Armenien und seine Musik : Heimat des Schmerzes

Musik war stets der stärkste Ausdruck der Armenier. Sie ist auch eine Waffe gegen das Schweigen über den Völkermord.

Stefan Schomann
Am 24. April 2016 erinnert ein Demonstrationszug in Istanbul an die osmanischen Massaker an den Armeniern.
Am 24. April 2016 erinnert ein Demonstrationszug in Istanbul an die osmanischen Massaker an den Armeniern.Foto: REUTERS

Die deutsch-türkische Partnerschaft dürfe nicht am Schweigen über den Völkermord an den Armeniern zerbrechen. So heißt es in einem Offenen Brief zur anstehenden Bundestagsresolution über „die Vertreibung und Vernichtung der Armenier im Osmanischen Reich“ vor hundert Jahren, die Sitzung ist für den 2. Juni angesetzt. Gut vierzig Kulturschaffende haben den Appell unterzeichnet; federführend sind der Komponist Marc Sinan und die Dresdner Sinfoniker, die seit Jahren Gemeinschaftsprojekte türkischer, armenischer und deutscher Künstler zu Gehör bringen.

Es ist kein Zufall, dass vor allem Musiker diesen Vorstoß unternommen haben. Zum einen geht das Abstreiten des Völkermordes tatsächlich mit akustischen Ausfallserscheinungen einher. Die Nachgeborenen stellen sich taub und weigern sich, einander zuzuhören. Zum anderen spielt Musik als ein Medium der Selbstbehauptung für die Armenier seit jeher eine herausragende Rolle. Weder Erdbeben noch Raubzüge vermochten ihr etwas anzuhaben, und sie überstand auch die Invasionen von Persern, Arabern, Mongolen, Turkmenen und Türken.

Als Westeuropäer glaubt man erst an einen Druckfehler, wenn bei manchen Gesängen ein Komponist aus dem 5. Jahrhundert genannt wird – fehlt da nicht die Zehnerzahl? Doch nein, die Ursprünge dieser Musik reichen tatsächlich so unvorstellbar weit zurück. Aber durch die Massenmorde während des Ersten Weltkriegs und sieben Jahrzehnte Sowjetherrschaft war die Verbindung zu diesem Kulturkreis weitgehend unterbrochen – sodass die Welt seine Reichtümer erst jetzt entdeckt.

Komitas legte im Alleingang die musikalischen Schätze der Armenier frei

Dabei kündete schon einmal jemand derart inbrünstig davon, dass man in Paris, Wien und Moskau von einer „Offenbarung“ sprach. Sein Name war Komitas. 1869 geboren, wirkte er als Priester, Musikforscher und Komponist. Nach seinem Studium in Berlin legte er nahezu im Alleingang die musikalischen Schätze der Armenier frei. Er sammelte auch türkisches und kurdisches Liedgut und trug dazu bei, dass die im Osmanischen Reich kaum gewürdigte Musik als eine bedeutende Ressource verstanden wurde.

Auch bei der Erfassung der geistlichen Musik spielte er eine Pionierrolle. Bei der armenischen Kirche stieß seine Passion jedoch auf wenig Verständnis. Weltliche Konzerte wurden ihm untersagt, da ein Priester keine Liebeslieder singen dürfe. Als ihm während des Studiums eine Rolle an der Berliner Staatsoper angeboten wurde, traute er sich nicht, sie anzunehmen – die Kirche verbot bereits den bloßen Besuch eines Theaters. Später schwärzten ihn Mitbrüder gar bei der türkischen Geheimpolizei an.

Das war 1912, als er in Konstantinopel einen dreihundertköpfigen Chor leitete. Der sogar Wohltätigkeitskonzerte fürs Militär und Benefizabende für die Jungtürken gab, denen daran gelegen war, sich als „Kulturnation“ darzustellen, während sie im Stillen schon die Liquidierung der christlichen Minderheiten planten. Eine Voraussetzung dafür war, deren Kultur zum Schweigen zu bringen.

Zusammen mit gut zweihundert führenden Köpfen der armenischen Intelligenz wurde Komitas am 24. April 1915 deportiert. Er überlebte als einer der wenigen, dank der Intervention des amerikanischen Botschafters. Doch was er in den Lagern mit ansehen musste, den Anfang vom Ende seines Volkes, das trieb ihn in den Wahnsinn. Den Rest seines Lebens brachte er in Nervenheilanstalten zu. Vergeblich legten seine Freunde ihm dort Volksinstrumente vor und spielten Grammofonplatten mit armenischen Liedern. Er saß nur misstrauisch und teilnahmslos dabei – ein erloschener Geist. Bis zur Errichtung des Mahnmals in Jerewan diente sein Grab dort als inoffizieller Treffpunkt am Gedenktag für die Opfer des Genozids, eben jenem 24. April.

Für jeden Musiker armenischer Herkunft stellt Komitas eine Art Stammvater dar. Marc Sinan hat ihm am Maxim Gorki Theater unlängst eine Videoinstallation gewidmet. Auch Tigran Mansurian hat viele seiner Lieder bearbeitet und eingespielt: „Komitas ist immer um mich.“ Mansurian gilt als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten; einer der heutzutage seltenen Fälle, in denen ein Musiker als Medium seines Volkes wirkt. Aber nicht als chauvinistischer Einpeitscher, sondern durch die Beseelung der Tradition und ihre Durchdringung mit existenzieller Wahrheit.

Hrant Dink sah Musik als Gegengift für ethnische Konflikte

Für eine Nation, die über Jahrhunderte den über sie herrschenden Völkern ausgeliefert gewesen sei, erläutert er, bedeute Musik ein hohes Gut, als Ausdruck der eigenen Identität wie auch zur Besänftigung der Nachbarn. Und so spielt sie auch eine tragende Rolle in der Kulturpolitik des armenischen Staates. „Musik, Kunst, Frieden – darin liegt die Zukunft für unser Land“, erklärt Sona Hovhannisyan, Leiterin der „Perspektiven“, des hochkarätigen Musikfestivals von Jerewan. Auch Hrant Dink, bis zu seiner Ermordung eine der geachtetsten Stimmen der türkischen Armenier, huldigte dieser Utopie und sah Musik als „Gegengift für ethnische Konflikte. Früher hat jeder seine eigenen Lieder gesungen. Heute singen wir auch die Lieder unserer Nachbarn.“ Zwei Leitmotive durchziehen die neuere armenische Musik: das Exil und der Völkermord. Keine Familie, die dieser Katastrophe nicht Tribut hätte zollen müssen. Armenien wurde, wie ein Historiker es in den dreißiger Jahren ausdrückte, „zur Heimat des Schmerzes“. Ein bewegendes Zeugnis ist Mansurians Requiem. Obwohl es dem lateinischen Text der Totenmesse folgt, spricht es von den Schrecken der Vernichtung und leistet musikalische Trauerarbeit. Nicht von ungefähr kam der Komponist 1939 in Beirut zur Welt, als Kind von Flüchtlingen.

Bis etwa 1870 konnte das Osmanische Reich durchaus als Paradebeispiel einer multikulturellen Gesellschaft angesehen werden. Viele zeitgenössische Musikprojekte beziehen sich auf diese andere, erfreulichere Tradition. Sie sind demonstrativ mehrsprachig und interreligiös angelegt, und sowohl die Solisten wie die Instrumente spiegeln das ganze Spektrum der Kulturen Kleinasiens. So auch das 2011 uraufgeführte Oratorium „wie eine taube“, das Ulrich Klan nach Texten von Hrant Dink komponiert hat. Er ist einer der besten westlichen Kenner der armenischen Musikszene. Zudem führt er den Vorsitz der Armin T. Wegner Gesellschaft, die das Andenken jenes deutschen Schriftstellers ehrt, dessen erschütternde Bilder und Berichte ihn zu einem Kronzeugen des Genozids machten.

Auf Deutsch, Türkisch, Armenisch und Kurdisch plädiert dieses Oratorium für eine Verständigung im Geiste Dinks. Doch die offizielle Türkei will davon nichts hören. Eine geplante Aufführung in Istanbul kommt vorerst nicht zustande. „Kein Veranstalter traut sich da ran“, so Klan, „die stehen alle unter massivem Druck.“ Einschüchterungsversuche der Regierung sind inzwischen weltweit Routine. Weil die Dresdner Sinfoniker ein von der Europäischen Union mitfinanziertes Projekt über die Tragödie der Armenier initiierten, wurde der EU-Botschafter der Türkei in Brüssel vorstellig, um ihnen die Förderung zu entziehen. Eine Aufführung von Mansurians Requiem in Mexiko versuchte der dortige türkische Botschafter vor einem halben Jahr zu verhindern.

Wenn jemand einen Weg weisen kann, um das erbitterte Totschweigen historischer Gräueltaten zu überwinden, dann ist es eine Gestalt wie Hrant Dink. Der Staatsbürgerschaft nach war er Türke, der Muttersprache nach Armenier und dem Herzen nach ein großer Humanist. Klans Oratorium greift eine Schlüsselstelle aus seinen letzten Kolumnen auf: „Man braucht für den Umgang mit Geschichte einen gewissen Anstand, eine Ethik. Wo beides fehlt, nützen die Dokumente wenig. Die ethische Haltung, die wir in der Armenierfrage brauchen, ist Empathie – Einfühlung.“

Der erwähnte Offene Brief ist im Internet nachzulesen unter www.aghet.eu. Hrant Dinks Vermächtnis „Von der Saat der Worte“ ist im Berliner Verlag Hans Schiler erschienen.

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