Architekturbiennale Venedig : Wer angekommen ist, will bleiben

Bei der Architekturbiennale in Venedig wird über Migration und Wohnungsbau diskutiert. Kurzzeit-Unterkünfte helfen wenig und sind nicht ökonomisch.

von
Die Wohnanlage „Übergangswohneinrichtung“ der Bremer Architekten Feldschnieders + Kister.
Die Wohnanlage „Übergangswohneinrichtung“ der Bremer Architekten Feldschnieders + Kister.Architekten BDA Feldschnieders + Kister

In der Sommeridylle der Giardini, des schlicht „Gärten“ genannten Areals der Biennale von Venedig, wirken die Probleme der Welt beruhigend fern. Dabei ist in diesem Jahr, da die Nationen-Pavillons turnusmäßig die Architektur ihres jeweiligen Landes vorführen, die Weltlage präsenter als je zuvor. Das große Thema sind die weltweiten Migrantenströme, die innerhalb Europas zur Flüchtlingskrise angewachsen sind. Wie in der realen Politik, spielt auch im Konzert der Länderpavillons der deutsche Beitrag eine Vorreiterrolle: Er dreht sich ganz und gar um das Ankommen und die Unterbringung von Flüchtlingen. So lag es nahe, dass die Veranstaltungsreihe zum Thema „Utopia in einer endlichen Welt“ am Wochenende ihren Abschluss in den luftigen Räumen des Deutschen Pavillons fand.

„Hier ist political correctness in Perfektion zu sehen“ streute Ewald Engelen von der Universität Amsterdam ein wenig Salz ins allgemeine Wohlgefühl, das die Biennale-Länderbeiträge verbreiten. Etliche Beiträge überbieten sich darin, ökologisch korrekte, nachhaltige Architektur zu zeigen, und die von dem chilenischen Biennale-Kommissar Alejandro Aravena verantwortete Zentralausstellung im Arsenal, dem zweiten Biennale-Ort, wartet mit einer Fülle von Beispielen pfiffiger, materialsparender und emissionsarmer Konstruktionsweisen auf, die allerdings eher für Selbstbauprojekte geeignet erscheinen als für das durchnormierte Bauen in post-industriellen Anspruchsgesellschaften.

Temporäre Unterkünfte nicht ökonomisch

Die Wände des Deutschen Pavillons unter dem Motto „Making Heimat“ sind mit Thesen bedeckt, die sich aus dem Erfolgsbuch des kanadischen Journalisten Doug Saunders, „Ankunftsstadt“, herleiten. Saunders hat in griffige Formeln gefasst, was zur erfolgreichen „Ankunft“ von Migranten beiträgt. Von Integration spricht Saunders nicht, auch nicht von der Herkulesaufgabe der Unterbringung, die in einem Sozialstaat wie Deutschland deutlich höheren Anforderungen genügen muss als in der von neoliberalem Laissez-faire geprägten, angelsächsischen Heimat des Autors. Jan Robert Kowalewski, Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte, machte im Gespräch mit Peter Cachola Schmal und Oliver Elser vom Deutschen Architekturmuseum Frankfurt, den Kuratoren des Deutschen Pavillons, deutlich, dass die Investition in temporäre Unterkünfte, wie sie derzeit durch alle Diskussionen geistert, schlichtweg nicht ökonomisch ist. Das Land Berlin mietet Unterkünfte – nicht für gerade eintreffende Flüchtlinge, sondern für Migranten mit Aufenthaltstitel – für die Dauer von drei Jahren, zweimalige Verlängerung auf maximal neun Jahre ist möglich. Die Wohnungsgesellschaften jedoch müssen für die normale Lebenszeit eines Gebäudes bauen, also für 60 und mehr Jahre.

Der Bremer Architekt Tobias Kister, Vierter in der venezianischen Gesprächsrunde, hat mit seinem Büro Feldschnieders + Kister eine ganze Reihe temporärer „Übergangswohneinrichtungen“ in Arbeit. Es handelt sich um Bauten, die sich, sollten sie nicht mehr für Flüchtlinge benötigt werden, in ganz normale Wohnungen umwandeln lassen, beispielsweise durch Zusammenlegung von Einzelzimmern zu Mehrraumwohnungen. So ist der Komplex „Am Rastplatz“ in Holzrahmenbauweise errichtet, also zudem ökologisch wegweisend; die Erschließung der Wohnungen erfolgt von außen über Laubengänge, was die Kosten für innen liegende Aufgänge einspart.

Flüchtlinge werden in bezogenen Wohnungen bleiben

Kowalewski, übrigens Architekt von Beruf, gibt zu bedenken, dass ein Großteil der temporär untergebrachten Flüchtlinge, wenn sich für sie eine Perspektive auf Dauer ergibt, ohnehin in den einmal bezogenen Wohnungen bleiben werden. Bis zu 70 Prozent der Flüchtlinge sind alleinstehende junge Männer, die, einmal mit Aufenthaltsstatus versehen, ihre Familien nachholen werden; für Berlin werden 175 000 Nachzügler prognostiziert. Daraus kann man schlussfolgern, dass es nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus integrationspolitischen Gründen geboten ist, auf flexible und langfristig nutzbare Wohnbauten zu setzen.

