Kultur : Auch Camus war mal Torwart

Der Ball ist rund, Bücher sind eckig: Was Dichter über Kicker denken. Ein Gipfeltreffen in Berlin

Harald Martenstein

Es gibt also tatsächlich eine „DFB-Kulturstiftung“. Hat denn der Deutsche Fußballbund mit seinem Fußballkram nicht schon genug um die Ohren? Es gibt doch auch keine Volleyballakademie der Deutschen Oper, der Ball ist doch rund und die Bücher sind eckig. Nein, Fußball betrifft alle und alles, zumal im Jahre 2006. Die Kulturstiftung und die FIFA und andere veranstalten deswegen solche Sachen wie den „Gipfel der Welt-Literaturen“ im Berliner Museum für Kommunikation, zu dem sie Großliteraten wie Henning Mankell, Javier Marias oder Per Olov Enquist einladen, um über Fußball zu reden, „Kopfballspieler“ nennen sie das originellerweise. Die Intellektuellen und der Fußball, oh là là, eine Amour fou, und dann, Chérie, kommt auch noch die Weltmeisterschaft dazu.

Nachmittags: recht wenige Zuhörer, die meisten davon Journalisten. Der Moderator wendet sich an den koreanischen Lyriker Hwang Chi-Woo: „Ich würde ganz gerne nach der Funktion des Fußballs und der Funktion des Poetischen in Südostasien fragen.“ Herr Chi-Woo gibt zu verstehen, dass beides, sowohl der Fußball als auch das Poetische, in Südostasien eine nicht unwichtige Funktion besitzen. Viktor Jerofejew dagegen wird nach „der Rolle der Bedeutung des Phänomens Fußball in Russland“ gefragt. Jerofejew spricht über die Diktatur in der Sowjetunion.

Spannendster Teilnehmer ist der Brite Tim Parks, der in Italien lebt und ein Buch über den italienischen Fußball geschrieben hat. Spannend deshalb, weil Parks keinen niedlichen Wir-sind-elfFreunde-Blick auf den Sport hat. Ganz im Gegenteil beschreibt er ihn als kollektives Delirium, einen der wenigen gesellschaftlichen Orte, an denen wir ungestraft Verachtung, Hass, Wut und Ekstase öffentlich ausleben dürfen, im Inneren eines Stadions. Er beschreibt in „Eine Saison mit Verona“ das Leben der angehenden Profis, immer unter Kontrolle, immer beherrscht, kein falsches Wort zum Trainer, früh ins Bett, keine Mädchen oder Bücher, kein falsches Wort zu Journalisten, nur Fußball und Disziplin, dann aber, auf dem Platz, das Explodieren, sich nichts bieten lassen, kämpfen, bis das Blut im Schuh steht.

Fußball ist bei Parks keine Völkerverständigungsmaschine, sondern eine unbewaffnete Schlacht. Fußball ist moderner denn je, sagt Parks, weil Fußball ironisch ist: Freude und Leid der Fans sind einerseits echt. Andererseits wissen tief in ihrem Inneren auch die meisten Fans, dass es auf dem Spielfeld nicht wirklich um etwas für sie Existenzielles geht. Beim nächsten Spiel wird die innere Uhr wieder auf null gestellt, seine Gefühle empfindet der Fan hauptsächlich um ihrer selbst willen. Liebe, Hass, Begeisterung und so weiter bleiben auf der Stadiontribüne weitgehend folgenlos, Ekstase ohne Risiko, das ist wohl das Schöne daran.

Am Abend ist der Saal voll, diesmal sind Schriftsteller und Fußballer da. Per Olov Enquist erzählt, dass er zwei Jahre lang in der schwedischen Regionalliga Torwart gewesen ist. Camus und Nabokov waren ebenfalls eine Zeit lang Torwart. Javier Marias, Fan von Real Madrid, hat dagegen eine Zeit lang Linksaußen gespielt. Er trat als Fußball-Neoliberaler auf, der weniger Regeln und weniger Rote Karten möchte, freies Spiel der Kräfte, na, ob das wohl gut wäre für die empfindlichen Beinchen der superteuren und nicht mehr ganz jungen Real-Spieler?

Henning Mankell glaubt, dass Menschen, die gegeneinander Fußball spielen, einander nicht töten, er ist gegen Big Money im Sport, er rief „Gott segne die multikulturellen Teams!“, Mankell ist ein rundum guter Mensch, möge die Welt ihn niemals enttäuschen. Der Österreicher Franzobel fragt, warum die Fußballer nicht mal versuchen, als Kohorte vorzurücken – der ballführende Spieler in der Mitte, die anderen bilden einen engen Kreis um ihn herum, kein Gegner kommt an den Ball heran, er habe keine Regel gefunden, die das verbiete. Der Ex-Schiedsrichter Bernd Heynemann schaut nachdenklich. Die anwesenden Fußballer (Nationalspielerin Nia Künzer, Trainer Ralf Rangnick, Ex-Hertha-Spieler Axel Kruse) sagen überhaupt recht wenig.

So verstreicht die Zeit, es ist, wie Fernsehen meistens ist: weder total langweilig noch wirklich interessant. Die Literaten pflegen das Anekdotische, die Fußballer knurren in den Erzählpausen manchmal einen ihrer gusseisernen Fußballersätze, „ich find’s im Stadion ne tolle Atmosphäre“ oder „Es ist toll, dass man Fußball überall einfach so spielen kann“, solche Sachen, und irgendwann denkt man daran, wie viele derartige Veranstaltungen es wohl noch geben wird, wie viel in diesem Jahr zum Thema Fußball geredet, gesendet, geschrieben wird, dann, bei der WM, zwei Stunden Vorrede vor jedem Spiel, zwei Stunden Nachbereitung nach jedem Spiel, da interviewen sie jeden, wirklich jeden, der eine Zunge besitzt oder ein Gehirn oder sogar beides, das wird der Hype des Jahrhunderts, da kommt eine Nebelwand aus Wörtern und Sätzen auf uns zu, ein Gebirge aus Gedanken, darunter nur wenige neue, und ob wir in dieser nebligen Gebirgslandschaft überhaupt noch den Fußball finden werden, lautet die große Frage, denn Fußball ist auf dem Platz, wie ein Fußballer es vermutlich ausdrücken würde. Vielleicht ist man, wenn es im Juni endlich losgeht, der ganzen Sache ja bereits überdrüssig und fährt, wenn man genug Kohle hat, zum Golfen nach Irland.

Das sehen die Teilnehmer des Podiumsgesprächs erstaunlicherweise genauso. Gegen die Absage der WM-Eröffnungsgala in Berlin wird, als sie gefragt werden, kein Protest laut, im Gegenteil, Erleichterung ist zu spüren. Wenigstens das findet mal nicht statt.

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