Architektur : Faszination der Lichtfassaden

Ein Architekturgespräch in der Akademie der Künste: Tim Edler stellte bei einem Werkvortrag die Arbeit von realities:united "an der Schnittstelle von Kunst, Architektur und Kommunikation" vor.

Jürgen Tietz

Wenn es Nacht wird in den Metropolen der Welt, fangen sie erst richtig an zu leuchten. Dass Medienfassaden dabei mehr können, als grelle Werbebotschaften in die Stadt zu senden, beweisen Tim und Jan Edler von realities:united. Bekannt geworden ist das Berliner Duo mit „BIX“, der Medienfassade für das Kunsthaus in Graz. Es ist eine computergesteuerte Lichtinstallation, die die Fassadenhaut der amorphen Architekturplastik in einen Bildschirm verwandelt.

Kürzlich mit dem Förderpreis Baukunst des Kunstpreises Berlin ausgezeichnet, hat Tim Edler bei einem Werkvortrag in der Akademie der Künste am Pariser Platz nun die Arbeit von realities:united „an der Schnittstelle von Kunst, Architektur und Kommunikation“ vorgestellt. Bewusst verzichten sie bei ihren Projekten auf die Präzision hochauflösender Bildschirme. Stattdessen arbeiten sie mit konventionellen Leuchtröhren und versuchen so, einen größeren Abstraktionsgrad zu schaffen und der „Alterungsgeschwindigkeit der Technik“ aus dem Weg zu gehen: „Ansonsten wirken die Fassaden nach fünf Jahren gammelig.“ Mit ihrer Installation SPOTS haben sie 2005 in Berlin für ein leer stehendes Bürohaus am Potsdamer Platz Aufmerksamkeit geschaffen. Als Werbemaßnahme verstehen sie diese Lichtfassade nicht, sondern als Kunst. Dementsprechend war sie wie bei den Öffnungszeiten eines Museums montags ausgeschaltet.

Werbenah sind ihre Arbeiten gleichwohl. Bei einem 2008 fertiggestellten Geschäftshaus in Singapur nimmt ihre Lichtinstallation Farben und Helligkeit der Bilder eines Werbebildschirms auf und verwandelt sie in eine abstrakte Farb-Licht-Komposition, die sich über die ganze Fassade zieht. Es ist eines der Projekte, die Nadin Heinich und Franziska Eidner in ihrem Buch „Sensing Space“ (Jovis Verlag, 22 Euro) über „Technologien für Architekturen der Zukunft“ vorstellen. Sind Medienfassaden also „die ersten tapsigen Schritte zu einer beweglichen Architektur“, wie Edler vermutet? In der abschließenden Diskussionsrunde ließ er das Unbehangen an der eigenen Arbeit spürbar werden: „Wir sind nicht komplett froh über manche Projekte.“ Schließlich können „Medienfassaden“ mehr, als grelle Lichtpunkte in die Städte zu senden. Im besten Fall fördern sie die Kommunikation über einen Ort auch mit konventionellen Mitteln. Das haben realities:united bei der Renovierung des Museums Abteiberg in Mönchengladbach gezeigt. Damit das Museum während der Bauarbeiten nicht in Vergessenheit gerät, ließen sie die Fassade des Schauspielhauses im Stadtzentrum mit einer bedruckten Museumsfassade verkleiden. Eine wirkungsvolle Täuschung: „Es kamen fast genauso viele Besucher in das Museum ohne Kunst, wie sonst in das richtige Museum.“

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