Damit erledigt sich auch die Forderung, Bau- und Ausstattungsstandards zu senken. Kowalewski erläutert, dass die Wohnungsgesellschaften enorme Mittel in die Modernisierung ihres Bestandes investieren, vor allem um Barrierefreiheit zu ermöglichen, also Zugänglichkeit auch bei eingeschränkter Mobilität. Das betrifft zum Beispiel Aufzüge, die genau auf Geschossniveau halten – und nicht, wie im Ost-Plattenbau häufiger, auf „halber Treppe“. Wir leben in einer alternden Gesellschaft, ganz unabhängig davon, ob und wie viele Migranten Aufnahme finden. Der Bedarf an barrierefreien Wohnungen steigt und steigt – das ist so ziemlich die sicherste Prognose, die sich im Wohnungssektor stellen lässt.

Modulare Bauweise in Kritik

In München wird derzeit an einem größeren Bauprojekt empirisch erprobt, welche Einsparmöglichkeiten es tatsächlich gibt. Ein enormer Posten ist der Tiefgaragenbau zur Erfüllung der Stellplatzverordnung. Aber auch die Zahl der Aufzüge kann verringert werden, und für überkomplexe Installationen lassen sich günstigere Lösungen finden. Maximal dürfte das Einsparpotenzial bei einem Viertel der herkömmlichen Baukosten liegen.

Was hat die breite Diskussion um MUFs, um die „Modulare Unterbringung von Flüchtlingen“ gebracht? In Fachzeitschriften werden Entwürfe zuhauf vorgestellt. So hat die renommierte „Bauwelt“ dem Thema jüngst ein ganzes Heft gewidmet (Nr. 28–29.16, Modularbauten). „Mit dem Stapeln von Containern ist es nicht getan. Ein addierbares Modul macht noch kein Quartier“, heißt es dort ernüchternd. Insgesamt wird die modulare Bauweise ein Zusatzangebot bleiben, das den Bedarf an Wohnraum weder decken kann noch, unter stadtplanerischen Gesichtspunkten, decken soll. Denn es geht um die Schaffung von Wohnraum für eine eher wachsende und dabei aufgrund ihres Altersaufbaus immer anspruchsvoller werdende Gesellschaft; aber es geht auch um die Schaffung von lebenswerter Stadt. Der serielle Plattenbau unseligen Angedenkens kommt jedenfalls nicht wieder.

"Flüchtlingen mehr zutrauen"

Die venezianische Veranstaltungsrunde hatte sich mittlerweile ganz ins Freie unter den blauen Nachmittagshimmel verlegt. Das passte zu dem Vortrag, den Manuel Herz von der ETH Zürich über die erstaunlichen Lager hielt, in denen die aus ihrer Heimat, der von Marokko annektierten Westsahara vertriebenen Sahrauis seit 40 Jahren im benachbarten Algerien ausharren.

160 000 Bewohner haben dort in Eigenregie, ohne die UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR, ein Bildungs- und Gesundheitssystem aufgebaut, das mittlerweile bessere Ergebnisse hervorbringt als alle Länder dieser geografischen Großregion. Ist der Verbund von fünf Lagern um ein gemeinsames Verwaltungszentrum nicht eher eine Stadt als ein Lager? Die Grenzen sind fließend, so fließend wie die zwischen „fremd“ und „einheimisch“, mit denen sich das Einwanderungsland Deutschland abplagt. „Man kann den Flüchtlingen viel mehr zutrauen“, fasst Herz seine jahrelange Beschäftigung in einen emphatischen Satz.

Nun kann man die Erfahrungen eines dauerhaft gewordenen Selbstbau-Lagers gewiss nicht auf hochkomplexe Gesellschaften übertragen, die zu ihrem – als selbstverständlich eingeforderten – Funktionieren ein erhebliches Maß an Anpassung und Regelbefolgung verlangen. Doch Anpassung bedeutet Flexibilität; mehr, als gemeinhin zugestanden wird.

Deutsche Beharrungsgesellschaft

Ein Beispiel, nochmals aus dem deutschen Alltag: Die Wohnungsbaugesellschaften versuchen, mit Nachverdichtung ihrer Siedlungen dem steigenden Bedarf nachzukommen. Überall jedoch, so Kowalewski, schlägt ihnen seitens der Bestandsmieter Ablehnung entgegen. Niemand will in seiner Nachbarschaft Baumaßnahmen etwa zur Gebäudeaufstockung. „Die bei uns wohnen, haben es gut“, konstatiert Kowalewski, „und die noch nicht bei uns wohnen, werden immer schlechter gestellt. Der Bestandsschutz wird immer umfassender.“

Besser kann man die Beharrungsgesellschaft, mit Blick auf ihr zunehmendes Alter und ihre abnehmende Veränderungsbereitschaft, nicht beschreiben. Es läuft alles nach dem Motto: Wir hier drinnen – ihr da draußen. Das deutsche Problem reicht weit, sehr weit über die Flüchtlingsfrage hinaus.

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben