„Ashland & Vine“ von John Burnside : Die Ehe kann nur Theater sein

Der schottische Autor John Burnside erzählt in seinem neuen Roman „Ashland & Vine“ die Geschichte einer Genesung.

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John Burnside, Autor von „Lügen über meinen Vater“ und „Wie alle anderen“.
John Burnside, Autor von „Lügen über meinen Vater“ und „Wie alle anderen“.Foto: Lucas Burnside / Randomhouse

Der schottische Schriftsteller John Burnside ist hierzulande längst kein Geheimtipp mehr. Seine bildstarke Lyrik wird gerühmt, und viele Leser wurden in den Bann gezogen von seinen dunklen autobiografischen Konfessionen, insbesondere „Lügen über meinen Vater“. Darin schildert er die hassgeladene Beziehung zu seinem tyrannischen Trinker-Vater, der doch auch ein Spiegel der eigenen Existenz ist. Sucht, Psychose, Verbrechen, Albtraumwelten, in deren Abgründen Menschen verschwinden – das sind die bisweilen an die Filme von David Lynch erinnernden Grundmotive von Burnsides Werken. Sie kehren wieder im neuen Roman „Ashland & Vine“, auch wenn es hier zugleich um die Geschichte einer Genesung geht.

Hauptfigur und Ich-Erzählerin ist die Filmstudentin Kate Lambert. Trauer und exzessives Trinken bestimmen ihre Tage, seit ihr Vater gestorben ist. Sie lebt mit dem genialischen Stipendiaten, experimentellen Kurzfilmemacher und „anthropologischen Provokateur“ Laurits in der fiktiven US-Provinzstadt Scarsville. Beide verfolgen ein Interviewprojekt, das Laurits nächstem Film dienen soll. Kate klopft bei wildfremden Menschen an, um sie mit offensiven Fragen zum Erzählen ihrer Lebensgeschichten zu bringen. Zugeschlagene Türen und spöttische Bemerkungen sind meist die Reaktion. Aber dann lernt sie auf ihrer Tour Jean Culver kennen und ist fasziniert. Die alte Frau lebt allein in einem Haus mit großem Garten, hackt Holz und gibt sich resolut und lebensphilosophisch. Als Fürsprecherin des einfachen Lebens wäre sie für Kate die ideale Interviewpartnerin. Auch Jean fühlt sich zu der Filmstudentin hingezogen, sie erkennt in ihr sogleich eine verwandte und problembeladene Seele und beginnt eine trickreiche Therapie.

Amerikanischer Roman eines Schotten

Eine Wette wird geschlossen: Nur wenn Kate völlig auf Alkohol verzichtet, bekommt sie Jeans Lebensgeschichte; eine Art Scheherazade-Konstellation: „Geschichten im Tausch für nüchterne Tage“. Kate entzieht – und steht eine Woche voller Albträume durch. Dann beginnt die alte Frau zu erzählen, zunächst von ihrer Kindheit in Alabama. Schnell kommt sie auf das familiäre Trauma zu sprechen, für das der Titel „Ashland & Vine“ steht. Ihr Vater, ein Anwalt, wurde in einem verrufenen Viertel von Scarsville an der Straßenecke Ashland und Vine erschossen; ihr Bruder Jeremy hat den Mord beobachtet. Auch von persönlichen Enttäuschungen erzählt Jean, etwa von ihrer Freundin Lee, der Liebe ihres Lebens, die schließlich doch einen Mann heiratete und eine Familie gründete. Wenig Gutes hat sie auch über Gloria, die Ehefrau von Jeremy, zu sagen, und von Jeremys und Glorias Kindern berichtet Jean ebenfalls, vor allem von ihrer Nichte Jennifer, die sich in den Sechzigern politisch radikalisierte, in den Bannkreis der militanten Untergrundorganisation der Weathermen geriet und den Kontakt zur Familie abbrach.

