Kultur : Architektur: Bitte keine Fußleisten. Und keine Steckdosen!

Bernhard Schulz

Auf dem Klebeschild neben der Fahrstuhltür steht: "Aufzug im Brandfall nicht benutzen". Nicht ungewöhnlich - ungewöhnlich nur die klobigen Buchstaben, wie sie im Alltagsgebrauch nicht vorkommen.

Das hat Stil. Die spezielle Typografie ist ein Markenzeichen des Schweizer Künstlers Rémy Zaugg, und der wiederum ist so etwas wie der heimliche Partner des Baseler Architektenbüros von Jacques Herzog und Pierre de Meuron, die wiederum mit der Verleihung des diesjährigen Pritzker-Preises in den Olymp der Gegenwartsarchitektur aufgestiegen sind. Herzog & de Meuron sind dafür bekannt, dass sie ihre Projekte bis ins letzte Detail zu gestalten pflegen, und so ist Rémy Zaugg mit der Typografie am jüngsten Bauvorhaben des Baseler Duos beteiligt, den "Fünf Höfen" in München.

Schon der ein wenig geheimnisvolle Name lässt ahnen, dass hier im Herzen der bayerischen Metropole nicht einfach eine weitere Shopping Mall entstanden ist, als deren Edelversion sie sich - auf teuerstem Baugrund an die noble Theatinerstraße grenzend - beim Durchwandern entpuppt. Vielmehr könnte man die inzwischen zu drei Fünfteln fertig gestellten "Fünf Höfe" als Antipoden zur "debis"-Stadt am Potsdamer Platz bezeichnen: Galt es in Berlin, etwas Neues in eine jahrzehntelange Brache zu implantieren, so umgekehrt in München, ein dicht bebaute Areal durch eher chirurgische Eingriffe aufzumöbeln. In beiden Fällen wurde die "Stadt", sofern man darunter vorrangig Nutzungen wie Einzelhandel und Büros versteht, ergänzt und erweitert.

Herzstück des mit 78 000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche zumal für die kleinteilige Münchner Struktur enormen Vorhabens aber ist eine Kunsthalle: die der Hypo-Kulturstiftung, die vom heutigen Freitag an ihre Pforten geöffnet hat. Sie existiert als Institution seit 1983, residierte bis vor 16 Monaten ein paar Hausnummern weiter in einer früheren Schalterhalle des namensgebenden Bankhauses und wuchs im Laufe der Jahre mit 54 Ausstellungen und 4,4 Millionen Besuchern zu einem gewichtigen Mitspieler der Münchner Kunstszene heran.

Von Anfang an stand fest, dass die publikumsträchtige Kunsthalle ein neues und größeres Domizil erhalten sollte. Das Gesamtvorhaben indessen, zu dem bereits 1994 ein erster Wettbewerb veranstaltet wurde, erfuhr in Folge der Fusion der Hypo- mit der Vereinsbank - und wohl auch in Folge der dabei zu Tage tretenden Milliardenverluste des baufreudigen Fusionspartners im Immobilienbereich - eine tiefgreifende Umplanung. Die vereinigte Bank benötigte bei weitem nicht mehr den Platz, den die Hypo allein als Ersatz für verstreute Dependancen zu gewinnen hoffte, und zugleich fiel der erste Siegerentwurf von Herzog & de Meuron mit seinem massiven Ersatz vorhandener Bauten durch neue und, vorsichtig ausgedrückt, markante Baublöcke der bewahrungsfreudigen Münchner Grundbefindlichkeit zum Opfer. Das Ergebnis war ein modifiziertes Raumprogramm, in dem die Bank nurmehr einen Nebenplatz beansprucht, und zudem ein neuer Baseler Entwurf, der mit einem Mal nahezu alle Altbausubstanz erhielt, aber durch ein ausgeklügeltes System von Passagen und Öffnungen - besagten "Fünf Höfen" - erschließt und den Gestaltungswillen hauptsächlich aufs Blockinnere richtet.

Der kühle Blick ist streng und chic

Nur zur Theatinerstraße zeigt sich eine neue Fassade - so eigenwillig, dass Volkes Stimme ihr sogleich den Spitznamen "Kettenhemd" verlieh. Es handelt sich um durchlöcherte Bronzepaneele, die sich geschossweise über den dahinter liegenden Fenstern wie Läden klappen und zur Seite schieben lassen. So ergibt sich, je nach Wind, Wetter und Laune der Nutzer, ein beständig wechselndes Erscheinungsbild aus geschlossenen und geöffneten Flächen. Auch im Gebäudeinneren finden sich "Kettenhemd"-Raumteiler, einmal sogar kombiniert mit einem tröpfelnden Wasservorhang.

Unten an der Straße liegt ein eher unscheinbarer Eingang mit dem gegen das Bronzebraun blitzenden weißen Schriftzug "Fünf Höfe". Und zur Seite in diesem ersten Abschnitt der Shopping Mall befindet sich, ebenso lapidar hervorgehoben, der Eingang zur Hypo-Kunsthalle. Aber zur Kunst kommt man heutzutage nicht mehr auf direktem Wege, und auch in dieser Hinsicht erweist sich das Konzept von Herzog & de Meuron auf der Höhe der Zeit. Konsum, Kaffeepause und Kunst sind unmerklich, aber zugleich untrennbar miteinander verwoben. Der Kunstfreund muss erst das edel gestylte Café im ersten Obergeschoss durchqueren - von dem aus er die Konsumenten in der Passage beobachten kann -, ehe er ein Stockwerk höher die nunmher 1185 Quadratmeter messenden Ausstellungsräume erreicht. Diese wiederum haben Herzog & de Meuron in jenem makellosen Minimalismus gestaltet, der schon ihre früheren Museumsbauten, angefangen mit dem Haus der Privatsammlung Goetz in München bis zum Sensationserfolg der Londoner Tate Modern im vergangenen Jahr, turmhoch aus der Masse des Gewöhnlichen heraushebt - und zugleich verstehen lässt, warum sich ein Edelmodekonzern wie "Prada" neuerdings der Dienste der Baseler Asketen versichert.

