Aronofskys "Mother!" : Der Herzschlag der Wände

Er meint es verdammt ernst: „Black Swan“-Regisseur Darren Aronofsky schickt Jennifer Lawrence in seinem neuen Film „Mother!“ durch die Hölle.

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Mann und Frau, Dichter und Muse. Javier Bardem und Jennifer Lawrence in „Mother!“, der am Donnerstag in die Kinos kommt.
Mann und Frau, Dichter und Muse. Javier Bardem und Jennifer Lawrence in „Mother!“, der am Donnerstag in die Kinos kommt.Foto: Paramount Pictures

Wer es noch immer nicht begriffen hat: Darren Aronofsky versteht sich als Regisseur, der Kino mit Ausrufezeichen macht. Dieses Kino! entwickelt keine subtilen Nebenwirkungen, es ist auf einen maximalen visuellen Effekt hin inszeniert. Was sich in seinen exzessiven Bildern Schicht um Schicht an Bedeutung anlagert – beliebig offen für religiöse, psychologische und politische Deutungen –, bewegt sich dank Aronofskys ästhetischer Grandezza immer am Rande zum Camp.

Bei „Black Swan“, seinem rückblickend vielleicht interessantesten Film, funktionierten diese Stilmittel überraschend gut, weil das Psychohorrorballett über die selbstzerstörerische Kraft der Kunst in seiner eindeutigen Schwarz-Weiß-Dualität über zwei kluge Darstellerinnen verfügte. Aronofsky schien doch so etwas wie Humor in sein luftdichtes Kino! zu lassen, so frivol wie affirmativ unterspielten und überzeichneten Natalie Portman und Mila Kunis die reaktionären Rollenbilder. In „Mother!“, der gerade in Venedig von der Kritik mit Buhrufen quittiert wurde, setzt Aronofsky das Ausrufezeichen nun auch noch im Titel. Wer es nicht besser weiß, könnte die Akklamation für Selbstironie halten. Aber Aronofsky meint es verdammt ernst.

Die Rolle von Lawrence steht für die Mutter Erde

Die Mutter, gespielt von Jennifer Lawrence, brennt bereits in der ersten Einstellung im Fegefeuer. Das Eröffnungsbild steht für sich – wie eine religiöse Ikone oder eine düstere Prophezeiung, die den Film heimsucht. Es gibt der Handlung eine Rahmung vor, die „Mother!“ in quälenden 108 Minuten und mit zunehmender Niedertracht gegenüber seiner Titelfigur ausmalt. Am Ende wieder das Bild der brennenden Mutter – und dazwischen beschreibt Aronofsky in unterschiedlichen Intensitätsgraden die Zerstörung einer schwangeren jungen Frau. Als Sinnbild für Mutter Erde erklärte der Regisseur auf der Pressekonferenz in Venedig die Rolle von Lawrence.

Die Mutter lebt mit ihrem Mann (Javier Bardem), einem erfolgreichen Schriftsteller mit Schreibblockade, in einem einsamen viktorianischen Landhaus, das nur als Metapher verstanden werden kann. Es steht mitten im Wald, ohne Zufahrtsstraße und Verbindung zur Außenwelt. Trotzdem klopft eines Nachts ein Fremder (Ed Harris) an der Tür, den der Schriftsteller – keine der Figuren hat einen Namen – gegen die Einwände seiner Frau zum Übernachten einlädt. Am nächsten Tag steht auch die Frau des Fremden (Michelle Pfeiffer) im Haus, kurz darauf ihre zwei Söhne (Brian und Domhnall Gleeson). „Mother!“ insinuiert zunächst die Absurdität eines Beckettschen Dramas. Immer mehr Fremde kommen ins Haus und bleiben einfach, sie huldigen dem genialen Schriftsteller, essen den frisch gebackenen Kuchen und pinkeln im Stehen.

Dass das Haus ein Eigenleben führt, deutet der Film früh an. In einem Feuer starb die erste Frau des Schriftstellers, nur einen ominösen Kristall konnte er aus der schwelenden Ruine retten. Die Mutter hat das Landhaus hübsch wieder hergerichtet, aber ihre unsichtbare Verbindung nimmt obsessive Züge an. In den Wänden fühlt sie einen Herzschlag, im Dielenboden klafft eine blutende, vagina-artige Wunde. Die Gleichsetzung von weiblicher Subjektivität mit Schwangerschaft und Wahnzuständen hat sich Aronofsky von Polanski („Ekel“, „Rosemary’s Baby“) abgeguckt, auch die anderen Genreversatzstücke sind bloße Zitate – von „Shining“ bis zum britischen Gothic Horror.

Keine Erlösung, sondern immer nur neue Schockbilder

Aronofsky lässt diese Bilder und Motive in „Mother!“ gnadenlos eskalieren. Lawrence’ Figur wird zur Gefangenen in den eigenen vier Wänden, die Invasion wildfremder Menschen hat irgendwann tatsächlich den Charakter eines Ausnahmezustands. Draußen donnern Explosionen, im Wohnzimmer schlagen Polizisten einen wütenden Mob zurück. Matthew Libatiques Kamera umkreist die verzweifelte Mutter orientierungslos, später im Chaos regelrecht entfesselt – gedreht wurde fast ausschließlich auf 16 Millimeter. Die rohe Körnigkeit der Bilder verleiht dem absurden Höllenszenario einen naturalistischen Look.

Doch sobald die latenten Gewaltbilder, die der Film heraufbeschwört, klare Konturen annehmen, erweisen sie sich auch schon als pure Behauptung. „Mother! bleibt in seiner Aussage selbstreferentiell und hermetisch, so wie auch für die Menschen im Haus keine Außenwelt existiert. Aus dem Purgatorium, in das Aronofsky die namenlose junge Frau stürzt, führt kein Weg heraus. Irgendwann hat man verstanden, dass der Film nicht auf eine Erlösung hinausläuft, sondern in der Horrorlogik des Torture-Porn immer nur neue Schockbilder akkumuliert. Die Konsequenz mit der Aronofsky diese Absicht offenlegt, ist angesichts der Verachtung für Jennifer Lawrence’ Figur verstörend. Dieses Kino! produziert vor allem Fragezeichen.

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