Architektur : Parlamentarierrennstrecke

Mehr Kunst an Bundesbauten: Die Wettbewerbsarbeiten für die Erweiterung des Deutschen Bundestags sind im Kunstraum des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses zu besichtigen.

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Wettbewerbe sollen für mehr Kunst bei der der Erweiterung des Deutschen Bundestages sorgen. So könnte das Foyer bald aussehen. Eine Bildergalerie.Alle Bilder anzeigen
Foto: Kunst im Deutschen Bundestag
23.07.2010 14:55Wettbewerbe sollen für mehr Kunst bei der der Erweiterung des Deutschen Bundestages sorgen. So könnte das Foyer bald aussehen....

Derzeit ist an der Ecke Wilhelmstraße/Dorotheenstraße vor allem eine Baustelle zu sehen. Das Eckgebäude, das 1974 bis 1976 als Außenstelle des DDR-Außenministeriums erbaut wurde und unter Ensembleschutz steht, wird seit 2008 von den Freudenstädter Architekten Lieb + Lieb als Erweiterung des Deutschen Bundestags umgerüstet, erhält eine Glasfassade, ein offenes Atrium und einen Tunnel, der es mit dem gegenüberliegenden Jakob-Kaiser-Haus verbinden soll. 210 Abgeordnetenbüros sollen hier entstehen, dazu die Ausweisstelle und die Presseakkreditierung.

Weil der Bund bei allen Bauvorhaben zwei Prozent der Bausumme für Kunst am Bau ausgibt, gibt es nun im Kunstraum des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses die Ergebnisse zweier Wettbewerbe zu besichtigen. Gefragt war die Ausgestaltung von Tunnel und Foyer sowie ein landschaftsarchitektonischer Entwurf mit Kunstbeitrag zum Innenhof, den man derzeit durch die Baulücken gerade einmal ahnen kann. Besonders die Ausschreibung für die Hofgestaltung glich allerdings einer Quadratur des Kreises, wie Hinnerk Wehberg, der vorsitzende Preisrichter des Wettbewerbs launig ausführt: Es galt, 17 Pkw-Stellplätze sowie 80 Fahrradstellplätze unterzubringen, dazu sechs große Mülltonnen, außerdem ragen Belüftungselemente aus dem Boden und das Gelände endet recht abrupt an der Brandmauer der Ungarischen Botschaft. Aufenthaltsqualität sollten die Entwürfe trotzdem haben. Und allzu teuer durften sie auch nicht werden. Ach ja, und es gab noch gewissen Alt-Baumbestand, der natürlich auch zu erhalten war.

Die beiden Schweizer Entwürfe, die am Ende mit Preisen bedacht wurden, greifen angesichts der Vielzahl von Anforderungen auf Bewährtes zurück. Mehr oder weniger lichte Haine, wahlweise aus 56 Hainbuchen (Vogt Landschaftsarchitekten, Zürich, 2. Preis) oder aus einer Vielzahl von Kleinbäumen unterschiedlicher Hartriegelarten (Hager Landschaftsarchitekten Zürich, 1. Preis). Dazu schlägt Hager gemeinsam mit dem ebenfalls Schweizer Künstler Beat Zoderer einen kreisförmigen Pavillon auf bunten, mikadoartig schräg gestellten Stützen vor. Aufenthaltsqualität dürfte das allemal besitzen – auch wenn andere Entwürfe wie der des Münchner Büros Realgrün, die vorschlugen, einen verkleinerten Reichstag als Gartenlaube in den Hof zu stellen, mehr Witz besitzen.

Beim Kunstwettbewerb zu Tunnel und Foyer war die Aufgabe einfacher. Der einmal geknickte Tunnel, dem jeglicher Tageslicht- oder Außenweltbezug abgeht, wird von Gunda Förster (1. Preis) mittels gestaffelter gelber Lichtbögen geschickt rhythmisiert. Andere reizvolle Entwürfe waren der von Christina Kubisch, die den Tunnel mittels einer Klanginstallation beleben wollte; oder der von Bernd Kahrmann, der mittels eines außen angebrachten Lichtsensors die Veränderung des Außenlichts im Tunnel simulieren wollte (2. Preis). Und dann gibt es, unvermeidlich, immer noch die Kandidaten, die den Tunnel mit einem schwarz-rot-goldenen Laufband auslegen wollten (Benjamin Bergmann): eine Parlamentarierrennstrecke sozusagen.

Schwarz-Rot-Gold taucht auch in Maik und Dirk Löbberts Entwurf für das Foyer auf, der aber ebenso wenig chancenreich war wie Tue Greenforts Berliner Sumpf, den er im Foyer mit Regenwasser anlegen wollte, oder der etwas didaktische Lichtkasten mit einer Fotografie von Schulkindern, die fasziniert einer Theateraufführung folgen, den Luca Frei aus Malmö vorgeschlagen hat. Einzig Michaela Meises mehrteilige Installation aus Keramikfliesen Berliner Gebäude hat einen sinnvollen historischen Ortsbezug. Gewonnen jedoch hat der Schweizer Peter Wüthrich, der zwei bunte Farbtafeln aus jeweils 300 Büchern vorschlägt, die an die Wand montiert werden. Eine „Bibliothek für Parlamentarier“ und gleichzeitig ein kräftiges Bekenntnis zum Sinnträger Buch. Damit dürfte sich jeder anfreunden können.

Ausstellung der Wettbewerbsarbeiten im Kunst-Raum des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses, Schiffbauerdamm, bis 12. September, Di bis So, 11 bis 17 Uhr

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