Da gibt es keine Fußleisten. Da stören keine Steckdosen. Da trübt kein Schatten das gleichförmige Licht, das aus den ingeniösen Lichtdecken in alle Ecken der unterschiedlichen, aber jeweils stimmig dimensionierten Ausstellungsräume fällt. Da kommt die Kunst ohne alle Schnörkel zur Geltung - und droht in der Eröffnungsausstellung unter dem Titel "Der kühle Blick. Realismus der zwanziger Jahre" beinahe zum Opfer dieser calvinistisch gnadenlosen Qualitätsstrenge zu werden. Denn die 180 Gemälde, die Routinier Wieland Schmied aus aller Welt geliehen hat, hängen gleichförmig nebeneinander, auf unerbittlich gleicher Höhe, mit gleichem, ein wenig zu dichten Abstand zum Nachbarn, durch alle acht Säle hindurch wie Perlen auf einer Schnur. Das Gegenteil der heutzutage grassierenden Inszenierungswut hat Schmied versucht, aber so ist die Ausstellung eine Art Lexikon an der Wand geworden. Noch dazu hat der einstige Berliner daad-Chef und nachmalige Münchner Akademiepräsident Schmied, der seit einem Vierteljahrhundert die gegenständliche Malerei der zwanziger und dreißiger Jahre wieder und wieder vorgestellt hat, die herkömmliche Einteilung in einzelne Strömungen oder nationale Zugehörigkeiten aufgegeben und stattdessen eine motivische Ordnung unternommen, bei der nur Porträt neben Porträt, Stadtansicht neben Stadtansicht, Grünpflanze neben Grünpflanze und am Ende auch Verruchtes neben Verruchtem hängt. All die schönen kategorialen Unterscheidungen, die Schmied stets umkreist hat, vom Magischen Realismus und der pittura metafisica bis zur Neuen Sachlichkeit und dem Verismus, sie schimmern in der Münchner Reihung zwar durch, aber werden für denjenigen Betrachter, der sie nicht kennerisch aufzurufen weiß, visuell nicht fassbar.

Fast scheint es, als müsse Schmied mit der Fülle seines Materials noch einmal die realistische Malerei gegen die Widersacher ihrer Zeit, gegen Surrealismus und Abstraktion rechtfertigen. Das mag in München - wo die Ausstellung allein zu sehen ist - angehen; im Lichte der breit angelegten Untersuchungen eines Vierteljahrhunderts, ob in Berlin, Paris oder London, ist das Resultat zu wenig pointiert, ja schlicht zu wenig erkenntnisfördernd, um in die Annalen einzugehen wie Schmieds entsprechender Beitrag zur Europaratsausstellung in Berlin 1977.

Die mittlerweile bekannten Namen sind auch diesmal vertreten, von Dix über Schad bis Beckmann, von Carlo Carra bis Mario Sironi, von Carl Grossberg bis Alexander Kanoldt, dazu als Ahnherren und Säulenheilige des Unternehmens Picasso und Léger.

Aber, weit wichtiger: Es fehlt etwas für die zwanziger Jahre Konstitutives. Schmied räumte es bei der Vorbesichtigung ein: Es fehlt der gesellschaftskritische Stachel, das politische Engagement. Ohne sie ist der Realismus jedenfalls in Deutschland nicht zu denken, sie bildeten überhaupt den Antrieb, von den Formexperimenten des Expressionismus und der Abstraktion abzurücken und auf die Wirklichkeit zuzugehen. Das Grundgefühl der Münchner Ausstellung ist hingegen das Mondäne oder zumindest Privatistische. So verführt gleich der erste Saal mit zahlreichen Art-Déco-Bildern von Tamara de Lempicka, die zwanziger Jahre tatsächlich für jenes mondäne Gesellschaftsspiel zu halten, als das es ihre Protagonisten bisweilen ausgaben, wann immer sie der ernüchternden Realität entfliehen wollten.

Derlei Einäugigkeit wird dem - ohne Risiko vorauszusagenden - Erfolg der Ausstellung keinen Abbruch tun, sie ist ja voller optischer Glanzlichter, zumal in solch perfekten Räumen. Beim Hinausgehen wird der Besucher automatisch durch den Kunsthallen-Buchladen im Erdgeschoss geschleust. Da verwandelt er sich wieder in den Konsumenten, der nebenan teure Mode ersteht oder im südländisch inszenierten "Maffeihof" einen edlen Kaffee schlürft. Der Himmel über den offenen Passagen lacht weiß-blau, er ist perfekt wie die Architektur, und wenn die 270 Millionen Mark teuren "Fünf Höfe" in zwei Jahren zur Gänze fertiggestellt sein werden, wird man die nahtlose Vereinigung von Kommerz, Kunst und Urbanität unter der Richtschnur allererster Qualität wohl nicht einmal mehr staunenswert finden.

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