Kultur : Ariadnefaden der Geschichte

Auf den Spuren Walter Benjamins: Die Künstlerin Aura Rosenberg vollendet ihr Projekt zur „Berliner Kindheit“ mit einem Buch

Peter Herbstreuth

Das transatlantische Werk der Fotografin Aura Rosenberg ist hier zu Lande nicht mehr ganz unbekannt, hat sie doch Teile ihrer Fotoserien und Texte hier vorgestellt. Aber nun hat sie in Berlin recherchiert, und das Ergebnis dieser Arbeit handelt von „Generationsorten“. So jedenfalls nennt die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann jene Orte, deren Geschichte Familien betreffen und deren Gedächtnis in unterschiedlichen Generationen aufbewahrt ist. Als Aura Rosenberg 1991 mit ihrer zweijährigen Tochter Carmen und dem Künstler und Theoretiker John Miller auf Einladung des DAAD von New York nach Berlin kam, entdeckte sie Walter Benjamins „Berliner Kindheit“ von 1933 als Leitfaden für ihre Spaziergänge. Benjamins Blick auf Orte des Alltags und der unbefangene Blick der Tochter wurden Rosenbergs Begleiter. Mit Benjamin lernte sie nicht nur die Stadt kennen, sondern auch die deutsche Sprache.

Die Familie der Künstlerin war 1933 aus Deutschland geflohen. In Berlin findet sie das Kaiserpanorama, die Balkone, die Plätze des Tiergartens und manche Geräusche und Gerüche aus den Erzählungen der Großmutter. Rosenberg schreibt Benjamins „Berliner Kindheit“ als visuelle und literarische Korrespondenz fort, indem sie ihre Wahrnehmung in der Geschichte verankert und die Gegenwart aus dem Blickwinkel ihrer Tochter ins Zentrum rückt. Das Geflecht der Bezüge dieser Spurensuche macht ihr Werk zum Dokument deutsch-jüdischer Re-Visionen. Der Ariadnefaden der Geschichte ist nicht gerissen. Er wird weiter gesponnen. Damit ist das glossierte Fotobuch neben „Haupt- und Nebenwege“ von Heinz Berggruen und „Die unsichtbare Mauer“ von Michael W. Blumenthal zu stellen, müsste man nicht hervorheben, dass sich bei Rosenberg Blick und Stimme der Enkel und Urenkel artikulieren. Die beiläufige Ironie, dass gerade eine sprachbewusste Fotografin mit Namen Aura dem Vordenker der Reproduktionstechniken und des Aura-Diskurses eine Antwort auf die „Berliner Kindheit“ schenkt, hätte den Opa der Modernereflexion wohl ins Grübeln gebracht.

Aura Rosenberg: Berliner Kindheit. 176 Seiten, Steidl Verlag, Göttingen, 2002; 38 Euro.

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