Arsenal-Werkschau von Helena Treštíková : Die gesammelte Zeit

Zeigen, wie sich die Zeit aufs individuelle Leben auswirkt. Das Arsenal Kino präsentiert eine Werkschau der tschechischen Dokumentarfilmerin Helena Treštíková.

Isabella Reicher
Errettung der äußeren Wirklichkeit. Die Protagonistin des Langzeitporträts "Katka" wird zur tragischen Heldin ihres eigenen Lebens.
Errettung der äußeren Wirklichkeit. Die Protagonistin des Langzeitporträts "Katka" wird zur tragischen Heldin ihres eigenen...Foto: Arsenal

„Es ist dein Film, ich bin nur Statist“, sagt der junge Mann einmal trotzig. Zu diesem Zeitpunkt währt die Arbeitsbeziehung zwischen ihm und der Filmemacherin schon gut 13 Jahre. Helena Treštíková lernte den schmächtigen Punk, der wegen kleiner Diebereien einsaß, Ende der 80er Jahre während eines Fernsehprojekts über jugendliche Delinquenten kennen. Zunächst entsteht eine einstündige Episode für die Reihe „Erzähl mir etwas über dich“ (1992), am Ende geht daraus ein Kinofilm hervor, der eine Zeitspanne von 20 Jahren umfasst und nicht zuletzt das ambivalente Verhältnis von Hauptfigur und Regisseurin thematisiert.

Der Film heißt wie sein Protagonist „René“. Er wurde von der Europäischen Filmakademie mit dem Dokumentarfilmpreis gewürdigt und machte seine Regisseurin international bekannt. Helena Treštíková, 1949 in Prag geboren, studierte an der renommierten Filmhochschule FAMU, wo sie heute als Dozentin tätig ist. Mitte der siebziger Jahre begann sie beim Fernsehen zu arbeiten. Ihre erste Arbeit dort war eine Dokumentation über ein Dorf, das geflutet wurde, um als Trinkwasserreservoir für die Hauptstadt zu dienen. Den Film rahmten, so erinnerte sich die Regisseurin im vergangenen Jahr bei einer Masterclass des Crossing Europe Filmfestivals, eine Einstellung des Dorfes und eine des Sees, aufgenommen von derselben Stelle aus – im Abstand eines Jahres

Langzeitdoku über verheiratete Paare

Die Arbeit hat also schon Bezug zum Genre der Langzeitbeobachtung, dem sich die Filmemacherin ab 1980 dezidiert verschrieb und das seither als ihr Markenzeichen gilt. Damals kontaktierte sie Heiratswillige, um sie für eine TV-Dokuserie zu casten. Sie kann sechs Paare für das Vorhaben gewinnen und filmt über mehrere Jahre deren Alltag. 1987 wird die erste Staffel der „Marriage Stories“ ausgestrahlt – und ein Publikumserfolg. 20 Jahre und ein paar einschneidende politische Umbrüche später folgte eine weitere Staffel. Diese erzählt von denen, die immer noch zusammen sind, von inzwischen Geschiedenen sowie (fast) erwachsenen Kindern. Mit der Protagonistin Marcela entstand außerdem ein ergreifendes Spin-off zu dem gleichnamigen Kinofilm. Eine Fortsetzung, die auf die nächste Generation fokussiert sein soll, ist unter Mitwirkung von Treštíkovás eigener Tochter Hana in Arbeit.

Helena Treštíková bezeichnet sich als „beobachtende Filmemacherin“. Es gehe schließlich nicht um sie, sondern um ihre Protagonistinnen und Protagonisten. Nach ihnen sind Treštíkovás Filme häufig betitelt: Marcela und René, Katka und Mallory. Die Regisseurin vermeidet es dabei weitgehend, selbst vor der Kamera zu agieren. Hin und wieder ist sie aus dem Off als Gesprächspartnerin zu hören. Auch Menschen aus dem persönlichen Umfeld wie die Familie ihrer Kinderfreundin Jana in „Private Universe“ von 2012 bleiben die Ausnahme.

Treštíková ist in ihrer Rolle als Filmemacherin stets präsent

Die Besonderheit ihrer Langzeitbeobachtungen sind die engen Beziehungen, die während der Dreharbeiten zwischen der Regisseurin und den Menschen, die sie begleitet, entstehen. Auf der Tonebene findet diese Niederschlag in Auszügen aus Korrespondenzen oder Nachrichten auf ihrer Mailbox. Treštíková ist in ihrer Rolle als Filmemacherin stets präsent. Mit ihrem langjährigen Cutter Jakub Hejna wählt sie das umfangreiche Material aus. Sie ordnet und verdichtet, baut dramaturgische Spannungsbogen und gibt den Inszenierungen ihrer Protagonistinnen Raum. In ihren Filmen geht es nicht um vorgebliche Unmittelbarkeit.

Treštíková hat die gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge dabei immer im Blick. Aber ihr Interesse gilt dem Einwirken der Zeit auf individuelle Leben – gerade auch auf solche, die gesellschaftlichen Normen nicht entsprechen. Ihre Filme sind ganz auf ihre außergewöhnliche Protagonistinnen und Protagonisten zugeschnitten: Mallory zum Beispiel, die nach der Geburt ihres Sohnes dem Heroin abschwört. Einige Jahre später lebt sie so gut wie auf der Straße, aber selbst an diesem Tiefpunkt hat sie noch genug Willenskraft, um sich wieder aufzurappeln. Oder Katka, die die Regisseurin als knapp 20-Jährige in einer Entzugsklinik kennenlernt und über einen Zeitraum von zehn Jahren begleitet. Im Leben des jungen „Desperado“ Rene markieren Fernsehbilder die Zeitenwende. Sie zeigen eine historische Abfolge von Präsidenten, wie sie im erst politisch und dann auch territorial neu konfigurierten Staat zur Angelobung schreiten. Die Regisseurin gehörte Anfang 2007 selbst für wenige Wochen als Kulturministerin der Regierung Topolánek an. Doch Helena Treštíková hat sich fürs Filmemachen entschieden.

Die Werkschau mit den Filmen von Helena Treštíková läuft vom 2. bis 20. März im Arsenal Kino

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben