Kultur : Auch der Staatsfeind ist von Interesse

Bevor der Pragmatismus zum Dynamit wird: Warum die umstrittene RAF-Ausstellung in den Berliner Kunstwerken stattfinden sollte

Diedrich Diederichsen

Ausstellungen sind nicht, wie einer der Vorredner bei dieser Debatte meinte, Medien. Sie sind keine neutralen Werkzeuge kommunikativer oder ästhetischer Zwecke, sondern gehören immer schon je unterschiedlichen kulturellen Genres an. In den Berliner Kunstwerken wurden bereits etliche grenzüberschreitende Ausstellungen gezeigt. Gemeinsam war ihnen aber – mit Ausnahme der überarbeiteten Wehrmachtsausstellung im Winter 2001 –, dass sie von der Bildenden Kunst ausgingen und Begriff wie Praxis der Kunstausstellung erweitern wollten. Sie gingen eben nicht von der dokumentarisch deskriptiven Praxis der historischen Ausstellung aus, um von dort nach der Ambivalenz des Künstlerischen zu suchen.

Diese Ausstellungen wollten also argumentieren und diskutieren und sich nicht darauf beschränken, Fakten als Diskussionsgrundlage zu präsentieren. An der Wehrmachtsausstellung hat mich seinerzeit irritiert, dass sie sich so bruchlos in die anderen Ausstellungen der Kunstwerke einreihen sollte. Denn bei ihr ging es ja gerade um Dokumente der Geschichte, deren Relevanz sich eben nicht als bloße Position aus einer bestimmten politischen oder kulturellen Perspektive heraus relativieren lässt. Auch über die RAF lassen sich historische und argumentative Ausstellungen machen. „Mythos RAF“, der Titel der für nächstes Jahr geplanten Ausstellung, legt nahe, dass die Rezeption der RAF präsentiert und diskutiert werden soll. Das geht mit oder ohne Kunst. Nun liest man, der Zeitgeschichtler Wolfgang Kraushaar sei als Berater gewonnen worden, man wolle aufklären und deglorifizieren. Anscheinend geht es den Organisatoren also darum, mit dem Mythos RAF zu brechen. Ob und wie das im Rahmen einer Ausstellung funktionieren kann, die keine neuen historischen Dokumente präsentiert, scheint mir allerdings ebenso fraglich wie die Bestimmung des Ortes, von dem aus dies geschehen soll. Aller Voraussicht nach können doch so den diskursiven Schichten, die den Mythos RAF bilden, nur neue hinzugefügt werden.

Dabei wäre es kein Problem, künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Thema RAF in einer Ausstellung zu versammeln. Diskursive, aufklärerische, aber auch verträumte. Dabei ist die Angemessenheit der Exponate keine Frage des Verhältnisses zu den Idealen der RAF, sondern eine der Qualität. Gerade in letzter Zeit hat es allerlei geglückte Vorarbeiten gegeben. Man denke an „Die Gewalt ist der Rand aller Dinge“ von Alice Creischer und Andreas Siekmann in der Wiener Generali Foundation. Oder an die vielfältigen Bezüge zum Zusammenhang von politischer Gegenkultur und Gewalt bei Raymond Pettibon oder Daniel Richter. Beide haben beispielsweise eine Ausgabe der „tageszeitung“ zum ersten Jahrestag des 11. September gemeinsam gestaltet. Und natürlich wäre Hans Peter Feldmanns vielgepriesener Zyklus „Die Toten“ zu nennen: eine stringente und beeindruckende Arbeit, die zu jedem Toten auf beiden Seiten je ein Bild präsentierte. Dabei handelte es sich durchweg um bereits veröffentlichte Bilder, auf denen die betreffende Person nicht unbedingt zu sehen war: Jugendbildnisse, Passbilder oder auch Fotos des Ortes, an dem jemand ums Leben kam.

Man muss also nicht unbedingt auf die bekannte „Stammheim“-Werkgruppe von Gerhard Richter zurückgreifen. Darüber hinaus hat Pettibon einen vierteiligen Videozyklus über Terrorismus und Subkultur gedreht. Bruce La Bruce sitzt gerade am Schneidetisch über seiner Auseinandersetzung mit der RAF, ganz zu schweigen von den klassischen gelungenen Kinofilmen zum Thema, von Rainer Werner Fassbinders „Dritter Generation“ bis zu Christian Petzolds „Innere Sicherheit“. Es wäre interessant, diese und andere Arbeiten aufeinander und auf ihren gemeinsamen Gegenstand zu beziehen. Eine Kunst-Ausstellung zur RAF braucht also keineswegs dem Thema unangemessen zu sein.

Symptomatisch für ein Missverständnis erscheint mir das wiederholt vorgebrachte Argument, mit staatlichem Geld dürfe man keine staatsfeindlichen Positionen unterstützen. Wenn es für eine staatsfeindliche Positionen gute Gründe oder auch nur ein Interesse gibt, dann muss staatliche Kulturpolitik dazu beitragen, dass sie gehört und diskutiert werden kann. (Das soll nicht heißen, dass ich der Meinung bin, für die Aktionen der RAF hätte es gute Gründe gegeben.) Wenn sich niemand dafür interessiert, kann man es lassen. Vor allem aber darf die Autonomie von Fachjurys nicht durch suggestiv ahnungsvolles Geraune populistischer Politiker angetastet werden

Natürlich kann auch ich über die Absichten der Ausstellungsmacher nur spekulieren. Dennoch: Das Wichtigste einer solchen Ausstellung wäre ihre spezifische Fragestellung – jenseits der zeitgemäßen Idee. Thema der Ausstellung sollte weder die RAF noch ihr Mythos sein, sondern das heute so überaus lebendige Interesse an diesem Themenkomplex. Ein Interesse, das mit dem kaum noch vorstellbaren Umschlag von gesellschaftskritischen Lebensformen in politische Taten zu tun haben mag. Aber auch mit einer (unguten) Romantik des Handelns, mit dem verbreiteten populistischen Denkfehler, Kritik müsse unumwunden in Taten übergehen. Andernfalls sei sie unrealistisch, feige oder bloßes Gerede.

Diese Verbindungen zwischen Gesellschaftskritik und ihrer politischen Wirkung scheinen heute aber ganz gekappt zu sein. Die Blockade jeglicher Folgen von Gesellschaftskritik durch einen bornierten Pragmatismus könnte zu Explosionen aller Art führen. Dies zum Thema zu machen, darin läge die Aktualität einer Ausstellung zur RAF.

Wie kann, wie soll eine Ausstellung über die RAF aussehen? Nach Andres Veiel, Harald Martenstein, Christoph Stoelzl und Diedrich Diederichsen folgt in unserer Reihe ein Beitrag des ehemaligen Präsidenten des Bundeskriminalamtes Hans-Ludwig Zachert.

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