika hat über die Jahre hinweg deutlich nachgelassen. Die Nachkriegszeit, die ihre Maßstäbe von den westlichen Siegermächten bezog, ist Geschichte geworden. Die Verheißung einer unbeschwerten Zukunft, von der die luftig-leichten Bauten von damals künden, ist selbst zum architektonischen Erbe geworden. Mit der deutlichen Verminderung des Baubestands der fünfziger Jahre tritt ihr Wert umso deutlicher hervor: als Denkmal einer Zeit, die viele nur mehr vom Hörensagen kennen.

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