Kultur : art forum berlin: Noch keine Epidemie

Thea Herold

Der Galerist verkauft. Der Kunstfreund sammelt. Für einen kurzen Moment schwebt auf der Vernissage Verpackungsfolie an den Weingläsern vorbei. Wie neulich in der Auguststraße 26. Ein paar Tage zuvor herrscht bei der Eröffnung der Ausstellung mit Werken von Angela Hampel in der Galerie Leo.Coppi Gedränge am Grafikschrank. Eine Traube von Menschen begutachtet sachkundig die frischen Blätter und Arbeiten auf Papier. Man sieht nicht nur hin, sondern fragt auch nach den Preisen. Ein paar Ecken weiter hatten die besten Zeichnungen vom britischen Star Tracey Emin in der Galerie Gebauer schon kurz nach Beginn der Ausstellung ihre Käufer gefunden. Und Mitte Mai wurde in der Galerie Frank + Schulte die Ausstellung eines jungen Berliner Malers gleichsam am Stück verkauft. Johannes Kahrs jüngste Offerte kam, hing und war in jeder Hinsicht ein Erfolg. Um es ganz behutsam zu sagen: In Berlin wird Kunst nicht nur gezeigt, debattiert, besprochen oder zur Information des geneigten Betrachters ausgestellt. Hier soll die Kunst auch ihre Käufer finden. Aber hier - so geht doch immer die Rede - fehlen die Sammler.

Stimmt das heute noch, oder beginnt da gerade ein Klischee zu verwelken? Natürlich muss jeder Versuch einer Antwort allein daran schon scheitern, dass sich weder der Begriff vom "Berliner" noch der vom "Sammler" präzise definieren lassen. Sammler sind Privatiers. Sie stehen nicht im Telefonbuch. Sie bleiben gern unentdeckt, und viele reden nur höchst ungern über sich. Meistens gibt es für jenen mirakulösen Moment, wenn die Kunst auf ihren Sammler trifft, auch keinerlei Worte. Das passiert spontan, individuell, allmählich oder abrupt. Schon vor Generationen hatte es der Franzose Balzac wie eine Art leises Rufen beschrieben: "Ich glaube an die Intelligenz der Kunstwerke; sie kennen die Liebhaber, sie rufen sie."

Vielleicht wird auch deshalb in diesen Tagen wieder einmal gern nach den Sammlern gefragt. Denn ohne Sammler geht nichts. Aber stellen wir die Frage doch einfach mal anders: Was macht für uns den Kunstsammler eigentlich so interessant? Die Kraft kultivierter Leidenschaften? Die altruistische Freude an Entdeckung und Förderung unentdeckter Talente, das kenntnisreiche Abwägen und individuelle Vergleichen, der Besitzerstolz oder die Ekstase, wenn das Objekt der Begierde in den Händen liegt, zu Füßen steht oder vor Augen hängt? Oder der Stolz auf das Seltene, das Einzigartige, Singuläre? Oder der Konflikt, die Leidenschaft nicht mehr stoppen zu können, die Rivalität der Neigungen, wenn man nur einer zu folgen, sich leisten kann oder der anarchistische Trieb, schlichtweg Vorsorge zu treffen und eine Rarität, einen Talentbeweis, ein Sammlerstück zu erhalten und ihm treu zu bleiben - zuweilen der Kunst mehr als den Menschen? Oder eine Mischung aus allem?

"Es gibt viele Arten von Sammlern; zudem sind in jeglichem eine Fülle von Impulsen am Werk," schrieb Walter Benjamin, und bekanntlich mischen sich diese Impulse in jeder Generation wieder neu. Jeder sammelt anders. Jeder sammelt erst einmal für sich. Ein Sammler wird getrieben. Das hat mit dem Preis für das Objekt seiner Leidenschaft erst einmal gar nichts zu tun. Er sieht etwas, das er wie kein anderer sieht. Irritierend oder betörend, erinnernd oder verführerisch, manchmal einfach nur schön oder dekorativ. Und dann gibt es noch die ewigen Gründe zum Sammeln, die jeden Menschen zum Sammeln treiben, seitdem es das Wort Vorrat im Sprachwortschatz gibt. Für den einen funktionieren seine Kunstwerke wie kostbare, gut chiffrierte, nur von ihm zu entschlüsselnde Erinnerungsmodule an eine vergangene Zeit oder eine konkrete Situation, und er will sie bewahren. Für den anderen muss seine private Entdeckung nach Kräften provozieren, Grenzen durchbrechen - wie ein Talisman für Courage. Ein nächster sucht nach einer sonst seltenen Ordnung und Klarheit, findet sie in Konzepten oder konstruktivistischen Bildkonstruktionen und schafft sich im privaten Raum sein Gegengewicht zum Chaos im Leben. Und wieder ein anderer arrangiert im privaten Refugium die Wahlverwandschaft zu seinen Künstlerfreunden, sammelt ihre Werke als Zeugnisse geistiger Freundschaft. Er lebt mit ihnen. Sie sind wie ein Spiegelbild. Und meistens ist der Sammler bis heute nicht nur stolzer Besitzer, aufmerksamer Hüter, erster Archivar - sondern in vielen Fällen auch der verständigste Vermittler.

Kunstherbst - Also ist in Berlin die Frage nach den Sammlern wieder aktuell. Es gibt mittlerweile weit mehr als nur die bekannten und einzigartigen Privatsammlungen von Heinz Berggruen und Erich Marx. Oder die profilierte Sammlung Hoffmann in den Sophie-Gips-Höfen. Es gibt zunehmend, im Benjaminschen Sinne, Reaktionen auf den Impuls. Der sammelnden Begeisterung begegnet man in den Messehallen und in den Galerien in diesen Tagen. Aber es stimmt nicht, dass das Sammeln von Kunst ansteckend wirkt. Sonst gäbe es in den nächsten Tagen eine Epidemie.

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