Diese Geschichte erinnert an das Tochter-Drama von Philip Roths Roman „Amerikanisches Idyll“. Der Vergleich mit der eindringlicheren Darstellung Roths wirft die Frage auf, warum der Schotte Burnside dieses Mal unbedingt auf einen „großen amerikanischen Roman“ zielt. Ein reales Schottland hätte dem Buch womöglich bessergetan als ein durch Filme, Bücher und Popkultur vermitteltes Amerika.

Originelle Bilder und Metaphern

Indes genießt man Burnsides Beschreibungskunst: Orte und Atmosphären, Natureindrücke und Wetterlagen; der Vorgeschmack des Herbstes im klammen Licht eines Spätsommertags. Burnside verleiht dem Unscheinbaren Hintergründigkeit, er ist ein Meister des metaphysischen Realismus. Zur sensiblen Wahrnehmung kommt die Fähigkeit zur pointierten Reflexion, auch seiner Figuren. Sie findet ihre Zuspitzung in originellen Bildern und Metaphern, etwa wenn Jean ihre Meinung über die Ehe mitteilt: „Ich kann mir nicht helfen, aber für mich ist die Ehe ein absurder Versuch gegenseitiger, nein, gemeinsamer Selbsttäuschung. Mir kommt sie wie ein Kostümpferd vor: zwei in unmöglicher Stellung vereinte Menschen, die sich als ein Wesen ausgeben, und alle Welt tut, als sei dies Theater ein voller Erfolg.“

Solche gewitzten Passagen täuschen aber nicht über die Schwächen des Romans hinweg. Die Rahmenhandlung mit Laurits wirkt allzu konstruiert. Zudem wird dem Leser entscheidendes Wissen vorenthalten – warum wird Jeans Vater erschossen, warum Laurits erstochen? Mag sein, dass Burnside diese Hintergründe bewusst im Unscharfen belässt, weil es ihm nicht auf einen logischen Thriller-Plot ankommt, sondern darauf, das Abgründige und Böse ahnbar werden zu lassen. Zentrale Situationen, die deutlicher auserzählt werden, wirken dagegen wie plakative Geschichtslektionen – etwa dass Jeremy ein weiteres psychisches Trauma erleidet, weil er als US-Soldat in Frankreich 1944 Zeuge eines Massakers der SS wird.

Gemischte Eindrücke

In Kates Gesprächen mit Laurits geht es auch um Erzähltheorie. Das „Narrative“ ist einer seiner Lieblingsbegriffe; er versteht unter diesem gegenwärtig so strapazierten Wort aber nicht sinnstiftende Motive oder das konventionelle, auf die Handlung fixierte Erzählen, sondern Atmosphärisches, Stimmungen, Texturen. Im Gegensatz zu diesen Postulaten steht die konventionelle Darbietung der Jean-Culver-Handlung. Die alte Frau erzählt Familiengeschichte wie zu Großmutters Zeiten und gibt Wahrnehmungsdetails wieder, die in dieser vermittelten Redesituation unglaubhaft wirken. Burnside lässt auch Kate darüber staunen, was die Sache nicht plausibler macht: „Jean erzählte aus der Erinnerung mit einer geradezu dokumentarischen Präzision, so als wären die Details irgendwo im Hinterstübchen ihres Hirns eingraviert.“

Die präzisen Details sind beeindruckend, das Hinterstübchenhafte ihrer Darbietung weniger. So hinterlässt „Ashland & Vine“ gemischte Eindrücke: ein großer Schriftsteller, der in leuchtenden Bildern Kates Heilung von Alkohol, Drogen und Selbstbetrug beschreibt und das Glück ihres neuen, vom alltäglichen Dasein erfüllten Lebens vermittelt. Und ein Roman, dessen Konzeption nicht überzeugt.

Ashland & Vine. Roman. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Knaus Verlag, München 2017. 416 Seiten, 24 €.

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